Grafik mit einem Balkendiagramm zu Thema Sterbefälle in Hessen. Sterbefälle von über 65-jährigen: im Dezember 2019 sind es 5.700, im Dezember 2020 sind es 7.400. Quelle: HLPUG.

Ende 2020 sind in Hessen deutlich mehr Senioren gestorben als in früheren Jahren. Der Marburger Statistiker Helmut Uphoff sieht einen klaren Zusammenhang mit Covid-19.

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Die offizielle Zahl der Menschen, die mit und an Covid-19 gestorben sind, ist nur ein Teil der Wahrheit - Mediziner nehmen an, dass ein Teil der Corona-Toten nie als solche diagnostiziert werden. Aber wie viele? Und wie tödlich ist die Krankheit tatsächlich? Die Messzahl dafür ist die so genannte Übersterblichkeit - der Blick auf die Sterbestatistik. Davon lässt sich ablesen, wie sehr die Zahl der Sterbefälle um einen statistischen Mittelwert schwankt.

Der Marburger Statistiker Helmut Uphoff vom Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG) hat sich diese Zahlen genau angeschaut. Er erkennt im Dezember eine klare Übersterblichkeit bei älteren Menschen. hessenschau.de sprach mit Uphoff.

hessenschau.de: Was fällt Ihnen auf bei den Zahlen für 2020?

Helmut Uphoff: Wir hatten in der ersten Welle ein Quäntchen Glück, dass wir nicht so überrascht wurden wie andere Länder. Wir hatten damals schon eine etwas erhöhte, aber nicht signifikant erhöhte Sterblichkeit. Doch nun in der zweiten Welle, etwas verzögert, mit deutlich ansteigenden Fallzahlen, sehen wir, dass die Übersterblichkeit anwächst.

hessenschau.de: Welche Altersgruppen betrifft die Übersterblichkeit?

Helmut Uphoff: Es ist sehr deutlich, dass überwiegend ältere Menschen, also insbesondere die über 75 Jahre, besonders stark betroffen sind. Wir sehen aber auch schon in der Altersgruppe der 45 bis 65-Jährigen Tendenzen, die in Richtung Übersterblichkeit gehen, das ist aber noch nicht ausgeprägt. In der Altersgruppe 65 bis 75 sehen wir eine leichte Übersterblichkeit. Wir sehen, dass mit zunehmendem Alter die Sterblichkeit zunimmt.

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Übersterblichkeit und Z-Score

Um zu bestimmen, ob tatsächlich mehr Menschen gestorben sind als in normalen Zeiten, definiert man zunächst gewissermaßen die statistische Normalität. Dann schaut man sich die Woche und die Altersgruppe an, die man auswerten will: Ist die Abweichung vom statistischen Mittelwert ungewöhnlich? Der Z-Score, der auch bei der europäischen Übersterblichkeits-Vergleichsplattform Euromomo zum Einsatz kommt, misst genau diese Abweichung - Werte größer als 2 sagen aus: Das ist mit hoher Sicherheit kein Zufall - sondern der Effekt der tödlichen Krankheitswelle.

Was der Z-Score nicht aussagt: wie viele Menschen gestorben sind - sondern nur, wie ungewöhnlich der Ausschlag ist.

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hessenschau.de: Worauf führen Sie das zurück?

Helmut Uphoff: Der Zusammenhang zu den Covid-19-Infektionszahlen ist sehr deutlich und eng. Man kann sagen, dass der Anteil der Übersterblichkeit überwiegend auf das Virus zurückzuführen ist.

hessenschau.de: Wenn wir auf die Altersgruppen schauen, wie sieht es bei den Jüngeren aus?

Helmut Uphoff: Bei den Personen unter 45 Jahren sehen wir keine Veränderungen. Interessant ist, dass die Sterblichkeit dort eher niedrig ist. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass andere Erreger jetzt weniger zirkulieren. Doch bei den über 85-Jährigen sehen wir wirklich einen sehr starken Anstieg, der über eine übliche Grippewelle deutlich hinausgeht.

hessenschau.de: Für welche Monate sprechen Sie von einer Übersterblichkeit für Hessen?

Helmut Uphoff: Eine wirkliche Übersterblichkeit sehen wir erst im Dezember. Und für die ersten Januarwochen zeichnet sich ab, dass wir auch im Januar eine deutliche Übersterblichkeit haben werden.

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Besonders viele Tote in Frankfurt

Zum Jahresende sind in Hessen mehr Menschen gestorben als in den Vorjahren. Besonders auffällig ist der Anstieg in Hessens größter Stadt: Das Frankfurter Standesamt hat im vergangenen Dezember 751 Sterbefälle beurkundet – das sind 60 Prozent mehr als 2019 und 50 Prozent mehr als 2018. Das geht erheblich über die normalen jährlichen Schwankungen hinaus.
Auch in Wiesbaden, Kassel und Gießen gibt es ein deutliches Plus: Dort wurden im Dezember 2020 jeweils rund 35 Prozent mehr Todesfälle registriert als ein Jahr zuvor (377 in Wiesbaden, 354 in Kassel und 235 in Gießen). Das geht aus den Zahlen der dortigen Standesämter hervor.
Die Gesamtzahl der erfassten Sterbefälle blieb aber in allen vier Städten auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr.

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hessenschau.de: Wie macht sich das in Zahlen bemerkbar?

Helmut Uphoff: Um Ihnen eine Größenordnung zu geben, runde ich die von mir genutzten vorläufigen Zahlen. Im Dezember 2019 waren es etwa 5.700 Sterbefälle über 65 Jahre, was einem normalen Dezembermonat entspricht. Und im Dezember 2020 waren es 7.400 Sterbefälle über 65 Jahre (30 Prozent mehr, Anmerkung der Redaktion).

hessenschau.de: Was erwarten Sie für die kommenden Monate?

Helmut Uphoff: Wir haben jetzt ein Niveau erreicht, das wir auch in ausgeprägten Grippewellen erreichen. Aber die Grippewellen flachen normalerweise meist schnell wieder ab. Bei der Covid-19-Zirkulation sehen wir, dass die Fallzahlen nur sehr langsam zurückgehen. Insofern ist zu erwarten, dass die erhöhte Übersterblichkeit zumindest noch Wochen anhalten wird.

hessenschau.de: Wie lange wird sich das hinziehen?

Helmut Uphoff: Wir hoffen natürlich alle, dass der verstärkte Lockdown jetzt wirkt. Sollte es uns gelingen, die Inzidenzzahl wieder unter 50 zu drücken, dann wird auch die Übersterblickeit zurückgehen.

hessenschau.de: Hatten Sie solch eine Zahlenlage schon einmal?

Helmut Uphoff: Wir hatten in der Vergangenheit schon drastische Grippewellen mit Spitzenwerten in ähnlicher Dimension. Doch die hohen Sterberaten hielten nie lange an. Ich befürchte, dass das dieses Mal anders ist.

Das Gespräch führte Caroline Nützel.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.01.2020, 19.30 Uhr