Jasmin S.

Eine junge Frau aus dem Rheingau war als Mädchen jahrelang sexueller Gewalt ausgesetzt. Im Interview erzählt sie, dass die Vergewaltiger sie im Internet kontaktierten - und wie sie einen Ausweg fand.

Die 24 Jahre alte Jasmin war über ein Jahrzehnt lang von sexueller Gewalt betroffen. Schon als Kind und Jugendliche wurde sie misshandelt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. An die Täter geriet sie zunächst über eine Mitschülerin, dann über Chatforen. Im Interview mit hessenschau.de spricht Jasmin über prekäre Familienverhältnisse, perfide Täterstrategien und ihren Ausweg aus diesem Teufelskreis.

Jasmin hat sich selbst an den hr gewandt, um ihre Geschichte öffentlich zu machen. Ihre Betreuerin und ihr Coach haben sie bei den Interviews und Dreharbeiten unterstützt.

hessenschau.de: Jasmin, Sie sind in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Was können Sie uns darüber erzählen?

Jasmin: Ich bin ohne meinen Vater und nur mit meiner Mutter aufgewachsen. Meine Kindheit war sehr einsam. Meine Mutter saß eigentlich immer auf dem Sofa oder lag im Bett. Es hat schon ein kurzes Hallo von mir gereicht, und sie war direkt genervt oder aggressiv. Meine Mutter hat mich verbal oft fertiggemacht, mich an den Haaren gezogen oder auch mal mit einem Messer bedroht. Eigentlich war ich in einer permanenten Notsituation. Meine Mutter hat zur Bestrafung auch manchmal die Küchentür abgeschlossen. Als kleines Mädchen hatte ich keine Chance, irgendwie dagegen vorzugehen.

hessenschau.de: Wer oder was hat Ihnen damals Halt gegeben, wenn zu Hause die Hölle los war?

Jasmin: Meine Schulfreunde. Mit einer Schulfreundin habe ich mich in der fünften Klasse besonders gut verstanden. Sie kam eines Tages plötzlich mit einer neuen Jacke und Zigaretten in die Schule und hat immer in ihr Handy getippt. Das hat mich total neugierig gemacht. Ich habe sie dann gefragt, was sie da macht. Dann hat sie geantwortet, dass sie sich mit einem Typen trifft und dass ich mitkommen kann, wenn ich will.

Weitere Informationen

Der Film

Jasmins ganze Geschichte ist in Melanie Taylors Film "Über Chats in die Prostitution - Ich war erst 11" seit 14. Oktober in der ARD-Mediathek abrufbar und am 21. Oktober, 21.30 Uhr, und am 24. Oktober, 18.30 Uhr, im hr-fernsehen zu sehen.

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hessenschau.de: Wussten Sie damals, worum es geht?

Jasmin: Ich hatte die Vorstellung, dass sie spazieren gehen, Eis essen, irgendwo chillen. Als es mir dann mal nicht gut ging, bin ich mitgekommen. Wir sind auf dem Schulweg nach Hause, und da stand ein schwarzes Auto, in dem ein Mann saß, der auf uns gewartet hat. Wir sind dann zu ihm nach Hause gefahren. Für mich war das ein ganz komisches Gefühl.

hessenschau.de: Hatten Sie damals keine Angst, dass was Schlimmes passieren wird?

Jasmin: Ich hatte Angst, war aber auch neugierig. Als wir dann bei dem Mann waren, sollte ich im Flur warten. Meine Freundin ist mit dem Mann verschwunden, und ich sollte Wache halten. Als meine Freundin zurückkam, habe ich gefragt, was sie gemacht hat, aber ich habe keine wirkliche Antwort bekommen. Sie hat mir dann Geldscheine gezeigt, und wir sind an einen Automaten und haben uns kleine Alkoholfläschchen gezogen. Irgendwann habe ich dann auch angefangen, mich mit Männern zu treffen.

hessenschau.de: Wie haben Sie zu den Männern Kontakt aufgenommen oder wie wurden Sie kontaktiert?

