Student arbeitet am Schreibtisch.

Eigentlich hieß es im Sommer, dass das Wintersemester an den hessischen Universitäten wieder vorwiegend ein Präsenz-Semester sein soll. Nun verlagern sich trotzdem wieder mehr Veranstaltungen ins Digitale. Studierende stellt das vor neue Herausforderungen.

Lilly hat es eilig, als sie ihr Fahrrad am Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt aufschließt. Sie kommt gerade von einem Seminar, die Fenster waren zum Lüften auf, ihr ist kalt, und überhaupt muss sie schnell wieder nach Hause, an den Schreibtisch. Die nächste Vorlesung beginnt gleich - als Videokonferenz.

"Hin- und Herfahren ist anstrengend"

Eigentlich hatte Lilly sich gefreut, dass ihr erstes Semester im Erziehungswissenschaften-Studium an der Uni und nicht zuhause vor dem Computer beginnen würde. Die Zeit am Computer zuhause wird gerade aber immer mehr.

"Das Hin- und Herfahren ist schon anstrengend", sagt sie. "Für andere, die einen weiteren Weg haben, ist es wirklich blöd." Lillys Seminare finden momentan noch zum Großteil hier am Campus statt. "Aber bestimmt nicht mehr lange."

Felicia, André und Katharina haben sich gerade ein paar Meter weiter getroffen, um zusammen zu lernen. Das ist der einzige Grund, weshalb sie auf dem Campus sind. Ihre Seminare sind fast alle online, erzählen sie.

Ein Grüppchen Psychologie-Studenten ist von der Frage nach der Online-Lehre irritiert. "Wir haben nur Präsenzveranstaltungen." Die Kunst- und Theologie-Studentin Ann-Kathrin erzählt, sie sei nur an einem Tag in der Woche an der Uni. "Hälfte-Hälfte" ist es bei Jura-Student David.

Drei Studierende an der Goethe-Uni mit Maske

Uni Frankfurt: Fachbereiche zuständig

Laut Frankfurter Uni-Präsidium sollen 50 Prozent aller Lehrveranstaltungen in Präsenz stattfinden. Die einzelnen Fachbereiche seien jedoch dafür zuständig, das auszugestalten, erklärt ein Sprecher der Universität.

Grundsätzlich will das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst nach eigenen Angaben, dass so viel "Normalität im Hochschulleben wie möglich und verantwortbar" umgesetzt wird.

Was ist "möglich und verantwortbar"?

Aber was ist möglich und verantwortbar, jetzt wo die Infektionszahlen so hoch wie nie sind? Das Ministerium verweist auf die Hochschulen, die die Gefährdung individuell beurteilen müssen. Durch die neue Corona-Verordnung des Landes wird sich für Studierende wenig ändern. Die nun verpflichtende 3G-Regelung hatten die meisten Universitäten schon zu Semsterbeginn eingeführt.

An der Justus-Liebig-Universität Gießen, an der Philipps-Universität Marburg, an der Technischen Universität Darmstadt oder an der Universität Kassel entscheiden letztendlich die Fachbereiche, manchmal auch die einzelnen Lehrenden, ob sie ihre Veranstaltungen digital, hybrid oder in Präsenz abhalten.

AStA Gießen: "Ungleiche Behandlung der Studierenden"

Lara Stoller sieht grundsätzlich die Vorteile, dass die einzelnen Fachbereiche über die Form der Lehre entscheiden. Sie ist Referentin für Digitalisierung, Studium und Lehre des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Justus-Liebig-Universität Gießen. "Die Lehrenden wissen ja am besten, was für ihre Veranstaltungen sinnvoll ist."

Andererseits merke der AStA auch, dass die Regelungen zu einer ungleichen Behandlung der Studierenden führten. "In den Gesellschaftswissenschaften ist beispielsweise sehr viel Online-Lehre, während Jura fast vollständig in Präsenz stattfindet", sagt sie.

Die hybride Lehre könne eine gute Zwischenlösung sein. "Es gibt einen Konferenzkoffer mit Lautsprecher und Kamera im Hörsaal, und dann sind einige Studierende vor Ort und andere zugeschaltet", erklärt sie.

Der AStA erhalte jedoch auch Beschwerden von Studierenden, deren Stundenpläne aus Online- und Präsenzveranstaltungen gemischt sind. Im vergangenen Jahr seien viele neue Studierende gar nicht nach Gießen gezogen, sondern bei ihren Eltern irgendwo in Deutschland geblieben. "Zu Beginn dieses Semesters sind dann viele umgezogen", sagt Stoller. "Dafür, dass sie jetzt vielleicht einmal die Woche an der Uni sein müssen."

Wieder weniger Präsenz an der Frankfurt UAS

Wer wie oft an der Uni sein muss, unterscheidet sich bislang auch noch unter den Studierenden an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS). Alle Veranstaltungen, bei denen der Abstand in den Räumen nicht eingehalten werden kann, sollen ab der kommenden Woche aber nur noch digital stattfinden, teilt die Pressestelle der Hochschule mit. Damit werde es wieder weniger Präsenzlehre geben.

Das betrifft dann auch Katharina, die an der Frankfurt UAS Produktentwicklung und technisches Design studiert. "Ich sehe nicht, wie der Wechsel so kurzfristig funktionieren soll", sagt sie.

Vier Studierende mit Maske an der Frankfurt University of Applied Sciences

"Eigentlich plant man zu Beginn des Semesters seinen Stundenplan so, dass man möglichst wenig Freistunden hat." Nun würden diese Freistunden fehlen, um von einer Präsenzveranstaltung an der Hochschule wieder zur Online-Veranstaltung nach Hause zu fahren.

Lösung: Online-Vorlesungen in Uni-Räumen

Für viele Studierende ist die Lösung in solchen Fällen, sich die Videokonferenzen und Online-Vorlesungen in Räumen der Hochschulen anzuschauen. An der Justus-Liebig-Universität Gießen gibt es dazu Konferenzabteilungen in der Bibliothek. Die Technische Universität Darmstadt hat eine Funktion in der eigenen App eingebaut, mit der Studierende freie Räume auf dem Uni-Gelände finden können.

"Dass man dann doch wieder vor Ort zusammenhockt, ist eigentlich nicht Sinn der Sache", sagt die Frankfurter Studentin Lilly. Verstehen könne sie das Vorgehen der Hochschulen dennoch. Viele Studierende wollen nicht ganz zurück in die Online-Lehre, die Corona-Fallzahlen sind hoch. "Was will man also sonst auch machen?"