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Unterschriftensammlung von "Realität Islam“ auf der Frankfurter Zeil gegen ein Kopftuchverbot Bild © Volker Siefert (hr)

Aktivisten von "Realität Islam“ mobilisieren in hessischen Fußgängerzonen gegen ein Kopftuchverbot. Das gibt es zwar nicht, trotzdem unterschreiben viele Passanten. Nicht jedem dürfte klar sein, wer hinter der Aktion steckt.

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Mit dem Slogan "Erhebe deine Stimme gegen das Kopftuchverbot“ sammeln junge Aktivisten der Gruppe "Realität Islam" an Info-Ständen Unterschriften für eine Petition an den Bundestag. Seit Mai hat eine Privatperson für die Frankfurter Zeil neun Mal einen Stand angemeldet. In Offenbach waren es bislang vier Stände in der Fußgängerzone. Und auch in Hanau und Rüsselsheim haben die Aktivisten Flyer verteilt und Unterschriften gesammelt.

Hintergrund ist die Debatte, ob Mädchen von Erwachsenen gezwungen werden dürfen, ein Kopftuch zu tragen. Die CDU/FDP-geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen lässt derzeit prüfen, ob es rechtlich möglich ist, Mädchen unter 14 Jahren durch ein Verbot an Schulen und Kindertagesstätten vor einem "Tragezwang" zu schützen. Bislang hat "Realität Islam" nach eigenen Angaben knapp 140.000 Unterschriften bundesweit gesammelt.

Modebewusst pro Kopftuch

Am Stand auf der Frankfurter Zeil sind Mitte August etwa zehn junge Männer aktiv. Sie tragen modische knöchelfreie Jeans und weiße Sneakers. Auf T-Shirts sprechen sie sich gegen eine "Wertediktatur" aus, die in Deutschland herrsche. Auf Nachfrage geben sie inhaltlich keine weiteren Auskünfte, sondern verweisen auf "Realität Islam".

Die Kampagne trifft offensichtlich bei einigen jungen Muslimen einen Nerv. Eine 20-jährige Frau unterschreibt und erklärt: "Leider müssen wir das machen, weil die Deutschen das Kopftuch nicht akzeptieren". Eine Altersgenossin bestreitet, dass kleine Mädchen zum Tragen des Kopftuches gezwungen würden: "Wenn sie nicht bereit sind, müssen sie das nicht machen."

Für Gottesstaat und Kalifat

Das Gebäude in Mörfelden-Walldorf, in dem sich die Zentrale von Realität Islam befindet
In dem Gebäude in Mörfelden-Walldorf hat die Gruppierung "Realität Islam" ihren Sitz Bild © Volker Siefert, hr-iNFO

Fraglich ist, ob der Hintergrund von "Realität Islam" jedem klar ist. Die Gruppierung mit Sitz im südhessischen Mörfelden-Waldorf lehne "Grundelemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung" ab und strebe "einen Gottesstaat nach islamischem Recht" an, erklärt das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) auf Anfrage von hr-iNFO. Man schließe ein "hohes islamistisches Radikalisierungspotential der Gruppierung "Realität Islam" nicht aus. Bis zu 300 Sympathisanten gehörten zum Umfeld. "Im Hinblick auf die sozialen Netzwerke ist das Mobilisierungspotential im Internet aber weitaus höher", so das LfV. 

Frankfurts Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) bewertet die Kopftuch-Kampagne als "polarisierend und nicht integrationsfördernd". Es sei den Jugendlichen vielfach gar nicht klar, was sie unterschreiben. Deswegen sei es notwendig, in Schulen und Jugendhäusern aufzuklären, "damit sie auf solche Dinge nicht reinfallen."

"Realität Islam" selbst hat Fragen von hr-iNFO bisher nicht beantwortet, aber bereits weitere Stände in Frankfurt und Offenbach angemeldet. Auch dort dürften die Aktivisten in den kommenden Wochen wieder ihre T-Shirts überstreifen, auf denen sie behaupten, in einer Wertediktatur zu leben. 

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Realität Islam

Auch in NRW haben die Sicherheitsbehörden die Gruppe auf dem Radar. "Die Organisation "Realität Islam" ist recht eng mit der Hizb ut-Tahrir verbunden und wie diese bemüht, junge Muslime die religiöse Notwendigkeit eines Kalifats zu vermitteln", erklärt das Düsseldorfer Innenministerium auf Anfrage. Die islamistische Hizb ut-Tahrir wurde 2003 vom Bundesinnenministerium wegen ihrer Betätigung gegen die Völkerverständigung und Befürwortung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele verboten. 

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