Polizeiauto am Frankfurter Mainufer

Andere sind lockerer: Trotz niedriger Corona-Zahlen hält Hessen strikter als Nachbarbundesländer an Einschränkungen fest. Aus medizinischer Sicht erscheint das unnötig.

Rot-weiße Absperrbänder riegeln die Grünfläche ab, Polizeikräfte patrouillieren und warnen Anwohner vor dem Betreten des Areals. Ein Verbrechen hat hier nicht stattgefunden. Jedenfalls keines im ursprünglichen Sinn. Das Flatterband blockiert den Friedberger Platz in Frankfurt, der in den vergangenen Wochen zum offenkundigen Schauplatz der Corona-Beschränkungen wurde.

Weil sich nach Meinung der Ordnungskräfte hier zu viele Menschen ansammeln, musste das kleine Rasenstück im dicht besiedelten Nordend wiederholt abgesperrt werden. Mal im laufenden Feierabendbier-Betrieb, mal schon im Vorfeld. Die Stadt witterte Gefahr im Verzug, die Rede ist von unbelehrbarem Party-Volk.

Virologe positiv überrascht

Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Noch immer sind in Hessen laut geltender Corona-Verordnung Treffen im öffentlichen Raum nur "alleine, gemeinsam mit einer weiteren Person oder mit den Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstands gestattet". Heißt im Umkehrschluss: Drei oder mehr Freunde, die sich bei schönem Wetter im Freien treffen, handeln unter Missachtung der 1,5-Meter-Abstandsregel gegen das aktuell geltende Landesgesetz. So geschehen offenbar auch auf dem Friedberger Platz.

Mit seinen Regeln zu den persönlichen Kontakteinschränkungen fährt Hessen einen im Ländervergleich strikten Kurs. "Die Zahlen sinken, dementsprechend kann man das Risiko eingehen, mehr Personen zusammenkommen zu lassen", meint auch der Frankfurter Virologe Martin Stürmer, der sich zuletzt noch um zu schnelle Lockerungsmaßnahmen sorgte.

Doch die Entwicklung der Fallzahlen habe sich selbst mit der Öffnung von Kaufhäusern, Restaurants oder Schulen nicht verschlechtert - im Gegenteil: "Es bleibt entgegen meiner Befürchtungen erfreulich ruhig", sagt Stürmer zu hessenschau.de. Hessen liege dabei bei den relevanten Zahlen im bundesweiten Mittelfeld. An größere Dunkelziffern glaubt der Experte nicht.

Nachbarländer beschließen Lockerungen

Das benachbarte Rheinland-Pfalz regiert nun auf die positive Gesamttendenz und erlaubt ab kommenden Mittwoch wieder Treffen von bis zu zehn Personen - unabhängig von der Anzahl der Haushalte. Die gleiche Regelung gilt in Nordrhein-Westfalen bereits seit vergangenen Samstag.

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Lockerungen in Sicht - bei Freibädern z.B.

Dass Hessen bei den Lockerungen keinen Überbietungswettbewerb gewinnen wolle, hat Regierungschef Volker Bouffier (CDU) immer wieder betont. Trotzdem seien weitere Lockerungen angesichts der Corona-Entwicklung absehbar, heißt es aus Wiesbaden. Bei den aktuellen Beratungen in der Landesregierung spielt unter anderem die Öffnung der bislang noch Vereinen vorbehaltenen Schwimmbäder eine Rolle.

Ende der weiteren Informationen

Noch einen Schritt weiter will das östliche Nachbarland Thüringen gehen: Hier soll ab nächsten Donnerstag die Zehn-Personen-Grenze lediglich noch als Empfehlung gelten, eine gesetzlich strafbare Obergrenze gibt es dann nicht mehr.

