Gemeindehaus spiegelt sich in Autodach

Nach Bekanntwerden von mehr als 100 Covid-19-Infektionen im Umfeld einer freien baptistischen Gemeinde in Frankfurt hatte die Gemeinde zunächst betont, alle Schutzregeln seien eingehalten worden. Nun räumten die Verantwortlichen Versäumnisse ein.

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hsk
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Nach dem Gottesdienst in Frankfurt, auf den über 100 Covid-19-Fälle zurückgehen, hat sich die Gemeinde zu ihren Schutzvorkehrungen geäußert. In einer Stellungnahme auf der Internet-Seite der Evangeliums-Christen-Baptisten heißt es:

"Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten".

Abstand, Desinfektion, Hinweise

Da es in der Gemeinde viele Familien mit fünf und mehr Kindern gebe, nehme die Zahl der Ansteckungen zu Hause weiter zu. Die Betroffenen seien in häuslicher Quarantäne. Die Gemeinde nehme "kritische Anmerkungen" ernst und stehe im Austausch mit den Gesundheitsbehörden, hieß es weiter. Der Vereinsvorsitzende befinde sich in kritischem Zustand auf der Intensivstation.

Bei dem Gottesdienst am 10. Mai im Bethaus der Gemeinde im Stadtteil Rödelheim hatte es nach Angaben des Vereins separate und kontrollierte Ein- und Ausgänge, Hinweisschilder und ausreichend Desinfektionsmittel gegeben.

Der Abstand von 1,5 Metern sei eingehalten worden, hatte der stellvertretende Vorsitzende Wladimir Pritzkau bereits am Samstag gesagt. Und doch kam es zum Ausbruch in Frankfurt und Hanau sowie in den Kreisen Wetterau und Hochtaunus. Möglicherweise sind weitere Landkreise betroffen.

Die Zahl der Infizierten erhöhte sich derweil von den am Sonntag genannten 107 Fällen leicht auf 112 am Montag. Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, sagte am Dienstag, an dem Gottesdienst hätten insgesamt etwa 180 Menschen teilgenommen.

Land machte keine weiteren Auflagen

Als der Gottesdienst stattfand, war das nach der entsprechenden Lockerungsverordnung des Landes Hessen wieder erlaubt - nämlich seit 1. Mai und unter Auflagen. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Sozialminister Kai Klose (Grüne) hatten bei Erlass der Verordnung keine weiteren Auflagen wie das Tragen einer Schutzmaske oder den Verzicht auf Gesang gemacht.

Warum das Land - anders als für Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel - in Gottesdiensten keine Vorgabe zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes machte, ließ das Sozialministerium auf Nachfrage am Montag zunächst unbeantwortet.

Gesundheitsdezernent: "Komplizierte Nachverfolgung"

Minister Klose ließ mögliche Konsequenzen am Montag offen. "Der Sachverhalt muss zunächst dezidiert aufgeklärt werden - dazu gehört auch das zeitliche Umfeld des Gottesdienstes", erklärte der Grünen-Politiker. "Danach kann erst bewertet werden, ob und wie gegebenenfalls konkret in dem Einzelfall Konsequenzen zu ziehen sind."

Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) regte derweil an, dass generell und landesweit - wie bei den Gaststätten auch - alle Teilnehmer von religiösen Zusammenkünften namentlich erfasst und diese Listen bei einem Infektionsfall den Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt werden. Bereits jetzt würden zwar alle Gemeinden, die den evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern in Hessen angeschlossen sind, so verfahren - allerdings auf freiwilliger Basis. Eine einheitliche Richtlinie von Seiten des Landes würde eine schnelle und effiziente Nachverfolgung der Kontakte ermöglichen, mahnte der Dezernent. Der aktuelle Fall zeige, "wie kompliziert die Nachverfolgung ist, wenn die Anwesenden erst mühsam recherchiert werden müssen. Dabei geht viel wertvolle Zeit verloren."

Andere Kirchen empfehlen Schutzmasken

Die betroffene Gemeinde steht nach Angaben der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Frankfurt nicht in Verbindung mit dem Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden in Deutschland. Dieser hatte in seinem Schutzkonzept Besucher aufgefordert, eine Schutzmaske zum Gottesdienst mitzubringen und zu tragen, sowie auf Gemeindegesang und Chöre zu verzichten. Präsenzgottesdienste finden in der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde nach eigenen Angaben aktuell nicht statt.

Das Schutzkonzept der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beinhaltet ebenfalls einen Verzicht auf das Singen sowie eine dringende Empfehlung, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Namenslisten sind in der EKHN - über die Vorgaben des Landes Hessen hinaus - verpflichtend. Auch muslimische und jüdische Gemeinden erarbeiteten eigene Hygienekonzepte. Die Evangeliums-Christen-Baptisten hatten ihre Gottesdienste nach Bekanntwerden der Infektion ins Online-Format überführt.

Besorgte Ruhe in Limburg

Das Bistum Limburg nahm den Corona-Ausbruch mit Besorgnis wahr. Man wisse jedoch nicht, inwiefern Abstands- und Hygienevorschriften in der Baptisten-Gemeinde eingehalten worden seien, sagte Bistumssprecher Stephan Schnelle am Montag. Handlungsbedarf bestehe im Bistum Limburg deswegen nicht. "Wir sehen aktuell keinen Anlass dazu, unsere Regelungen grundsätzlich zu überarbeiten oder infrage zu stellen. Wir sind nicht entspannt, bleiben aber ruhig."

An Pfingsten werde es wohl in jeder Pfarrei einen Gottesdienst geben, erklärte Schnelle. "Bislang bekommen wir die Rückmeldung, dass sich die Pfarreien an die Regelungen halten. Fälle wie in der Baptistengemeinde sind uns bislang nicht bekannt."

Fulda: Nur der Kantor singt

Im Bistum Fulda zeigte man sich "überzeugt, dass wir mit unserem Sicherheitskonzept richtig liegen, wonach streng auf den Abstand zwischen Gläubigen untereinander und dem Priester zu achten ist", sagte Bistumssprecher Christof Ohnesorge. Es gelte zudem ein Anmeldeverfahren für die Gläubigen, die an Sonntagen an Gottesdiensten teilnehmen möchten. Und: Für den Gesang wurde eingeführt, "dass ein Kantor singen soll und nicht die Gläubigen, damit eine Abstandsregel von sechs Metern möglich ist, um Sprühinfektion zu verhindern", so der Bistumssprecher.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 25.05.2020, 16.45 Uhr