Schwarze Menschen vor der Mohren-Apotheke

Sie streiten sich um die Begriffsgeschichte des Begriffs Mohrs und finden nicht zusammen: Die Inhaberin der Friedberger Hofapotheke zum Mohren beharrt auf dem jahrhundertealten Namen, Aktivisten fordern weiter vehement eine Umbenennung. Besonders im Netz geht es hoch her.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Apothekerin: "Für mich ist der Mohr nicht rassistisch"

Aufsteller mit dem Titel "Hofapotheke zum Mohren" und dem Logo, das ein kleines Männchen mit dicken Lippen, großen Ohrringen, Turban, Apothekerstab
Ende des Audiobeitrags

Tradition hat Zukunft, so lautet das Motto der Friedberger "Hofapotheke zum Mohren". Und für die Inhaberin Kerstin Podszus steht fest: Zu dieser Zukunft gehören der Name, der momentan viele Gemüter erhitzt, und das kleine schwarze Männchen, das im Logo der Apotheke prangt. Trotz Kritik daran, äußert sich Podszus nun erneut mit klaren Worten: "Ich sehe in dem Wort Mohr kein Problem und bin nicht bereit, den Namen zu ändern."

Sogar ganz im Gegenteil, findet die Apothekerin: Sie sieht im Begriff keine Beleidigung, sondern eine große Ehre für schwarze Menschen - ein Kompliment, das bei der Apothekengründung 1621 die fortschrittliche Medizin der Mauren wertschätzen sollte. Die Apotheke sei seit über hundert Jahren in Familienbesitz und der Name sei noch nie rassistisch aufgefasst worden. "Die müssten sich eigentlich freuen, dass man sich nach ihnen benennt," meint Podszus.

Der Mohr als Fußabtreter?

Ein schwarzer Diener mit dicken Lippen, Turban und Apothekerstab, der einem schon auf der Eingangsmatte der Mohren-Apotheke als Fußabtreter begegne – der Friedberger David kann darin keine Wertschätzung erkennen. Der 30-Jährige heißt eigentlich anders und gehört zu den Initiatoren einer Antirassismus-Demo, bei der Mitte August rund 150 Menschen vor der Mohren-Apotheke gegen den Namen protestierten. Auch in einer Petition fordern sie eine Umbenennung.

Demonstranten halten Schilder hoch

David ist selbst schwarz und erzählt: Er wohne schon sein ganzes Leben lang in Friedberg und habe den Begriff und das Logo der Apotheke bereits als Kind verletzend empfunden. Der historischen Deutung der Apothekerin widerspricht er: "Wir sind der Meinung, dass der Name koloniales Erbe ist und immer noch strukturell rassistisches Gedankengut vertritt", so David. Er will das "M-Wort" noch nicht mal aussprechen und erklärt, es werde heutzutage von Schwarzen nicht als Tribut an die Mauren wahrgenommen, sondern als beleidigende Fremdbezeichnung - genauso wie das "N-Wort".

Verhärtete Fronten und Shitstorm im Netz

Doch dass es zu einer Umbenennung kommt, scheint momentan höchst unwahrscheinlich. Beide Seiten berichten: Es habe zwar bereits Telefonate miteinander gegeben, doch ein persönliches Treffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, sei bisher nicht zu Stande gekommen. Und wie sollte das auch ablaufen, wenn die eine Seite bereits kategorisch ausschließt, den Namen zu ändern - und die andere Seite ein Gespräch unter dieser Bedingung sinnlos empfindet?

Die Fronten sind verhärtet, das beobachtet auch Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg derzeit mit Sorge. "Und das gar nicht mal in erster Linie zwischen den Demonstranten und der Apothekerin selbst, sondern vor allem zwischen den Interessensgruppen, die sich jetzt auf das Thema gesetzt haben", meint Balser.

Balser beschäftigt sich seit langem mit Themen rund um Diskriminierung und Rassismus, genau so wie mit der recht großen Neonazi-Szene in der Wetterau. Balser sagt: Er halte die Apothekerin selbst nicht für rassistisch. Doch er beobachte, dass die rassistische Szene der Region den Konflikt für sich instrumentalisiere. Auf Facebook sei ein riesiger rassistischer Shitstorm entstanden, so Balser - "mit sämtlichen Stereotypen, die wir uns so vorstellen können".

Apothekerin bekommt Unterstützung aus verschiedenen Richtungen

Die Inhaberin der "Hofapotheke zum Mohren" berichtet ihrerseits, dass sie einschüchternde Nachrichten erhalten habe. Kerstin Podszus sucht sich derzeit Unterstützung für den Namen ihres Familienbetriebs. Eine Unterschriftenliste im Laden hätten bereits 3.000 Kunden unterschrieben, berichtet sie. Eine Online-Petition, die Podszus bereits vor zwei Jahren gestartet hat, als es ähnliche Diskussionen in Frankfurt gab, hat knapp 25.000 Unterstützer.

