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zum Video Homeoffice-Regel: Wie funktioniert das in der Praxis?

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So viel Homeoffice wie möglich - das wünscht sich die Politik im Kampf gegen Corona von den Arbeitgebern. Doch wie wird diese Forderung in kommunalen Verwaltungen in Hessen umgesetzt? Eine hr-Umfrage zeigt große Unterschiede.

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Zur Eindämmung der Corona-Pandemie sollen nun so viele Menschen wie möglich im Homeoffice arbeiten. Nach Beratungen von Bundes- und Landespolitik ist am Mittwoch eine entsprechende Verordnung in Kraft getreten, die zunächst bis zum 15. März gilt.

Bei den Bundesministerien klappt das gut. Die Homeoffice-Quote betrage bis zu 85 Prozent, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Doch je lokaler die Behörden desto geringer diese Quote.

In Stadtverwaltungen, aber auch in anderen Bundesbehörden ist die Quote laut einem Bericht der Welt am Sonntag deutlich schlechter. Eine Umfrage bei 14 großen Städten und 16 Bundesbehörden ergab: Weniger als die Hälfte der Mitarbeiter im Innendienst kann von zuhause aus arbeiten.

Keine Zahlen zur Homeoffice-Umsetzung in Hessen

Wie viele der 3,5 Millionen Erwerbstätigen in Hessen im Homeoffice sind, ist unklar. Behörden, Arbeitsagentur, Unternehmerverbände und Gewerkschaften können keine Angaben machen. Hessens Sozialministerium sieht Hinweise, dass derzeit weniger Arbeitnehmer im Homeoffice sind als während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Eine Berichtspflicht gebe es nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Umsetzung von Homeoffice-Regeln in hessischen Verwaltungen

Eine  Frau sitzt am Wohnzimmertisch mit einem Laptop vor sich und einem Telefonhörer in der Hand. Im Hintergrund spielt ein Kind.
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Die Gewerkschaft Verdi wünscht sich so viele Menschen wie möglich im Homeoffice, sieht aber Probleme. Landesbezirksleiter Jürgen Bothner kritisierte: "Manche Maßnahmen, die die Bundesregierung dieser Tage erlassen hat, sind viel zu unkonkret. Sie lassen zu viele Schlupflöcher offen." Die neue Verordnung helfe daher nur teilweise.

Das Potential an Heimarbeit werde nicht ausgeschöpft: "Es gibt mehr Möglichkeiten, die ausgenutzt werden könnten", befand Bothner. Er gibt zu bedenken: "Die Arbeitgeber müssen mitspielen." Leider sähen noch nicht alle die Notwendigkeit. Hinzu komme die Herausforderung, den Heim-Arbeitsplatz mit Technik, Internet und allem Nötigem einzurichten. "Und nach vier Wochen am Küchentisch kann schon mal der Rücken schmerzen", weiß Bothner aus Berichten.

Gewerkschaft: Chefs blockieren zuweilen Heimarbeit

Heini Schmitt, Landesvorsitzender des dbb Beamtenbunds, sagte: Begrenzend beim Ausbau des Homeoffice seien häufig Behörden- und Dienststellenleiter, bei denen das Homeoffice geringen Stellenwert genieße.

Wie weit kommen die Verwaltungen und Ämter selbst der Homeoffice-Forderung als Vorreiter nach? Der hr hat sich punktuell in kommunalen Amtsstuben von Norden nach Süden umgehört. Resultat: Der Anfang ist - mit unterschiedlichem Erfolg - gemacht. Aber es besteht Steigerungsbedarf. Kleine Kommunen gehen zuweilen clevere Sonderwege.

NORDHESSEN

Müssen kleinere Städte und Gemeinden größere Hürden bewältigen, um ihre Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken? Ein Blick in die Stadt und den Landkreis Kassel zeigt: die Art der Tätigkeit ist ausschlaggebend. Bei klassischen Bürojobs ist Homeoffice einfacher. Je mehr Mitarbeiter aber in gewerblichen und erzieherischen Tätigkeiten beschäftigt sind, desto schwieriger wird es.

