Studierende von hinten mit viel Abstand voneinander

Die einen schwitzen ohne Toilettenpause im Zelt, die anderen nach Webcam-Identifizierung im WG-Zimmer: Hessens Universitäten kämpfen sich gerade mit unterschiedlichen Corona-Konzepten durch die Prüfungsphase. Ohne Zumutungen geht das für die Studenten nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Uniprüfungen und Corona: "Ein ziemliches Ausnahmesemester"

Alte Uni in Marburg
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Die Stimmung am Lahnufer vor der Marburger Mensa ist ausgelassen. Studierende sitzen auf Holzstufen in kleinen Gruppen zusammen und genießen die Sonne. Die Freude ist groß, weil sich einige hier seit Monaten nicht mehr gesehen haben. Genauso groß ist auch die Erleichterung, weil die Studierenden gerade eine wichtige Linguistik-Klausur hinter sich gebracht haben.

Die Prüfung im Hörsaalgebäude lief unter strengen Auflagen ab, wie die angehende Englisch-Lehrerin Milena berichtet: "Es kamen vorher mehrere E-Mails mit den genauen Wegbeschreibungen und Regeln, wie hat man sich zu verhalten hat." Überall gab es Markierungen, Toilettenpausen waren verboten und wer früher fertig war, musste bis zum Ende sitzen bleiben.

Die Studentin findet: Wegen all der ungewohnten Regeln konnte sie sich schlechter konzentrieren als sonst – auch wegen des Mundschutzes, den sie nur zwischendurch mal schnell zum Trinken abnehmen durfte. "Man steigert sich da ja schnell mal rein und denkt: Ich brauch' Sauerstoff!", erzählt Milena. Besonders die Brillenträger hätten ihr leidgetan: "Die hatten die ganze Zeit beschlagene Gläser."

"Wir standen vor Riesenproblemen"

Ähnlich wie an den Universitäten in Marburg, Gießen und Kassel ist auch an der Hochschule Darmstadt in den nächsten Wochen wieder Anwesenheit gefragt bei Prüfungen. Eine Herausforderung, weil die Hochschulen auch noch viele ausgefallene Prüfungen aus dem letzten Wintersemester vor sich herschieben.

Daniela Greco managt den Fachbereich Bauingenieurwesen. Sie berichtet, dass die Raumfrage die Hochschule "vor Riesenprobleme" gestellt habe. "Wir haben mit Grauen festgestellt, dass unsere Raumkapazität nur ein Fünftel dessen ist, womit wir früher gearbeitet haben." Wo früher 65 Studierende geprüft wurden, dürfen jetzt nur noch 15 hinein. "Wir prüfen jetzt zum Beispiel in der Mensa und in einem großem Zelt."

Einbahnstraßen-Regelung

Alles laufe sehr organisiert ab, betont Greco. Die Studierenden würden vorher genau informiert, draußen abgeholt und dann "im Entenmarsch" in die Räume gebracht. Durch fest zugewiesene Sitzplätze und Einbahnstraßen-Regelungen sorge man für genügend Abstand. Die Räume hätten entweder eine eingebaute Lüftung oder würden konstant durch Fensteröffnen gelüftet.

Dass all das ungewohnt und herausfordernd für die Studierenden ist, ist auch der Darmstädter Hochschulleitung klar. Deshalb wolle man den Studierenden entgegenkommen. Es gebe zum Beispiel derzeit keine Pflichtteilnahme für Prüfungen, die normalerweise zu einem vorgegebenen Zeitpunkt absolviert sein müssen. "Weil wir auch um die psychische Belastung wissen, ist es ihnen völlig freigestellt, ob sie kommen." Noch kurz vorher, bis sie den Prüfungsraum betreten, könnten die Studierenden sich entscheiden.

In Frankfurt reichen die Räume nicht

Kreative Lösungen sucht man derweil auch an der Goethe-Universität in Frankfurt. 40.000 Studierende haben sich derzeit an Hessens größter Hochschule für Prüfungen angemeldet. Allein in den Wirtschaftswissenschaften nehmen sonst bis zu 1.000 Studierende gleichzeitig an einer Klausur teil, sagt Uni-Präsidentin Birgitta Wolff. "Wenn wir das im Corona-Tempo mit unseren Hörsaalkapazitäten machen wollten, hätten wir schlichtweg nicht genug Räume." Außerdem sei schnell klar gewesen: Für Risikogruppen müsse man ohnehin andere Formate finden.

Birgitta Wolff, Präsidentin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Deshalb will die Universität in den kommenden Wochen mit Online-Prüfungen experimentieren, die von zu Hause aus abgelegt werden. Das Dilemma: Die Tests müssen prüfungsrechtlich sauber und gleichzeitig datenschutzkonform sein. "Aus Datenschutzgründen können wir nicht einfach alles mit der Webcam aufzeichnen", sagt Wolff. Andererseits müsse man für gleiche Prüfungsbedingungen sorgen. "Das heißt, dass da nicht einer mit drei Leuten am Rechner sitzen darf."

Uni sucht neue Prüfungsformate

Die Goethe-Universität hat in den vergangenen Wochen bereits mündliche Prüfungen online abgenommen. Dabei müssen sich Studierende per Ausweis über die Webcam identifizieren und versichern, keine Hilfsmittel zu benutzen. Bei schriftlichen Klausuren ist das komplizierter. Die Uni will nun einen Modellversuch mit einer Art Online-Aufsicht starten: Dabei soll eine Aufsichtsperson per Webcam live bis zu acht Studierende gleichzeitig zu Hause beobachten können.

Außerdem wolle man vermehrt mit sogenannten Open-Book-Prüfungsformaten arbeiten. Die Fragen würden dabei so gestellt werden, dass Studierende zwar alle Hilfsmittel nutzen könnten, aber Schnelligkeit, Intelligenz und Wissen dennoch entscheidend seien. "Wenn Sie unter Zeitdruck da mit zehn Metern Literatur sitzen, müssen Sie trotzdem wissen, wo sie nachgucken müssen", erklärt Wolff. "Manche sagen, dass diese Prüfungsform dem wirklichen Leben viel mehr entspricht, als wenn man alles auswendig lernen muss."

Kein stabile Internetverbindung zu Hause

Die Goethe-Universität hat auf dem Campus Arbeitsplätze für Studierende eingerichtet, denen die technische Ausstattung für Online-Prüfungen zu Hause fehlen. Ein weiteres Problem kennt Kyra Beninga, die AStA-Vorsitzende, von Kommilitonen: "Viele haben noch nicht mal stabiles Internet. Wenn da das Internet abstürzt, ist die Klausur gelaufen."

Auch für die Prüfungsvorbereitung seien die Arbeitsbedingungen zu Hause häufig unzureichend, meint Beninga. "Viele Frankfurter Studierende leben in kleinen WG-Zimmern und haben vielleicht noch Baulärm drum herum." Besonders Studenten, die noch Kinder betreuen, bräuchten besseren Zugang zu Arbeitsplätzen auf dem Campus. Außerdem sollten auch im nächsten Semester verlängerte Abgabefristen für Hausarbeiten gelten, weil noch immer der Zugang zu Bibliotheken eingeschränkt sei.

In jedem Fall erlebt Beninga, die Lehramtsstudentin ist, dass dieses Semester für viele enorm belastend gewesen sei. "Das war ein ständiges Auf und Ab und hat den Studierenden vor allem eines nicht gegeben: Planungssicherheit." Von der Unsicherheit berichteten viele dem AStA in E-Mails. "Es war ein ziemliches Ausnahmesemester."

Sendung: hr-iNFO, 16.07.2020, 10.55 Uhr