Während überall im Land Notunterkünfte und Hilfsangebote für Menschen aus der Ukraine entstehen, haben sich auch privat Helferinnen und Helfer in sozialen Medien wie Telegram vernetzt, um Geflüchteten beim Ankommen zu helfen. Verbindend ist oft die gemeinsame russische Sprache.

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Wie die Sprache Geflüchtete und Helfer in Frankfurt verbindet

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Dass Valeria Salamova in Frankfurt Anastasia Dirksen-Badiu kennengelernt hat, sei eigentlich purer Zufall gewesen, erzählt die 40 Jahre alte Ukrainerin auf Russisch, während Dirksen-Badiu übersetzt. Ein eingequetschter Finger war Schuld.

Die Personalmanagerin Salamova ist mit ihrer Familie aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew geflüchtet. Im überfüllten Zug von Polen nach Deutschland habe sie sich ihren Finger eingeklemmt, erzählt sie. Angekommen in Frankfurt, habe sie am vergangenen Donnerstag im sozialen Netzwerk Telegram in einer Gruppe für Ukrainer in Frankfurt nach Hilfe gefragt.

"Es gab aber so viele Nachrichten in der Gruppe, dass niemand auf meine Frage geantwortet hat", sagt sie. Also habe sie die Administratorin der Gruppe angeschrieben - Anastasia Dirksen-Badiu. Die Frankfurterin erkundigte sich, wo Geflüchtete medizinisch versorgt werden können und begleitete Salamova einen Tag später zur Frankfurter Universitätsklinik, um dort für sie zu dolmetschen.

Vernetzen über russischsprachige Chatgruppen

Dirksen-Badiu sagt, seit drei Wochen klebe sie nur noch am Handy. Die Leiterin einer Frankfurter Ballettschule, die selbst einen russischen Pass besitzt, hat mehrere Chatgruppen eingerichtet, in denen Hilfsangebote und -gesuche von Geflüchteten und Privatpersonen aus Frankfurt und Umgebung zusammenfinden - meist auf Ukrainisch oder Russisch.

Neben einer allgemeinen Gruppe mit über 2.000 Mitgliedern gibt es weitere Unter-Gruppen, in denen es um medizinische Versorgung, um Hilfe bei Anträgen und Dokumenten oder um die Suche von Wohnungen geht. Insbesondere bei Angeboten von Schlafplätzen werde die Seriosität immer überprüft, versichert Dirksen-Badiu.

Wie viele Helferinnen und Helfer es mittlerweile in diesen Gruppen gibt, könne sie nicht sagen - vermutlich seien es hunderte. Auch die Zahl der Hilfesuchenden in den Gruppen wachse immer weiter, daher sei die Frage von Valeria Salamova zunächst untergegangen.

Zu sechst in einer Drei-Zimmer-Wohnung

Auch die 25 Jahre alte Lisa Boldyreva hat über die russischsprachigen Chatgruppen Hilfe von fremden Privatpersonen im Rhein-Main-Gebiet gefunden. Eigentlich sei sie mit ihrer siebenjährigen Tochter Palina nach Hessen gefahren, weil ihre in der Ukraine gebliebenen Eltern einen Kontakt in Kassel gehabt hätten.

Dort angekommen erhielt sie aber das Angebot von einer ihr unbekannten Frau aus Schwalbach (Main-Taunus): Die russischsprachige Familie könne Lisa und Palina Bolyreva in ihrer Wohnung aufnehmen. Diese Helferin heißt Anna Burygina.

Jetzt, etwa anderthalb Wochen später, sagt sie über ihr Verhältnis zu Lisa Boldyreva und deren Tochter: "Wir sind Freunde geworden". Zu sechst teilen sich die beiden Familien nun eine Drei-Zimmer-Wohnung: Palina und Mutter Lisa Boldyreva schlafen im eigentlichen Kinderzimmer, Anna Burygina und ihre beiden eigenen Kinder im Elternschlafzimmer, der Vater im Wohnzimmer.

Lisa, Palina, Anna

"Man hört jetzt keine Explosionen mehr"

Über die beengten Verhältnisse, in denen sie mit ihrer Tochter nun wohnt, will Boldyreva sich nicht beklagen. Die Hauptsache sei: "Man hört jetzt keine Explosionen mehr." Während Boldyreva erzählt und Anna Burygina übersetzt, spielt Palina ruhig an einem Handy. Am Anfang habe das Mädchen noch viel geweint, jetzt sei es ruhiger geworden, sagt die Mutter. Wirklich verstanden habe ihr Kind aber noch nicht, was gerade geschehe.

