Airbase Wiesbaden-Erbenheim

Giftige Schadstoffe haben den US-Militärstützpunkt in Wiesbaden verseucht. Die Stoffe stammen wahrscheinlich aus Löschschaum, den die Feuerwehr bei Übungen einsetzt. In angrenzenden Bächen und im Grundwasser wurden erhöhte Schadstoffwerte gemessen.

Bei den Schadstoffen, die den Boden rund um den US-Militärstützpunkt Wiesbaden-Erbenheim belasten, handelt es sich um per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC). Nach Angaben der US-Armee wurden die giftigen Stoffe erstmals 2009 im Boden und im Grundwasser nachgewiesen. Sie stammen wahrscheinlich vom Löschschaum, der auf der Air Base in den 1970er Jahren bei Übungen der Feuerwehr eingesetzt wurde.

Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt schließt aber auch weitere Quellen nicht aus. So liegt in direkter Nachbarschaft des Militärstützpunkts das Gelände der ehemaligen Lackfabrik Erbenheim, die in den 1980er Jahren ihren Betrieb einstellte.

Konkrete Messwerte finden sich in Unterlagen des Umweltamtes der Stadt Wiesbaden, die der Hessische Rundfunk eingesehen hat. Demnach wurden 2018 im angrenzenden Grundwasser-Brunnen eines Landwirts 46,3 Mikrogramm pro Liter (µg/l) PFC gemessen. Auf dem Militärgelände war das Grundwasser zuletzt in der Spitze mit 104 µg/l PFC belastet.

Übersicht der PFC-Werte in Brunnen und Gewässern am US-Militätstützpunkt Wiesbaden-Erbenheim

Ein Problem: Für die Chemikalien gibt es bisher keine gesetzlichen Grenzwerte. Das Umweltbundesamt gibt aber für einzelne, besonders giftige PFC-Stoffe, einen empfohlenen Leitwert für das Grundwasser von 0,1 µg/l an. Die gemessenen Werte liegen zum Teil also hundertfach darüber.

Öffentlichkeit bisher nicht informiert

Die Situation in Wiesbaden stuft der Chemiker und PFC-Experte Manfred Santen von Greenpeace Deutschland als "besorgniserregend" ein. Messwerte dieser Größenordnung könnten ein ernsthaftes Problem darstellen. Santen kritisiert, dass die Öffentlichkeit über die Belastung bisher nicht informiert wurde.

Auf Anfrage des hr-Magazins defacto gibt das zuständige Regierungspräsidium Darmstadt an, dass man sich derzeit "noch in der Phase der Erkundung" befinde und "eine abschließende Gefährdungsabschätzung (...) momentan nicht möglich" sei. Eine Informationskampagne erscheine "zum jetzigen Zeitpunkt aus Sicht der Wasserbehörde als verfrüht". Die Behörde zieht nun allerdings in Erwägung, von den angrenzenden landwirtschaftlichen Brunnen Proben zu nehmen und diese analysieren zu lassen.

Doch nicht nur im Grundwasser ist die PFC-Belastung nachweisbar. Das Umweltamt Wiesbaden hat auch in zwei angrenzenden Flüssen der Air Base - im Käsbach und im Nordenstädter Bach - seit 2017 erhöhte Werte gemessen. Im Käsbach lag der Maximalwert bei 4,9 µg/l.

Auch Flughafen Frankfurt belastet

PFC sind zuletzt bei Aushubarbeiten für den Bau des Terminal 3 auf dem Frankfurter Flughafen in die Schlagzeilen geraten. Dort lagern über 500.000 Kubikmeter giftige Erde. Auch hier wird vermutet, dass die US-Militärs, die bis 2006 diesen Teil des Rhein-Main-Flughafens betrieben, Löschübungen mit den giftigen Schaum gemacht haben. Auch in fünf hessischen Kasernen gibt es Verdachtsfälle.

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Wie gefährlich sind PFC?

Dass die Stoffe so problematisch sind, begründet das Umweltbundesamt damit, dass die Chemikalien in der Umwelt nicht abgebaut werden können und sich so global verteilen können. Sie wurden sogar bei Eisbären und Robben in der Arktis nachgewiesen. Wird unkontrolliert mit PFC-Stoffen gelöscht, gelangt das Gemisch ins Grundwasser und Gewässer. Laut Umweltbundesamt sind PFC für Menschen gefährlich, weil sich die Stoffe im Körper einlagern - Langzeitwirkungen seien allerdings noch nicht erforscht. Tiere entwickelten bei Versuchen Leberkrebs und andere Tumore.

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PFC sind Stoffe, die die Industrie besonders wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften schätzt. Die Chemikalien tauchen unter anderem in Kaffeebechern, Sofabezügen, Outdoor-Kleidung und im Backpapier auf, besonders zahlreich aber in älteren Löschschäumen von Feuerwehren.

Der Arbeits- und Umweltmediziner David Groneberg von der Goethe-Universität in Frankfurt fordert nicht nur weitere Forschung zu den Chemikalien, sondern auch strengere Auflagen für die Industrie. "Was die Gesundheitsschädigung angeht würde ich sagen: Je schneller das nicht mehr benutzt wird, desto besser." Laut hr-Recherche setzt die Feuerwehr auf der US-Airbase in Wiesbaden-Erbenheim bis heute PFC-haltigen Löschschaum ein.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 10.02.2020, 20.15 Uhr