Familie Adolph und Arndt Brüne.

Ob Vogelsberg oder Willingen - während der Corona-Pandemie haben einige Tourismusanbieter in Hessen von dem Trend zu nahe gelegenen Reisezielen profitieren können. Doch werden wir deshalb nach Corona künftig auf Fernreisen und Flüge verzichten?

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Vier niegelnagelneue Ferienhäuschen aus Holz über Monate im Leerstand - noch im März diesen Jahres sah es so aus, als hätte Corona dem Traum von Ehepaar Manfred und Regina Adolph als Gastgeber im osthessischen Vogelsberg einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

"Wir hatten die Hütten gerade zwei Monate vorher zu großen Teilen auch in Eigenarbeit fertiggestellt und mussten schon wieder schließen", erzählt Regina Adolph. Für die 48-Jährige ein Schock – schließlich hatte sie für die Gästebetreuung extra ihren Job in einer Bäckerei aufgegeben. Und es galt noch den aufgenommen Kredit für den Bau der Hütten, gelegen am Rande von Schotten-Breungeshain, zu bezahlen. Es blieb noch das Einkommen ihres 58-jährigen Mannes aus seiner Schreinerei.

Nach dem Teil-Lockdown kam der Boom

Die Sorge bei Adolphs, sich mit ihren "Oberwald Chalets" verkalkuliert zu haben, war groß. Doch nach der Lockerung des Teil-Lockdowns erlebten sie einen Boom - offenbar hatten sie nach heutigen Bedingungen alles richtig gemacht. Morgendlicher Brötchenservice, auf Wunsch ein gefüllter Kühlschrank und die Möglichkeit, sich abends von einem Restaurant beliefern zu lassen, kamen denjenigen noch einmal besonders entgegen, die Menschenkontakt meiden wollten.

"Zeitweise kamen so viele Anfragen, dass wir auch zehn Hütten hätten füllen können", erzählt Regina Adolph. Rund 450 Übernachtungen zählten die Adolphs allein im Zeitraum Juli bis September. Wegen Corona reisten viele Gäste an, die sonst in den Ferien sehr viel weiter entfernte Ziele angesteuert hätten, so die Adolphs. Rund 60 Prozent ihrer Gäste kamen aus Hessen, wie Gießen, Fulda, Hanau, Frankfurt und Offenbach.

Durch Corona sei der Vogelsberg mit vielfältigen Ausflugszielen wie Wanderwegen, Baumkronenpfad, Sommerrodelbahn, Erlebniswald, Vogelpark und Vulkaneum bei hessischen und deutschen Urlaubern noch viel stärker entdeckt worden, berichtet Regina Adolph: "Viele unserer Gäste waren zum ersten Mal im Vogelsberg und haben gesagt, durch Corona hätten sie das Gebiet erstmals als Reiseziel entdeckt." Jetzt ist die Hoffnung der Adolphs: "Dass sie alle wiederkommen." Schließlich hätten viele auch schon gleich ein zweites Mal gebucht.

Ferienhäuser seit Corona besonders gefragt

Tatsächlich waren Ferienhäuser wie die der Familie Adolph in Hessen im Pandemiejahr 2020 bei deutschen Touristen besonders gefragt. Kurze Anreise, das Vermeiden von Menschenmengen, die Nähe zur Natur: Nach vorläufigen Ergebnissen des Hessischen Landesamts für Statistik konnten im August 2020 die Betriebsarten Ferienwohnungen und Ferienhäuser bei der Anzahl der Gäste mit Wohnsitz in Deutschland mit 24.653 Ankünften im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar mit 1,2 Prozent zulegen.

Davor kam es durch den Teil-Lockdown im Zeitraum Januar bis August 2020 hingegen mit 112.728 Gästen aus Deutschland zu einem Minus von 32,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

"Die Menschen suchen etwas, wo sie alleine sind"

Wie gut stehen die Chancen, dass bedingt durch die Corona-Pandemie Hessen als nahe gelegenes Tourismusziel neu entdeckt wird? Gar nicht so schlecht, findet Hartmut Reißer vom Hessischen Tourismusverband. "Laut ersten Befragungen sind in Deutschland gerade die Mittelgebirgslandschaften als neues Reiseziel entdeckt worden."

In Hessen hätten besonders die ländlichen Regionen mit Ferienwohnungen und Campingplätzen profitiert, darunter der Spessart, die Rhön, der Vogelsberg und das Waldecker Land. Outdoor-Aktivitäten wie Wandern und Radfahren hätten einen Boom erlebt: "Die Menschen suchen etwas, wo sie alleine sind." Verlierer seien hingegen die Städte und die Hotels gewesen, denen mit abgesagten Messen, Kongressen und Seminaren ein Großteil der Gäste weggebrochen seien.

Was die Zukunft der ländlichen Regionen angeht, ist Tourismusexperte Reißer optimistisch. "Ich glaube, dass die Menschen - trotz positiver Meldungen in Bezug auf die Entwicklung des Corona-Impfstoffs - auch noch für das nächste Urlaubsjahr bevorzugt Urlaub im eigenen Land planen werden. Und davon wird auch nach Corona noch etwas hängenbleiben."

"Die Krise birgt auch eine große Chance"

Darauf hofft auch Arndt Brüne. Der 34-Jährige betreibt seit 2014 das Ausflugsrestaurant Graf Stolberg Hütte bei Willingen (Waldeck-Frankenberg). "Wir hatten einen sehr guten Sommer und viele neue Gäste", erzählt der Gastronom. "Das kam daher, dass die Leute wegen Corona nicht ins Ausland gefahren sind."

Normalerweise kann Brüne im Innenbereich 80 Sitzplätze anbieten, draußen 300. Wegen der Abstandsregeln waren es in diesem Jahr nur noch die Hälfte - trotzdem hat er seinen Umsatz in den Sommermonaten im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent steigern können.

Arndt Brüne steht vor der Stolberg Hütte

Anders als zuvor hätten viele der Gäste ihren Haupturlaub in Willingen verbracht, so Brüne. Reisten in den Vorjahren größtenteils Gäste aus Nordrhein-Westfalen an, stammten in diesem Jahre besonders viele Gäste aus Hessen, Niedersachsen und aus Thüringen. Zu Brünes Klientel gehören aufgrund der abgelegenen Lage Wanderer und Radfahrer, also die nachhaltige Touristenklientel. Und gerade von der habe es in diesem Jahr wesentlich mehr gegeben, so Brünes Beobachtung: "Gerade bei E-Bike-Fahrern gab es eine deutliche Steigerung."

Mit dem Winter ist nun auch Brünes Hauptsaison vorbei. Dem nächsten Sommer blickt er zuversichtlich entgegen: "Die Krise birgt auch eine große Chance. Ich bin sicher, dass die Gäste, die dieses Jahr das erste Mal in Willingen waren, Stammgäste werden und immer wieder kommen."

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Sendung: hessenschau, 21.11.2020, 19.30 Uhr