"Was die goldene Zahl ist, ist schwierig zu sagen", meint Virologe Stürmer und spricht sich gegen das frühzeitige Abschaffen jeglicher Vorsichtsmaßnahmen ab. "Wenn man überlegt, den Mund-Nase-Schutz oder die Abstandsregeln wegzulassen, wird es problematisch", warnt der Virologe. Gerade in geschlossenen Räumen könne es weiter zu vermehrten Übertragungen des Virus kommen, wie das Beispiel aus einer Frankfurter Baptistengemeinde zeige. "Auch von Großveranstaltungen sollte man weiter die Finger lassen", so Stürmer.

Zuschauer bei Fußballspielen gefordert

Von derlei Verstößen ist man in Hessen derzeit aber ohnehin weit entfernt. Bis mindestens 31. August sollen Volksfeste, Stadionbesuche oder Festivals untersagt bleiben. Hoffnungen von Fußball-Vereinen wie dem KSV Hessen Kassel, ab September wieder schrittweise vor Zuschauern spielen zu dürfen, werden ein Wettlauf gegen die Zeit. "Das kann man der Gesellschaft nicht weiter zumuten", fordert Kassels Vereinsboss Jens Rose eine weitere Rückkehr zur Normalität. Ein Stadion biete genug Platz und frische Luft, um gängige Regeln einzuhalten und Gefahren zu minimieren.

Doch welche konkreten Bedingungen neben der seit Wochen sinkenden Infektionszahlen und Todesraten ausschlaggebend sind, ließ die Staatskanzlei auf Anfrage offen. Zunächst bis zum 5. Juli - und damit sogar eine Woche länger als auf Bundesebene vereinbart - will Hessen an den bestehenden Beschränkungen der persönlichen Kontakte festhalten, so die Ankündigung. Ein vorzeitiges Nachjustieren ist hier nicht in Aussicht. "Es ist eine Kann-Entscheidung", sagt Virologe Stürmer zu den strengen hessischen Maßnahmen, "aber auch weitere Lockerungen wären möglich."

Ab nach Bayern

Auf dem Friedberger Platz dürfte es an diesem Wochenende ruhig bleiben. Der Regen sollte den Einsatz von Absperrbändern und Polizeikontrollen erübrigen. Wenn das Wetter in der neuen Woche wieder besser wird, können die Bewohner des Nordends dann über einen Besuch im Freibad nachdenken. Im benachbarten Bayern, für seine harte Corona-Politik bekannt, machen am Montag die Bäder wieder auf. In Hessen ist über diese Lockerung noch nicht entschieden.

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210 Kommentare

  • ich bin froh über jede Besonnenheit. Wir sollten allesamt - bei allen Nöten und Schwierigkeiten - froh und dankbar sein. Unser Weg der Vorsicht hat unzählige Leben gerettet, und das, obwohl unsere Beschränkungen vergleichsweise harmlos waren. Kaum ein Land dieser Erde hat diese Pandemie besser überstanden und alle Welt bewundert uns. Aber wir? Jammern und nörgeln am Lautesten. Geht es dem Esel zu gut, geht er auf's Eis...

  • Was mich ärgert sind die unverhältnismäßigen Regelungen. In der Kirche dürfen 180 Menschen im geschlossenen Raum ohne Maske singen, aber ein Zoobesuch unter freiem Himmel mit beispw. 3 Leuten aus 3 Haushalten ist unter Strafandrohung verboten. Wo ist da die Logik Herr Bouffier?

  • Ja, teilweise schon!
    Vor allem sind die Maßnahmen völlig unverständlich, einerseits sind Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen erlaubt, aber man darf sich nur mit einem weiteren Haushalt treffen - das verstehe wer will, ich verstehe es nicht!
    Zudem sollten die Schulen langsam wieder zu einem Normalbetrieb übergehen, damit unsere Kinder die schulische Ausbildung erfahren können, die ihnen zusteht.
    Natürlich sollte man mit Bedacht an die ganze Sache herangehen, aber die hessischen Beschränkungen sind zu streng! Die ganze Situation macht krank.

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