Eine Gruppe von Menschen mit Gepäck steht in einer Halle.

Nach rund 2.600 Kilometern Fahrt ist ein Darmstädter Hilfstransport von der ukrainischen Grenze zurück nach Südhessen gekommen. Mit dabei sind zehn Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind.

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Hilfe für die Ukraine - wir begleiten einen Hilfstransport

hessenschau Thumnbails 03.03.2022
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Als er an diesem Donnerstagmittag in Darmstadt aus dem Bus steigt, fällt ihm ein "Riesenstein" vom Herzen. Peter Ehry hat gerade eine insgesamt dreitägige Reise beendet, die ihn und seine drei Helferinnen und Helfer nicht nur an die Grenze der Ukraine, sondern auch an persönliche Grenzen geführt hat.

"Ich bin froh, dass das so gut zu Ende gegangen ist", sagt Ehry an der offenen Bustür. Seine Mission im Auftrag des Vereins "Partnerschaft Deutschland-Ukraine/Moldova" lautete: Zusammen mit zwei Fahrern und einer Dolmetscherin Hilfsgüter an die Grenze der Ukraine bringen - und auf dem Rückweg Menschen mitnehmen, die vor dem Krieg dort fliehen. Beides ist ihm gelungen.

Bei strahlendem Sonnenschein steigen zehn Menschen nach einer rund sechzehnstündigen Fahrt aus, die sie von der ukrainischen Westgrenze bis nach Hessen in Sicherheit geführt hat. Ein kleines Grüppchen nimmt die Geflüchteten in Empfang: Einige haben Blumensträuße dabei, ein Mann hat sich die gelb-blaue ukrainische Flagge umgehängt. Die sechs Erwachsenen und vier Kinder laden ihr weniges Gepäck aus dem Bus aus. Auf sie warten schon Gastfamilien, bei denen sie unterkommen können.

Dreitägige Reise mit bürokratischen Hürden

Gestartet war der Bus in Richtung Ukraine schon in der Nacht zum Dienstag in Darmstadt. Kurz vor der Abfahrt hatten viele Darmstädter Bürgerinnen und Bürger Decken, Schlafsäcke und andere Sachspenden ins Kongresszentrum Darmstadtium gebracht.

Eigentlich sollte der Bus, der auch Medikamente im Wert von rund 10.000 Euro aus dem Darmstädter Klinikum an Bord hatte, die Hilfsgüter direkt an die Grenze bringen. Doch während der Fahrt, kurz vor der Slowakei, erfuhr Ehry, dass das nicht funktionieren würde. Viele Hilfslager waren nach seinen Informationen schon voll mit Sachspenden, was die Logistik erschwerte.

In einer Lagerhalle stapeln sich Kisten und Plastiktüten mit Hilfsgütern.

Eine Lösung fand Ehry dann in Abstimmung mit den Behörden der slowakischen Stadt Košice, rund 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt: Die Helferinnen und Helfer konnten ihre Spenden im Kulturzentrum der Stadt unterbringen, das aktuell als Warenlager für Hilfsgüter dient.

Dort soll das wertvolle Material eingelagert und später in die Darmstädter Partnerstadt Uzhhorod im Westen der Ukraine gebracht werden. So konnte Ehry weiter zur Grenze fahren und dort den zweiten Teil der Mission erfüllen: Geflüchtete nach Darmstadt holen.

Drei Stunden an der Grenze Mitfahrer gesucht

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Interview mit Peter Ehry, Organisator des Darmstädter Hilfstransports

Ein Mann in schwarzem Mantel steht vor einem Reisebus.
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Am Mittwochabend lief Peter Ehry also mit einem handgeschriebenen Papier entlang des slowakisch-ukrainischen Grenzübergangs vor Uzhhorod. "40 Plätze nach Darmstadt in Deutschland" stand darauf auf Ukrainisch.

"Wir waren insgesamt drei Stunden unmittelbar an dem Grenzpunkt", berichtet Ehry in hr3. "Es sind vor allem Fußgänger über die Grenze gekommen: Viele Frauen mit Kindern, die ihr Köfferchen hinter sich herzogen." Zehn Menschen konnte er mitnehmen. Die beiden jüngsten Kinder sind erst sieben Jahre alt. "Die waren todmüde", sagt Ehry. "Wir sind um 21 Uhr losgefahren. Kurz danach haben sie sich eingemummelt in Wolldecken und sind eingeschlafen."

In einem zum Teil besetzten Reisebus sitzen einzelne Menschen, darunter auch Kinder.

Eigentlich hätte der Reisebus Platz für bis zu 45 Menschen gehabt. Dass Peter Ehry am Ende nur einen Bruchteil davon mitnehmen konnte, mache ihn unzufrieden, sagt er. "Weil ich mir vorgestellt habe, dass der Bedarf an Fahrt- und Unterbringungsmöglichkeiten der Flüchtlinge höher ist."

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR rechnet damit, dass bis zu vier Millionen Menschen aus der Ukraine fliehen könnten, von denen aber viele nicht nach Deutschland, sondern in die Nachbarländer aufbrechen.

Viele mussten ihre Familien zurücklassen

Eine junge Frau in dunklem Mantel steht vor einem weißen Reisebus.

Unter denen, die mit nach Deutschland wollten, ist Olena Hrihkova aus Kiew. "Wir haben schon lange überlegt, abzureisen", sagt die 28-Jährige bei einer Rast auf dem Weg nach Darmstadt. Sie erzählt von einem Raketeneinschlag ganz in der Nähe ihres Hauses. Die Entscheidung für ihre Flucht habe sie bald danach getroffen.

"Es wird sehr viel geschossen, es ist sehr laut. Das war der entscheidende Punkt, wegzugehen." Hrihkova hat sich nach Deutschland aufgemacht, ihre Eltern und ihr Bruder mussten in Kiew bleiben.

Eine junge Frau im Kapuzenpullover sitzt in einem Reisebus.

Auch Katja Vodiana aus Kiew, die als Make-up-Artist für Film und Fernsehen arbeitet, ist in Darmstadt angekommen. Die 35-Jährige hat ihre sieben Jahre alte Tochter dabei. "Am meisten denke ich an meine Familie, die zuhause geblieben ist", sagt sie. Vodiana will weiter nach Norddeutschland reisen, wo Verwandte ihres Ehemanns leben. "Ich will in Deutschland bleiben und später meinen Mann dazuholen."

In Darmstadt lernen nun die Geflüchteten ihre Gastfamilien kennen. Ob sie nur für einige Tage oder länger bleiben werden, ist für viele noch offen. Organisator Peter Ehry hat seine Aufgabe geschafft. Er freut sich, dass er zumindest zehn Menschen unmittelbar helfen konnte. "Als sie heute morgen aufgewacht sind, habe ich strahlende Gesichter gesehen - spielende Kinder, die ganz gelöst waren", erzählt er lächelnd. "Sie fühlen sich bei uns recht wohl."

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