Der beinahe leere Campus der Frankfurter Goethe-Universität

Im Frühjahr hat die Corona-Pandemie die Hochschulen kalt erwischt, für die Planung des Wintersemesters hatten sie nun mehr Vorlauf. Das Ergebnis: Auf den Hochschulgeländen soll es wieder mehr Veranstaltungen geben - allerdings nicht für alle Studenten.

An den Schulen herrscht schon seit Wochen wieder Regelbetrieb - an Hessens Hochschulen dagegen ist das noch lange nicht in Sicht. Auch im Wintersemester, das offiziell am Donnerstag begonnen hat, müssen sich die rund 260.000 Studenten weiter auf coronabedingte Einschränkungen und viele Online-Vorlesungen einstellen.

Eine vollständige Rückkehr zum Normalbetrieb sei nicht möglich, weil an Hochschulen - anders als an den Schulen - viele Menschen in wechselnder Zusammensetzung an unterschiedlichen Veranstaltungen teilnähmen, erklärte das zuständige Wissenschaftsministerium vor Semesterbeginn.

Nichtsdestotrotz soll auch der Präsenzbetrieb an den Hochschulen "behutsam erweitert werden". Ein "Hybridsemester" soll es werden, wie es das Ministerium nennt - eine Kombination aus Lehrveranstaltungen vor Ort und im Internet.

Mehr Präsenztermine für bestimmte Studenten

"Hochschulen sind Orte des gemeinsamen Lernens - das soll, wo immer es unter Hygienegesichtspunkten vertretbar und organisatorisch möglich ist, mit Formaten der Präsenzlehre gelebt werden", sagte die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne). Davon sollen vor allem Studienanfänger und Studenten in der Abschlussphase profitieren.

Auch Studierende, für die Laborarbeiten, Sport oder Musikproben eine große Rolle spielen, sollen priorisiert werden. Veranstaltungen wie Übungen oder Seminare, bei denen der direkte Austausch wichtig ist, sollen wenn möglich ebenfalls vor Ort stattfinden.

Auf diesen Rahmen hat sich das Ministerium mit den Hochschulpräsidien geeinigt und ein "Hybridsemesterkonzept" ausgearbeitet. Wie die einzelnen Hochschulen das für sich ausgestalten, bleibt ihnen größtenteils selbst überlassen. Denn eine Lösung, die für alle gleichermaßen passe, gebe es nicht, so die Vorsitzende der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien, Birgitta Wolff.

Besonderer Start für viele Erstsemester

Eine besondere Herausforderung dürfte die hohe Zahl an Erstsemestern werden, die traditionell zum Wintersemester ihr Studium beginnen. Wie viele es in diesem Jahr sein werden, steht noch nicht fest, da die Frist zur Einschreibung wegen der Corona-Pandemie vielerorts verlängert wurde. Allein die größte Universität Hessens in Frankfurt rechnet aktuell mit etwa 8.000 Studienanfängern.

Für die sonst üblichen Einführungsveranstaltungen und Ersti-Partys müssen sich die Universitäten Alternativen einfallen lassen. "Insbesondere für Erstsemester ist es immens wichtig, Kontakte zu anderen Studierenden knüpfen zu können", sagte die Vizepräsidentin der Philips-Universität Marburg, Evelyn Korn. Bei den Orientierungsveranstaltungen strebe man deswegen einen guten Mix aus Präsenz- und Online-Formaten an.

Viele Erstsemester sitzen im Hörsaal bei einer Einführungsveranstaltung an der Universität Kassel

Die Universität Kassel will allen Studienanfängern ermöglichen, zumindest einmal die Kommilitonen und Dozenten persönlich zu treffen. Die Technische Universität (TU) Darmstadt dagegen plant eine virtuelle Begrüßung aller Erstsemester zum Vorlesungsbeginn, auch die Veranstaltungen der einzelnen Studiengänge sollen meist digital stattfinden.

Studenten wünschen sich mehr persönlichen Kontakt

In Marburg sollen aber auch Studenten aller anderen Semester wieder mehr Veranstaltungen am Campus besuchen können als das im Sommer der Fall war. Dieser Wunsch der Studenten habe sich in einer Evaluation gezeigt und man wolle ihn erfüllen, so die Uni. Wie genau das aussehen könnte, daran wird aktuell noch gefeilt.

Ähnlich sieht es in Kassel aus, wie der Sprecher der Universität berichtet: "Die Fachbereiche planen momentan, welche Veranstaltungen Präsenzangebote bieten werden und stellen durch die Wahl der Räume sicher, dass grundsätzlich alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen gegebenfalls abwechselnd in Teilgruppen teilnehmen können." Daneben soll es weiterhin ein umfangreiches digitales Programm geben, damit jeder wahlweise auch von zuhause aus lernen kann.

Viel Präsenz in Frankfurt, wenig in Darmstadt

In Frankfurt sollen rund 400 Kurse ganz oder teilweise in der Universität durchgeführt werden. In vielen Fächern seien die Grundlagenveranstaltungen so gestaltet, dass die Vorlesungen online angeboten werden, die dazugehörigen Tutorien wegen ihrer kleineren Teilnehmerzahl aber als Präsenzformate, wie ein Sprecher erklärte.

Andernorts ist man deutlich zurückhaltender: "Im Wintersemester werden sich Präsenzveranstaltungen in erster Linie auf Laborpraktika und die im Lehrplan vorgeschriebenen Exkursionen beschränken", teilte der Sprecher der TU Darmstadt mit. Allerdings will die TU flexibel reagieren und mehr Veranstaltungen vor Ort anbieten, falls sich die Situation bessern sollte.

Uni Gießen kämpft noch mit Folgen der Cyberattacke

Besonders schwierig bleibt es weiterhin für die Justus-Liebig-Universität in Gießen. Durch einen Hackerangriff im Dezember vergangenen Jahres wurde die Online-Infrastruktur der Uni wochenlang lahmgelegt - die Folgen beschäftigen vor allem das Hochschulrechenzentrum nach wie vor, teilte eine Sprecherin auf Nachfrage mit. "Und dies in einer Zeit, in der unsere IT-Fachleute für die digitale Lehre mehr denn je gebraucht werden."

Wie das Wintersemester hier konkret aussehen soll, bespricht aktuell der Krisenstab. Veranstaltungen in der Uni soll es vor allem für Studienanfänger geben, auch Laborpraktika sollen vor Ort möglich sein.