Anna Burygina erzählt, dass Palina beim Frühstücken aus dem Fenster geschaut und ein Flugzeug gesehen habe. "Dann hat sie gefragt, ob das eine Rakete ist." Zusammen mit ihrer eigenen Tochter im gleichen Alter könne Palina sich aber ganz gut ablenken, tanzen und malen.

Verständnis über gemeinsame Sprache

Die Kinder verstehen sich, genau wie die Eltern, über die gemeinsame Sprache - Russisch. Burygina ist in Moskau geboren und lebt erst seit sechs Jahren in Schwalbach. Dass ihr Heimatland die Ukraine angegriffen habe, verurteile sie. "Das ist Krieg, und den benenne ich auch so."

Gleichzeitig höre sie immer wieder, dass viele andere Russinnen und Russen in Hessen, besonders Schulkinder, seit Kriegsbeginn wegen ihrer Herkunft angegangen würden. "Die Nationalität sollte keine Rolle spielen", sagt sie, "nur die Menschlichkeit".

"Wir sind doch alle Brüder und Schwestern"

Dem stimmt auch Anastasia Dirksen-Badiu zu. Sie betont: "Unter den Freiwilligen sind viele russischsprachige Menschen, manche aus Russland, manche aus der Ukraine - wir sind doch alle Brüder und Schwestern."

Als Anastasia Dirksen-Badiu die Frage an Valeria Salamova übersetzten soll, ob diese erwartet habe, dass es ausgerechnet Menschen aus Russland seien, die ihr hier in Hessen helfen, muss Dirksen-Badiu etwas lachen. "Nervenkitzel", sagt die Russin.

Salamovas Antwort: "Ich hatte viel Glück mit den Menschen, auf die ich getroffen bin. Ich bewerte sie nicht nach ihrer Nationalität, sondern danach, wie sie als Menschen sind."

Private Helfer kommen an ihre Grenzen

Aus Sicht von Anastasia Dirksen-Badiu und Anna Burygina ist das Helfen eine Selbstverständlichkeit. "Aber langsam können wir nicht mehr", sagt Dirksen-Badiu. Jeden Tag aufs Neue kurzfristig und auf jeden Fall individuell zu reagieren, verlange viel von ihnen allen ab. Es müsse zum Beispiel beim Übersetzen mehr Hilfe von offiziellen Stellen geben.

Anna Burygina berichtet, dass sie am Montag mit Lisa Boldyreva zum Bürgeramt gegangen sei. Dort habe sie dann spontan für acht weitere Menschen aus der Ukraine gedolmetscht - den ganzen Vormittag habe sie auf dem Amt verbracht.

Dirksen-Badiu hoffe, dass bald die offiziellen Hilfsstrukturen der Kommunen so weit etabliert seien, dass sie die private Erstversorgung ablösen könnten. "Dass ich dann einfach in die Chatgruppen schreiben kann: 'Das müsst Ihr machen, wenn Ihr medizinische Hilfe braucht, das müsst Ihr machen, wenn Ihr Dolmetscher braucht, das müsst Ihr machen, wenn Ihr Hilfe beim Konto-Eröffnen braucht."

Weitere Informationen

Angebote der Stadt Frankfurt

Eine Sprecherin des Sozialdezernats der Stadt Frankfurt sagt auf Anfrage, dass bei den verschiedenen Ämtern in den kommenden Tagen Ukrainisch-Übersetzer zur Verfügung stehen werden.
Die Stadt verweist außerdem auf die offiziellen Angebote unter frankfurt.hilft.de, worüber Ehrenamtliche - zum Beispiel zum Dolmetschen - vermittelt werden können. Hier gibt es auch die Möglichkeit, leerstehende Wohnungen für Geflüchtete anzubieten. Bei der privaten Unterbringung von Geflüchteten, die abseits der offiziellen Vermittlung durch die Stadt laufe, könne die Seriosität nicht im Einzelfall überprüft werden.

Ende der weiteren Informationen

Unklar, wie es weitergeht

Bei diesen Aufgaben kann zumindest Lisa Boldyreva auf die Unterstützung von Anna Burygina zählen. Die Frau aus Schwalbach wolle sich nun auch darum kümmern, dass Palina so bald wie möglich in der örtlichen Grundschule aufgenommen werden könne. "Ich hoffe, dass Palina hier die erste Klasse zu Ende machen kann", sagt Boldyreva.

Wie es auf lange Sicht weitergeht, ist sowohl für Palina und Lisa Boldyreva als auch für Valeria Salamova und ihre Familie unklar. "Ich will unbedingt nach Hause", sagt Salamova. Nun geht es für sie aber zunächst weiter nach Rheinland-Pfalz. Über die Chatgruppen habe sie eine Wohnung in Worms vermittelt bekommen, wo sie mit ihrer Familie etwas länger bleiben könne.