So hat die Stadt Kassel die Homeoffice-Arbeitsplätze seit Pandemie-Beginn ausgebaut. 1.300 Menschen können zu Hause arbeiten - das sind immerhin mehr als 80 Prozent der Beschäftigten, die klassische Büroarbeit erledigen. Die Möglichkeit des mobilen Arbeitens werde rege genutzt, sagte Sprecherin Simone Scharnke. Allerdings: Von den insgesamt 3.500 Mitarbeitern der Stadt Kassel sind demnach nur 37 Prozent im Homeoffice.

In der Kernverwaltung des Landkreises Kassel haben von rund 800 Mitarbeitern knapp 58 Prozent die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten - allerdings gebe es auch Kollegen, die dieses Angebot nicht annehmen wollten, sagte Sprecher Harald Kühlborn. Die größte Herausforderung für die Homeoffice-Arbeiter sei, dass die Akten-Digitalisierung bisher noch nicht abgeschlossen sei.

Dass klassische Bürotätigkeit Homeoffice begünstigt, zeigt sich auch beim Regierungspräsidium Kassel: Dort arbeiten seit Beginn der Pandemie 65 bis 70 Prozent der Beschäftigten zu Hause.  

In kleineren Kommunen wie Baunatal (Kreis Kassel) waren bisher von 150 Beschäftigten 30 im Homeoffice – das entspricht 20 Prozent. Ab Mittwoch werden es 40 Mitarbeiter sein – knapp 27 Prozent. Anders in Vellmar (Kreis Kassel): Waren bisher von 57 Beschäftigten nur 9 im Homeoffice, besteht nun für insgesamt 45 Beschäftigten die Möglichkeit auf Heimarbeit - das sind rund 80 Prozent. Wie viele Menschen das Angebot nutzen werden, war zunächst nicht bekannt.

OSTHESSEN

Der Landkreis Fulda, in dem derzeit das turbulenteste Infektionsgeschehen mit dem landesweit höchsten Inzidenzwert herrscht, hat seit Beginn der Pandemie schrittweise in der Verwaltung immer mehr Homeoffice ermöglicht. Aktuell sind es 480 Beschäftigte. Doch das sind lediglich 46 Prozent der Verwaltungsmitarbeiter.

Eine Sprecherin erklärte dazu: "In vielen Bereichen der Verwaltung ist der Kundenkontakt notwendig." Zudem bedürften viele Arbeitsplätze spezieller technischer Ausrüstung. Zu bedenken sei auch: Die Einhaltung des Datenschutzes müsse immer gewährleistet sein. In der Praxis habe sich auch erwiesen, dass vor allem die Führungskräfte in der Verwaltung besonders gefordert sein. Denn je mehr Mitarbeiter daheim seien, desto mehr steige der Kommunikations- und Koordinierungsaufwand.

Steigerungspotenzial hat etwa die Stadt Bad Hersfeld. Vor der neuen Verordnung waren 14 Prozent der Büro-Mitarbeiter im Homeoffice, nun werden es voraussichtlich 19 Prozent sein, wie ein Stadtsprecher sagte. Bei 68 Prozent der Beschäftigten sei allerdings aufgrund der Tätigkeit keine Heimarbeit möglich, zum Beispiel für Gärtner und Straßenreiniger.

Ausbremsen wolle die Stadt die Bemühungen keinesfalls. Alle Anträge seien schnell umgesetzt worden. Soweit möglich, werde für Bürojobs die Technik gestellt. Herausforderungen seien neben den Datenschutz-Anforderungen auch fehlende Arbeitszimmer daheim und langsame Internet-Anschlüsse an den Wohnorten. Für die verbliebenen Mitarbeiter gilt: Das Personal werde so in den Büros verteilt, dass Infektionsrisiken gesenkt würden.