Vor allem in den sozialen Medien erntet die Apothekerin viel Zustimmung – aus den unterschiedlichsten Richtungen. Viele Unterstützer finden, dass die Apotheke für den Erhalt von jahrhundertelangen Traditionen kämpfen sollte. Andere fürchten sich offenbar vor einer "links-grünen Sprachpolizei" oder schreiben etwa, dass sie "die übertriebene Political Correctness zum Kotzen" finden oder die Rassismusdebatte überzogen sei. Eine Vielzahl von Usern äußert sich auch mit eindeutig fremdenfeindlichem Vokabular: Sie fordern die Aktivisten etwa auf, "nach Hause zu gehen", nennen sie potentielle Terroristen, Fanatiker oder gestörte Individuen.

Auch Friedberger Ausländerbeirat gegen Namensänderung

Auf hr-Anfrage äußerte sich inzwischen auch der Ausländerbeirat der Stadt Friedberg dazu: Man habe in einer Sitzung über das Thema diskutiert und spreche sich mehrheitlich dafür aus, dass die Hofapotheke zum Mohren ihren Namen nicht ändern sollte, erklärt der Vorsitzende Recep Kaplan.

Von den acht Mitgliedern seien zwar zwei andere Meinung gewesen, meint Kaplan. Aber er persönlich finde: Man könne den Namen sowohl positiv als auch negativ deuten und er glaube nicht, dass die Apotheke damals mit rassistischen Gedanken gegründet worden sei. Auch er selbst habe dort schon eingekauft und sich nie am Namen gestört. "Ich finde es auch nicht richtig, das zu erzwingen", meint Kaplan. "Aber als Entgegenkommen könnte die Apotheke vielleicht das Bild wegmachen."

Marburger Professorin: Das Wort ist nicht würdigend

Dass der Friedberger Ausländerbeirat, die Apothekerin und offenbar viele andere Menschen zu diesen Schlüssen kommen, wundert die Marburger Professorin Susanne Buckley-Zistel sehr. Die Politikwissenschaftlerin leitet das Marburger Zentrum für Konfliktforschung und hat sich mit der Begriffsgeschichte des Wortes Mohrs befasst.

Die Professorin erklärt: Das weit verbreitete Argument, dass der Begriff damals würdigend gewesen sei und medizinisch gebildete Mauren ehren sollte, sei zwar ein wichtiges und spannendes Argument. "Doch man darf nicht vergessen, dass Sprache lebendig ist und durch verschiedene Phasen geht", so Buckley-Zistel. Der Begriff des Mohr sei seitdem auf eine ganz andere Art benutzt worden und habe insbesondere seit dem deutschen Kolonialismus an Würde verloren, so die Soziologin.

Das Wort habe seitdem geringschätzend und herablassend Menschen aus Subsahara-Afrika bezeichnet, die in Deutschland und auch im Frankfurter Zoo Menschen sogar ausgestellt worden seien: "Sie wurden der deutschen Bevölkerung als Wilde, Eingeborene oder Wesen irgendwo zwischen Menschen und Tier vorgestellt." Leider gebe es in Deutschland immer noch zu wenig Aufklärung über die deutsche Kolonialgeschichte, bedauert die Professorin, auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan habe.

Professorin plädiert für Namensänderung und schlägt Kompromiss vor

Oft würden in diesem Zusammenhang als Gegenargument auch Begriffe wie "Berliner" oder "Amerikaner" ins Feld geführt. Diese Bezeichnung seien jedoch nicht vergleichbar mit dem Wort "Mohr", weil es hier um eine gesellschaftliche Gruppe gehe, die noch heute in Deutschland unter sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung leide.

Susanne Buckley-Zistel ist der Meinung: Auch wer nicht selbst betroffen ist und die Gefühle der Betroffenen vielleicht nicht völlig verstehen kann, könne trotzdem eine Position der Solidarität einnehmen für Menschen, die sich von solchen Begriffen verletzt fühlen. So könne man ein Zeichen gegen rassistische Strukturen setzen.

Die Professorin befürwortet, dass von den rund einhundert Mohren-Apotheken in Deutschland inzwischen einige ihre Namen aus freien Stücken geändert haben. Auch die Firma Sarotti habe schon vor Jahren ihr Logo geändert. Erfreulich sei auch, dass nun die Berliner Mohrenstraße umbenannt werden soll: Sie soll künftig nach dem afrikanischen Gelehrten Anton Wilhelm Amo heißen. Als Kompromiss für die Friedberger Hofapotheke schlägt die Wissenschaftlerin vor: "Wenn es der Inhaberin tatsächlich um den historischen Bezug zu Menschen aus Nordafrika geht, könnte sie ja zum Beispiel den Namen von Mohren in Mauren umwandeln." Dann müsste man sogar nur zwei Buchstaben ändern.

Sendung: hr4, 21.08.2020