Jasmin: Ich hatte irgendwann ein Handy und ein Laptop, am Ende der fünften Klasse, und habe die Männer in Foren kennen gelernt. Die hießen "EMO-Treff" oder "SchülerVZ". Die Männer haben mich angeschrieben und mich gefragt, wie es mir geht. Ich habe dann erzählt, dass es mir nicht gut geht und es zu Hause viel Streit gibt. So habe ich mich denen immer mehr anvertraut. Irgendwann, als die dann sicher waren, dass ich ihnen vertraue, haben sie gefragt, ob ich mich mal mit ihnen treffe. Man muss dazu sagen, dass ich ohne Vater aufgewachsen bin und die Männer, die ich getroffen habe, waren immer so 40, 50 oder 60 Jahre alt. Ich dachte als Mädchen, der kümmert sich um mich, der hat Interesse. Die Männer wollten natürlich was ganz anderes.

hessenschau.de: Haben Sie immer denselben Mann getroffen oder waren es verschiedene Männer?

Jasmin: Es gab verschiedene Männer, aber oft waren es dieselben. Ich habe mich manchmal einmal die Woche getroffen, manchmal auch zweimal, manchmal gar nicht. Einmal wurde ich von einem auch mit dem Messer bedroht, sollte ich nicht die Klappe halten. Da hatte ich richtig Todesangst.

Die Männer haben mir dann 10, 20 oder 50 Euro gegeben. Davon habe ich mir Essen im Supermarkt geholt. Als Prostitution kann man das nicht bezeichnen, denn das macht man ja freiwillig. Bei mir war das nicht freiwillig. Ich habe mich immer in Vertretungsstunden oder in Freistunden mit den Männern getroffen.

Jasmin, die jahrelang vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurde

hessenschau.de: Haben Ihre Lehrerinnen und Lehrer nichts gemerkt? Wenn sich Krankentage häufen, fällt das doch eigentlich auf.

Jasmin: Die Schule war sehr groß, und da ist das nie aufgefallen. Ich war außerdem sehr anfällig für Infekte. Da konnte ich oft sagen, dass es mir nicht gut geht und dann durfte ich für eine oder zwei Stunden raus in einen Ruheraum oder in einen Pausenraum. Es hat aber niemand geschaut, ob ich dort wirklich war. Das war an der Schule auch nicht möglich. Es gab sehr viele Klassen, teilweise überfüllt und zu wenige Lehrer. Wenn die Stunde weiter ging, kam ich dann oft zurück.

hessenschau.de: Ist Ihrer Mutter auch nicht aufgefallen, dass Sie sich ändern oder anders wirken?

Jasmin: Ich denke schon, dass sie was gemerkt hat, aber sie hat es natürlich nicht gezeigt. Wenn ich von der Schule kam, hat sie oft Fernsehen geguckt oder war mit ihrem Handy beschäftigt. Ich war Luft für sie, außer ich wollte in die Küche oder mich mit Freunden treffen, da war sie direkt auf 180. Sie war oft aggressiv mir gegenüber. Ich habe die meiste Zeit in meinem Zimmer verbracht.

hessenschau.de: Sie haben über zehn Jahre lang immer wieder Männer getroffen. Das ist ein langer Zeitraum. Haben Sie jemals versucht, da rauszukommen?

Jasmin: Ich war einmal in der Klinik, weil ich einen Suizidversuch hinter mir hatte. Dort habe ich aber niemandem von der sexualisierten Gewalt erzählt. Auch Familie und Freunde wussten nichts von den Männern. Ich habe immer wieder versucht, alleine rauszukommen. Durch den Druck der Täter war das aber unmöglich. Im Grunde hat es mir gefehlt, behütet und beschützt zu sein. Das wurde dann wie eine Sucht, und die Männer haben genau in diese Wunde gehoben. Sie haben es geschafft, mich jahrelang zu manipulieren.

hessenschau.de: Sie sind heute 24 Jahre alt und haben es geschafft, sich aus dem Teufelskreis zu befreien. Wer oder was hat ihnen geholfen?

