Collage Landschreiber Gefängnis

Sex unter Männern - lange Zeit war das in Deutschland strafbar. Erst vor 25 Jahren wurde der entsprechende Paragraf 175 abgeschafft. Hermann Landschreiber aus Gelnhausen wurde wegen seiner Beziehung zu einem Mann verurteilt und verlor seinen Job. Bis heute hat der 80-Jährige damit zu kämpfen.

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Es schien ein ganz normaler Tag im August 1966 zu werden. Am Morgen geht Hermann Landschreiber wie immer zur Arbeit, auf das Postamt seiner Heimatstadt Gelnhausen. Doch an diesem Tag wird er nicht mehr nach Hause kommen. "Die Kripo kam aufs Postamt, als ich noch nicht dort war. Sie haben die Nachricht hinterlassen, ich soll mich auf der Polizeistation melden."

Nichtsahnend kommt er der Anweisung nach. "Die haben dann sofort auf mich eingeprasselt", erzählt er mit brüchiger Stimme vom Verhör, "vier oder fünf Stunden lang." Der Vorwurf: Sex mit Männern. Darauf steht damals eine Gefängnisstrafe. 1871 wurde sie eingeführt, die Nazis verschärften sie weiter – und die neue Bundesrepublik übernahm den Paragrafen 175 in unveränderter Form.

Sofort in Untersuchungshaft

Die Beziehung zu einem Mann wird ihm zum Verhängnis. Drei Jahre waren sie ein Paar, ohne dass ihre Eltern davon wussten. Doch die Mutter des Ex-Freundes hat es herausgefunden und ihren Sohn an die Polizei verraten. Die Beamten durchleuchten den gesamten Freundeskreis.

Im Verhör ist Hermann Landschreiber irgendwann so zermürbt, dass er alles, was ihm die Polizisten vorwerfen, zugibt. Unzucht, Sex mit verschiedenen Männern. Der Haftrichter lässt den jungen Mann wegen angeblicher Verdunklungsgefahr sofort ins Gefängnis bringen. "Ich bin direkt von dort in der Postuniform abgeführt und nach Fulda eingeliefert worden."

In einer Einzelzelle verbringt er seine Untersuchungshaft. "Zum Hofgang bin ich mit einem Schwerkriminellen allein gelaufen, ich durfte nicht mit der Allgemeinheit laufen. Mir waren Schwerverbrecher, Mörder und sonst was gleich gestellt." Noch heute kann der 80-Jährige kaum über diese Zeit sprechen, ohne dass ihm die Tränen kommen.

Post kündigt ihm

Weil er mit einem Mann zusammen war, verlor er seine Freiheit - und seinen Job. "In Fulda kam dann zwei Tage später die Kündigung von der Post. Fristlose Entlassung wegen Fernbleibens vom Dienst. Und zudem, da ich in Untersuchungshaft genommen worden bin, würde vermutlich eine Straftat vorliegen", erzählt Landschreiber.

Bilder aus ARD-Doku

Nach zwei Wochen Haft wird er entlassen. Sein Fahrlehrer kennt den Staatsanwalt und setzt sich bei ihm für den jungen Mann ein. Der Verhandlung muss er sich trotzdem stellen. Der erste Richter schickt ihn zu einem Psychologen, ein zweiter verurteilt ihn zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung.

Kein Arbeitgeber nimmt ihn

Doch trotz des vergleichsweise milden Urteils ist der Einschnitt in sein Leben enorm. Seine "Straftat" hat sich herumgesprochen, sogar in der Zeitung gab es einen Artikel über ihn. "Zehn Jahre lang bin ich in Gelnhausen gar nicht mehr irgendwohin gegangen, in ein Lokal oder so." Eine Nachbarin fängt immer an zu singen, wenn sie ihn sieht - "175er Strichjung", eine Anspielung auf den Paragrafen 175.

Auch einen Job findet er lange nicht. Die Post stellt ihm ein Zeugnis aus, dessen letzter Satz alle potentiellen Arbeitgeber abschreckt: "Wurde wegen einer außerdienstlichen Sache in Untersuchungshaft genommen. Da eine Straftat vorliegt, musste er fristlos entlassen werden." Schließlich nimmt er einen Job als Lagerhilfsarbeiter an, weit unter seiner Qualifikation. Denn hier muss er kein Zeugnis vorlegen.

Abschaffung erst 1994

Ende der 1960er Jahre wurde der Paragraf 175 in Westdeutschland etwas gelockert, erst vor 25 Jahren, im Juni 1994, wurde er dann komplett aufgehoben. Bis dahin wurde bundesweit gegen 100.000 Männer ermittelt, 70.000 von ihnen wurden verurteilt. "Dass so ein Paragraf aus der Nazizeit in die neue Bundesrepublik mitgenommen wird und die Menschen immer noch mit diesem Makel behaftet waren, das finde ich unterirdisch", sagt Christine Lüders, ehemalige Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Jahrelang hat sich die Frankfurterin dafür eingesetzt, dass Männer, die wegen des Paragrafen 175 verfolgt wurden, rehabilitiert werden. Doch erst 2017 hat sie Erfolg. Seitdem können die Opfer des Paragrafen einen Antrag auf Entschädigung stellen, die Urteile gegen sie werden aufgehoben und ihnen steht eine finanzielle Wiedergutmachung zu.

"Das verfolgt einen immer"

Auch Hermann Landschreiber hat seine Entschädigung erhalten – 3.000 Euro für die Verurteilung, 1.000 Euro für die Untersuchungshaft. Viel weniger als das, was ihn Anwälte und Gutachten damals gekostet haben, sagt er. Es sei eine nette Geste, aber besser gehe es ihm dadurch nicht. "Das kann man nicht vergessen, das verfolgt einen immer." Sein Mann Holger hat ihn bei der Beantragung unterstützt und viel mit ihm gesprochen, als alle Erinnerungen an die Verhöre, die U-Haft und die Sprüche der Nachbarn wieder hochkamen.

Bilder aus ARD-Doku

Hermann Landschreiber ist froh, dass sich die Situation für Homosexuelle in Deutschland so verbessert hat. Doch die Angst vor Verfolgung sitzt noch tief. "Demokratie ist eine ganz zarte Pflanze, die gepflegt werden muss", sagt er mit brüchiger Stimme. "Wenn das nicht mehr der Fall ist, dann kommt so etwas wieder."

Weitere Informationen

ARD-Dokumentation

Hermann Landschreiber ist einer der Zeitzeugen, die Marco Giacopuzzi für die ARD-Dokumentation "Der "Schwulen-Paragraf" - Geschichte einer Verfolgung" interviewt hat. Der 45-minütige Film wird am 27. Mai 2019 um 23.30 Uhr im Ersten ausgestrahlt und ist hier in der Mediathek zu finden.

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