Die Grafik zeigt eine Frau mit Kind, die zum Frauenhaus läuft und von Schatten verfolgt wird.
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Rund 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland, aber nur ein einziges gewährt speziell muslimischen Frauen Schutz. Ein Verein aus Mittelhessen betreibt es - mit einem außergewöhnlichen Konzept.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Frauenhaus "Perlenschatz" für Muslima

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Ein runder Tisch, darauf eine dampfende Tasse Kaffee. Auf einem Stuhl davor sitzt Aishe. Das ist nicht ihr richtiger Name, er ist geändert, um sie zu schützen. Was sie erlebt hat, ist schwer zu fassen. Eine Träne läuft ihre Wange hinab, ihre Stimme ist brüchig, als sie zu erzählen beginnt. Denn Aishe hat Angst, erkannt und gefunden zu werden.

Aishe ist in Deutschland geboren, lernt hier einen Mann kennen, verliebt sich und  geht mit ihm ins Ausland. Dort stellt sie fest, dass er schon verheiratet ist. Aishe soll mit dem Paar zusammenleben. Damit sie nicht weglaufen kann, nimmt ihr der Mann Geld und Pass ab. "Ich wurde auch sehr viel geschlagen, weil ich immer wieder gesagt habe, ich will das nicht", erzählt sie.

Familienersatz und enge Betreuung

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zuflucht@perlenschatz.info

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Nach Angaben des Bundeskriminalamts haben 2018 rund 140.000 Menschen Gewalt in einer Partnerschaft erlebt. Mehr als 80 Prozent davon waren Frauen, 147 Frauen starben gewaltsam. Frauenhäuser können ein Ausweg sein: Sie bieten Zuflucht und Schutz. So auch das Frauenhaus für Muslima, Flüchtlingsfrauen und Migrantinnen, das der Verein "Perlenschatz" aus Mittelhessen seit drei Monaten betreibt. Zehn Zimmer hat es, der Standort bleibt zum Schutz der Bewohnerinnen geheim.

"Wir haben eine Lebens- und Wohngemeinschaft mit Hauseltern, das heißt, es ist ein kleiner Familienersatz. Und ein weiterer Unterschied ist, dass unser Personal interkulturelle Erfahrungen mitbringen soll und Islamkenntnisse", sagt die Vereinsvorsitzende Anette Bauscher. Durch die enge Betreuung könne gezielter geholfen werden, die Frauen fühlten sich gut aufgehoben. Das Spektrum ihrer Probleme ist groß. Manche Frauen wollen sich trennen und haben Angst vor der Reaktion des Partners. Andere sind ungewollt schwanger.

Die Flucht gelingt

"Manchmal habe ich sogar vor meinem eigenen Schatten Angst", sagt Aishe. Mit Hilfe einer Nachbarin gelingt ihr nach mehreren Monaten die Flucht. Sie setzt sich in ein Flugzeug zurück nach Deutschland. Eine Freundin, mit der Aishe über WhatsApp schreibt, stellt den Kontakt zu "Perlenschatz" her.

Anette Bauscher holt sie vom Flughafen ab und bringt sie später im Frauenhaus unter. Zu ihrer Familie in Deutschland kann sie nicht zurück, sagt Aishe. Die habe sie verstoßen und gedroht, sie umzubringen.

Keine Spenden von muslimischen Verbänden

Perlenschatz e.V. finanziert sich überwiegend aus Spenden. Dafür reist Anette Bauscher durch Deutschland und hält Vorträge. Die Spender sind Privatpersonen, Firmen, Kirchengemeinden. Muslimische Verbände seien aber nicht dabei, weil sie das muslimische Frauenhaus kritisch beurteilten: "Die wollen das Problem nicht sehen."

Offiziell werden die Personen in Frauenhäusern nach Staatsangehörigkeit, nicht nach Religionszugehörigkeit gezählt. Deshalb ist schwer zu sagen, wie hoch der Anteil von muslimischer Frauen in Frauenhäusern insgesamt ist. "Gewalt gibt es überall, aber in der Praxis erlebe ich sie häufiger und härter, wenn sie sich gegen Muslima richtet", sagt Anette Bauscher. "Wir möchten verlorengegangene Würde wiederherstellen und den Frauen Annahme und Wertschätzung vermitteln."

"Männer haben immer Macht"

"Männer haben immer Macht, haben alles zu sagen, weil er ein Mann ist. Ob er dumm ist und nichts weiß, das interessiert niemanden, Hauptsache es ist ein Mann", sagt Aishe. Die Frage, ob der Islam schuld ist, kommt immer wieder auf. Anette Bauscher verneint das. Schuld seien die patriarchalen Strukturen, die in die Religion übernommen worden seien. Und trotzdem seien beide Elemente in der Praxis sehr eng verknüpft.

In den Tagen nach dem Treffen habe sich Aishe geöffnet und blühe langsam wieder auf, berichtet "Perlenschatz"-Chefin Bauscher. Und sie glaubt wieder daran, sich ein neues, selbstbestimmtes Leben aufbauen zu können.