Jasmin: Es gab vor zwei Jahren einen Wendepunkt. Damals vergewaltigten mich Männer, nachdem sie herausgefunden hatten, dass ich mir Hilfe in einem Verein gesucht hatte. Währenddessen hing mein Kopf die ganze Zeit in einer Badewanne unter Wasser. Ich hatte Todesangst und Angst zu ersticken.

Da habe ich gemerkt, wie kostbar mein Leben ist und dass ich das nicht wegschmeißen will. Dann habe ich beim Verein angerufen und gesagt, dass ich in den Opferschutz will und nicht mehr kann.

hessenschau.de: Wie geht es Ihnen heute? Wer hilft Ihnen, all die schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten?

Jasmin: Ich lebe im Moment von Erwerbsminderungsrente und habe meine Ausbildung als Krankenpflegerin abgebrochen. Ärztinnen haben bei mir ein posttraumatisches Belastungssyndrom diagnostiziert. Ich bin lange Zeit immer wieder in Ohnmacht gefallen und ins Krankenhaus gekommen.

Heute habe ich mir ein Hilfsnetzwerk aufgebaut. Dazu gehört ein Berliner Opferschutzverein, den ich mein Seelenzuhause nenne. Außerdem habe ich eine Betreuerin, die regelmäßig mit mir einkaufen geht, mit mir kocht und spricht. Sie ist auch Psychologin. Und ich habe einen Coach, mit ihr kann ich auch über alles sprechen.

hessenschau.de: Was ist mit den Tätern? Haben Sie sie angezeigt? Haben Sie Angst, ihnen wieder zu begegnen?

Jasmin: Ich gehe nicht mehr zur Polizei, weil ich schon zwei Anzeigen gestellt habe und auf den Privatklageweg verwiesen worden bin. Da stellt sich mir die Frage, wer hier wen schützt. Die Polizei muss andererseits ja neutral bleiben und weiß im ersten Moment nicht, was Wahrheit und Lüge ist.

Eine weitere Anzeige würde mich eher wieder in Gefahr bringen, als mir zu helfen, weil es Täter provoziert. Die Polizei handelt erst, wenn etwas Schwerwiegendes passiert, so ist meine Erfahrung. Außerdem sind die Strafen oft zu mild oder die Täter kommen wieder auf freien Fuß - gegen Auflagen. Ich möchte nicht noch mal dieses Risiko eingehen oder die Gefahr unterschätzen.

hessenschau.de: Warum gehen Sie jetzt an die Öffentlichkeit?

Jasmin: Ich möchte ein Statement setzen, sensibilisieren und anderen Betroffenen eine Stimme geben, weil viele sich einfach noch nicht äußern können. Ich mache es vor allem auch für die Menschen, die an den Folgen solcher sexueller Gewalt gestorben sind, die einfach nicht gesehen wurden.

Das Interview führte Anna Dangel.

Weitere Informationen

Hilfetelefone, Hilfewebsites und Notfallnumern

Informieren Sie bei Gewalt in Familien die Polizei unter 110. Anlaufstellen für Betroffene bieten auch:
📞 anonyme Telefonseelsorge: 0800/1110111 und 0800/1110222
📞 Kinder- und Jugendtelefon der "Nummer gegen Kummer": 0800/1110333
📞 Elterntelefon der "Nummer gegen Kummer": 0800/1110550
📞 Hilfetelefon (0800/22 55 530) oder Hilfsportal Sexueller Missbrauch
📞 Kinder- und Jugendtelefon: 116111
📞 Bündnis gegen Cybermobbing: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de
📞 Wildwasser Wiesbaden, Verein gegen sexuelle Gewalt: 0611/808619
📞 Hessische Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen: 069/709494

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