Kommunale Unterkunft für Wohnungslose in Frankfurt

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Trotz Arbeit im Behelfsquartier

In Hessens Großstädten müssen mittlerweile über 5.000 Wohnungslose in Behelfsquartieren untergebracht werden. Das hat eine hr-Umfrage in Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt und Offenbach ergeben. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, die Unterbringung verursacht hohe Kosten.

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Alex Bagow (Name geändert) hat im Moment nur einen Wunsch: Endlich wieder eine eigene Wohnung. Bagow ist Deutscher, ledig, kinderlos und hat eine Vollzeit-Arbeit. Trotzdem lebt er in einer städtischen Wohnungslosen-Unterkunft in einem Frankfurter Industriegebiet. Seit zweieinhalb Jahren schon, seit er erst seinen damaligen Job und dann seine Wohnung verlor.

Die Grafik zeigt die Zahl der untergebrachten wohnungslosen Menschen in hessischen Städten im Verlauf der letzten drei Jahre.
Die Zahl der von den Kommunen untergebrachten Wohnungslosen ist stark gestiegen Bild © hessenschau.de

Die Stadt bringt ihn seitdem in einem 9-Quadratmeter-Zimmer mit Toilette und Dusche unter, in einem umgebauten Bürogebäude im Stadtteil Fechenheim. Ein privater Investor hat dort kleine, spartanisch ausgestattete Apartments eingerichtet. Die Stadt mietet sie, um Menschen wie Bagow vor der Obachlosigkeit zu bewahren.

Netto-Einkommen 1.000 Euro im Monat

Bagow arbeitet als Leiharbeiter für das Frankfurter Entsorgungsunternehmen FES. Er ist "Läufer". Das heißt: Er holt die Mülltonnen aus den Häusern und stellt sie zur Leerung bereit. Ein Knochenjob, für den ihm die Leiharbeits-Firma rund 1.000 Euro netto pro Monat überweist. Ein Mini-Lohn und kein Festvertrag: "Damit eine Wohnung zu finden, ist in Frankfurt unmöglich“, sagt Bagow.

Auch eine Sozialwohnung hat Bagow noch nicht bekommen. Zwar stehe er seit zweieinhalb Jahren auf der Warteliste, aber da er alleinstehend und erwerbstätig ist, komme er nicht zum Zuge, sagt er: Familien, Behinderte und Arbeitslose hätten Vorrang. So bleibt ihm nur die Behelfsunterkunft, die eigentlich für kurzfristige Notlagen gedacht ist.

Landesweit mehr als 5.000 Wohnungslose

Im Moment bringt die Stadt Frankfurt über 3.100 Wohnungslose in Behelfsquartieren unter – so viele wie nie zuvor. Vor fünf Jahren wurden noch 2.200 Wohnungslose versorgt. Das ist ein Plus von über 40 Prozent. Wiesbaden, Kassel und Offenbach haben ähnliche Steigerungsraten zu verzeichnen. Nur in Darmstadt war die Zahl zuletzt leicht rückläufig.

Damit müssen die fünf hessischen Großstädte zusammen über 5.000 Menschen versorgen, die keine Wohnung haben, auch keine Sozialwohnung. In diesen Zahlen sind nicht die vielen tausend Flüchtlinge erfasst, die derzeit noch in kommunalen Unterkünften leben. Auch nicht die – geschätzt – mehreren hundert Menschen, die eine kommunale Unterbringung ablehnen und lieber auf der Straße leben.

Schwierige Suche nach Behelfsquartieren

Für die Städte wird es zunehmend schwieriger, günstige Behelfsquartiere zu finden. Die Stadt Frankfurt greift dazu nach eigenen Angaben auf Wohnheime unterschiedlicher Betreiber zurück, auf zwischengenutzte Wohnungen und auf Hotels, meist mit niedrigem Standard. Auch Bagows spartanische Herberge in Frankfurt-Fechenheim firmiert als "Hotel".

Mit der Zahl der Untergebrachten wachsen auch die Kosten. Sie haben sich in Frankfurt, wenn man die Kosten für die Flüchtlingsunterbringung mit einrechnet, in den vergangenen fünf Jahren etwa vervierfacht – von rund 18 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 77 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

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Wohnungsnot - Defacto

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Weniger Flüchtlinge, mehr Wohnungslose

Die Stadt Wiesbaden nutzt neben Hotels zunehmend auch frühere Flüchtlingsheime. Diese würden in Notunterkünfte für Wohnungslose umgewidmet, erklärt das Sozialdezernat. Denn die Zahl die untergebrachten Flüchtlinge sinke, die der Wohnungslosen aber steige.

Nach Angaben der Landeshauptstadt tun sich Flüchtlinge oft leichter, eine Wohnung zu finden, als viele Wohnungslose ohne Flucht-Hintergrund. Bei etlichen Wohnungslosen gebe es Suchtprobleme, familiäre Schwierigkeiten oder eine Entfremdung von der bürgerlichen Lebenspraxis. Einige seien schlicht "nicht wohnfähig", erklärt das Sozialdezernat. Die Stadt wolle für solche Menschen jetzt eine besondere Betreuung organisieren.

Sendung: hr-iNFO, 16.5.2019, 06.00 Uhr