MITTELHESSEN

In der Verwaltung des Kreises Limburg-Weilburg arbeiten von den rund 800 Mitarbeitern mehr als 240 komplett im Homeoffice, oder sie wechseln täglich zwischen mobilem Arbeiten und Büro. Weitere Anträge auf Heimarbeit sind laut Kreisverwaltung in Bearbeitung. Die Möglichkeit für mobiles Arbeiten gab es aber auch schon vor Corona.

Das betonen auch mehrere Städte und Gemeindeverwaltungen in Mittelhessen. Der Bürgermeister von Brechen (Limburg-Weilburg) betont: Das Vorurteil von rückständigen Kommunalverwaltungen stimme gar nicht. "Wo Homeoffice sinnvoll eingesetzt werden kann, machen wir das."

Die Städte, die bei hr-Umfrage angaben, eher wenig Personal im Homeoffice zu haben, bieten dafür andere Optionen: In der Gemeinde Elbtal (Limburg-Weilburg) gibt es aktuell kein Homeoffice, dafür hätten alle Mitarbeiter Einzelbüros oder würden sich vormittags und nachmittags abwechseln, um Kontakte zu vermeiden.

In Bad Vilbel (Wetterau) sind von 120 Verwaltungsmitarbeitern schon 54 im Homeoffice, andere arbeiten im Wechselmodell. Die Stadt ist aber dabei, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, dass bald bis zu 80 Mitarbeiter daheim arbeiten können.

RHEIN-MAIN

Die Stadt Frankfurt hat für 8.000 von 14.000 städtischen Mitarbeitern die technischen Voraussetzungen fürs mobile Arbeiten geschaffen. Von denen sind aber nicht alle dauerhaft zuhause im Einsatz. Auch Frankfurt hat laut Personaldezernent Stefan Majer (Grüne) schon vor Corona die rechtlichen Rahmenbedingungen fürs mobile Arbeiten geschaffen und will die Kapazitäten bald ausbauen.

Beschwerden von Mitarbeitern der Verwaltung, dass ihre Chefs prinzipiell gegen Homeoffice seien, sind für Majer Einzelfälle. Die Stadt sei auf einem guten Weg, er könne aber natürlich nicht ausschließen, dass einzelne Vorgesetzte sich sperrten. Zusammen mit Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) will er die Abteilungsleiter aber weiter für das Thema sensibilisieren.

SÜDHESSEN

Ausreichend Computer beschaffen, die technische Infrastruktur anpassen und die Fragen der Beschäftigten zu Ausstattung und Software rasch beantworten - das seien derzeit die größten Herausforderungen bei der Umstellung aufs Homeoffice, erklärt Daniel Klose von der Pressestelle der Stadt Darmstadt.

Darmstadt habe bereits im ersten Lockdown im März gehandelt und den Homeoffice-Anteil der PC-Arbeitsplätze von 25 auf 50 Prozent verdoppelt. Dieser solle mit der neuen Verordnung ich auf bis zu 75 Prozent steigen. Hierfür habe man die Technik deutlich ausgebaut: Beschäftigte können aus dem Homeoffice auf wichtige Anwendungen zugreifen und Bürger-Anfragen klären. Allerdings sei in gewerblichen und erzieherischen Bereichen wie Gartenbau, Hausmeister- und Fahrdienste, Friedhofswesen, Kitas, und Krippen sowie der Polizei kein Homeoffice möglich.

Die Stadt beobachtet auch: Der eingeschränkte, persönliche Kontakt zu Kollegen könne den Beschäftigten auch zu schaffen machen. So sehr man die Regeln zur Pandemie-Eindämmung gutheiße, könne man perspektivisch depressive Verstimmungen, Gefühle der Vereinsamung und psychische Beeinträchtigungen bei den Beschäftigten nicht ausblenden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.01.2021, 19.30 Uhr