Abitur

Verschärfte Anti-Corona-Maßnahmen, aber Hessens Abiturienten wurden auch am Montag weiter geprüft. Das finden einige Schüler und Lehrer unverantwortlich. Andere unterstützen das Vorgehen des Kultusministeriums.

Ihre erste Klausur in Geschichte hat Abiturientin Daria Nardolillo aus Frankfurt am Montag mit gemischten Gefühlen geschrieben. "Ich hatte Angst, mich anzustecken. Meine kleine Schwester gehört zu einer Risikogruppe", sagt sie. Auf den Social Media-Kanäle von hessenschau.de meldeten sich auch andere Abiturienten, die ähnliche Bedenken haben.

So sorgte sich Abiturientin Laura Eisenbeil aus Babenhausen um das "Risiko, das Virus nach Hause in die eigene Familie zu tragen und Schwächere zu gefährden." Und "stevenmlt" findet es "ziemlich rücksichtslos", dass für das Abitur trotz der Pandemie "tausende Schüler das Haus verlassen". Angesichts des weitgehenden Kontaktverbots in Hessen seit Sonntagabend erscheinen diese Bedenken durchaus nachvollziehbar.

Die Sorgen teilen auch Lehrer. Eine Abiturprüfung während der aktuellen Pandemie sei eine "nicht kontrollierbare Situation", sagte ein Lehrer aus dem Rhein-Main-Gebiet am Montag dem hr. Die Landesregierung hätte die Prüfungen sofort verschieben müssen, findet der Lehrer, der anonym bleiben möchte. Er befürchtet, dass sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen viele Abiturienten gegenseitig anstecken. Zudem sieht er das Risiko, dass Schüler später ein schlechtes Prüfungsergebnis anfechten könnten - mit der Begründung, sie seien wegen der Angst vor einer Ansteckung blockiert gewesen.

Gewerkschaft ist für Aussetzung der Prüfungen

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert die hessische Landesregierung für ihre Entscheidung, die Prüfungen durchzuführen. "Wir hatten schon vorher das Kultusministerium aufgefordert, die Prüfungen wie in anderen Bundesländern auszusetzen," sagte Birgit Koch, die Vorsitzende der GEW Hessen, dem hr. Zum einen widersprächen Prüfungen allen wissenschaftlichen Warnungen, Sozialkontakte zu vermeiden. Außerdem sei der Gesundheitsschutz für Schüler und Lehrer nicht sichergestellt, denn: "Es fehlt in den Schulen an gründlicher Desinfektion."

Lou-Marleen Appuhn, hessische Landesschulsprecherin, versteht die Kritik an Prüfungen während der Pandemie. Allerdings gibt sie zu bedenken, welche Folgen eine Verschiebung des Abiturs hätte. Schon in einem Monat stünden die mündlichen Prüfungen an, danach das Ende des Schuljahres. Da bleibe nicht mehr viel Spielraum, um die Klausuren zu verschieben. Appuhn, die selbst am Montag ihre erste Abiturprüfung in Politik und Wirtschaft schrieb, schätzt die Ansteckungsgefahr eher gering ein. Alle hätten von sich aus Abstand gehalten und sich sehr bedacht verhalten.

Kultusministerium: Können Kritik verstehen

Das Kultusministerium kann Kritik an seinem Vorgehen durchaus nachvollziehen, hält aber daran fest. Ein Sprecher sagte dem hr, man versuche, im Sinne der Schüler zu entscheiden. Und viele seien froh, jetzt ihr Abitur schreiben zu können. Die Prüfungen laufen laut Ministerium weitgehend regulär ab, auch wenn etwas mehr Abiturienten als im Vorjahr die Prüfungen nicht angetreten haben. So seien am Montag 14.500 Prüflinge angemeldet gewesen. Davon hätten rund drei Prozent nicht teilgenommen - im Vorjahr fehlte ein Prozent der Abiturienten.

Um die Gefahr von Ansteckungen möglichst klein zu halten, gibt es dieses Jahr einige Sonderregelungen im hessischen Abitur. Prüflinge, die sich krank fühlen, können sich ausnahmsweise ohne ärztliches Attest von der Prüfung befreien lassen. Außerdem sind Lehrer aus Risikogruppen nicht beim Abitur anwesend, um sie zu schützen, sagte ein Ministeriumssprecher dem hr.

Abstand halten, Tische desinfizieren

Christof Ganß, Schulleiter der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt, unterstützt den Kurs des Kultusministeriums weiterhin. "Es war die richtige Entscheidung, die Prüfungen stattfinden zu lassen," sagte er am Montag. Ganß, der auch Vorstandsmitglied des Hessischen Philologenverbands ist, gab allerdings zu, dass die hessischen Lehrer in dieser Frage uneins seien.

Für die Abiturprüfungen gibt es an der Georg-Büchner-Schule konkrete Regeln, um die Ansteckungsgefahr einzudämmen: Zwischen den Tischen der Prüflinge müssen zwei Meter Abstand eingehalten werden. Außerdem schreiben immer weniger als zehn Abiturienten zusammen in einem Raum ihre Klausuren. Tische und Türklinken werden regelmäßig desinfiziert.

Ob die schriftlichen Abiturprüfungen wie geplant bis zum 2. April stattfinden können, will das Kultusministerium weiterhin von Tag zu Tag entscheiden. Weitergehen soll es am Dienstag mit den Leistungskursen Latein und Spanisch.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.03.2020, 19.30 Uhr