Norman Wolf sitzt vor einer Hauswand und blickt in die Kamera

Der Butzbacher Autor Norman Wolf wurde als Kind auf dem Gymnasium gemobbt, er dachte an Suizid. Vielen Kindern geht das so. Jetzt möchte er Betroffenen helfen und hat dazu ein Buch geschrieben.

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hs
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Mit zwölf Jahren starrt sich Norman Wolf im Badezimmerspiegel an und möchte nicht mehr leben. Er fragt sich, wann er das letzte Mal glücklich war, das letzte Mal gelacht hat und er erinnert sich nicht. Frisch auf dem Gymnasium denkt der heute 28-Jährige zum ersten Mal darüber nach, sein junges Leben zu beenden. Seine Gedanken sind das Ergebnis von jahrelangen Mobbing-Erfahrungen.

Seine erste Schikane erlebt Norman in einem Schullandheim. Während er schläft, zerren ihn zwei Mitschüler aus dem Bett und legen den damals Zehnjährigen vor das Zimmer eines Mädchens, in das er verliebt ist. Der gesamte Jahrgang blickt auf ihn herab und lacht ihn aus. "Das war meine allererste Mobbing-Erfahrung", sagt Norman, "und, da steckt so viel Demütigung mit drin."

Fast jedes dritte Schulkind erlebt Mobbing

Schikane, Schläge und Beleidigungen erlebt laut der Hessischen Landesschülervertretung fast jedes dritte Schulkind. In einer Online-Umfrage von 2018 gaben 27 Prozent der Befragten an, schon einmal "Mobbing-Opfer" geworden zu sein.

Wie sich die Zahl der Mobbingfälle entwickelt hat, ist aktuell nicht klar. Statistiken über Mobbingfälle und schulpsychologische Beratungen führt das Kultusministerium nicht. Bekannt ist, dass es in Hessen 114 Schulpsychologinnen und -psychologen gibt und jede Stelle für 16 Schulen zuständig ist. Außerdem verweist das Ministerium auf laufende Anti-Mobbing-Projekte, wie etwa ein spezielles Mobbing-Interventions-Team des Ministeriums, das Schulen unterstützt und hilft, Übergriffe nachhaltig zu stoppen. 

Mobbing-Betroffene werden häufig nicht ernst genommen

Von Normans Mobbing-Erlebnissen erfährt damals kein Schulpsychologe und kein Schulsozialarbeiter. In einer Pause vertraut er sich einem Lehrer an und erzählt diesem, dass ihm am Vortag Mitschüler die Nase blutig geschlagen haben. Doch statt zu helfen, erwidert der Lehrer, dass seine Klassenkameraden eigentlich mit ihm befreundet sein wollen. Norman fühlt sich nicht ernst genommen, vertraut sich nie wieder einer Lehrkraft an, tröstet sich mit essen und fernsehen. "Das hat mir Halt gegeben", sagt der 28-Jährige, der in Butzbach lebt. Mit zwölf Jahren und 1,50 Meter wiegt Norman 70 Kilogramm.

"Damit war ich ein gefundenes Fressen für die Mobber", erinnert er sich heute. Seine Mitschüler bezeichnen ihn als "fette Sau", schmeißen seine Sachen aus dem Fenster, ritzen ihm ein Hakenkreuz in die Stirn. Normans Noten gehen in den Keller. Mit zwölf Jahren fängt er an, zu glauben, was ihm seine Mobber immer wieder zurufen. "Ich dachte irgendwann wirklich, dass ich fett und hässlich bin und wollte eigentlich nicht mehr leben."

Mobbing-Betroffene haben häufiger Suizid-Gedanken

Laut der Frankfurter Psychologin Kristin Bott zeigen verschiedene Studien, dass Mobbing-Betroffene ein höheres Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche haben. Die Frankfurterin leitet am Gymnasium Riedberg ein Projekt zu Suizidprävention. Warnsignale wie geklaute Hefte, Mäppchen oder Bücher sollten von den Lehrkräften deswegen unbedingt ernst genommen werden. Außerdem suchen Betroffene in den Pausen häufig Nähe zu Lehrkräften, erklärt die Psychologin. Kopf- und Bauchschmerzen und schlechter werdende Noten könnten ebenso ein Hinweis auf Mobbing sein.

Je früher man Mobbing erkennt, desto besser kann das Mobbing unterbunden werden, erklärt Kristin Bott. "Lehrkräfte sollten auf die gemobbte Person zugehen, ihr Glauben schenken und Unterstützung anbieten". Außerdem sei es wichtig, mit speziell ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen und Schulpsychologinnen und -psychologen zu intervenieren. Insgesamt hält Bott es für notwendig, Lehrkräfte in puncto Mobbing noch besser zu sensibilisieren.

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Notfallnummern und erste Anlaufstellen

📞 Der Verein "Digitale Helden" ist auf digitale Bildung und Cybermobbing spezialisiert und bietet Fortbildungen für Schulen an:  +49 69 87403610
📞 JUUUPORT.de  berät junge Menschen kostenlos, die Probleme im Netz haben
📞 Das Netzwerk gegen Gewalt  der Hessischen Landesregierung stellt eine Informationsbroschüre zur Mobbingprävention und Mobbingintervention in Hessen zur Verfügung
📞 Kinder- und Jugendtelefon der "Nummer gegen Kummer": 0800 1110333
📞 Elterntelefon der "Nummer gegen Kummer": 0800 1110550
📞 Kinder- und Jugendtelefon 116 111

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Norman Wolf hat Anti-Mobbing-Ratgeber geschrieben

Normans Mobbing-Erlebnisse verschwinden irgendwann ohne Hilfe von außen. Ab der achten Klasse verlassen die Mitschüler, die ihn gemobbt haben, aufgrund schlechter Noten das Gymnasium. "Ich habe auf einmal bemerkt, dass mich Menschen mögen und ich konnte Freundschaften schließen." Norman Wolfs Noten werden besser, er macht sein Abitur mit einem Schnitt von 1,2 und studiert Psychologie.

Norman Wolf hält sein Buch "Wenn die Pause zur Hölle wird" in der Hand

Norman twittert inzwischen über seine Erfahrungen. Über 60.000 Menschen folgen seinem Account. Im Mai hat er einen Anti-Mobbing-Ratgeber veröffentlicht, den er "Wenn die Pause zur Hölle wird" getauft hat. In dem persönlichen Ratgeber schreibt er von seinen Erfahrungen und lässt Menschen zu Wort kommen, die von ihren Mobbing-Erlebnissen berichten. "Mir schreiben Leute, dass sie vor 20 oder 30 Jahren gemobbt wurden und dass das noch heute was mit ihrem Selbstbewusstsein macht", sagt Norman. Außerdem bedanken sich viele bei ihm, weil sie sich verstanden und ernst genommen fühlen.

Als Reaktion auf sein Buch hat Norman Nachrichten von früheren Klassenkameraden erhalten, die sich bei ihm entschuldigen. "Das rührt mich sehr", sagt Norman. Weil er Psychologie studiert hat, kann er inzwischen sehr gut mit seinen Erfahrungen umgehen und einordnen, was damals vor sich ging. Trotzdem nagen die Erlebnisse noch manchmal an ihm. Er hofft, dass er mit seinem Ratgeber möglichst vielen Betroffenen hilft, damit sich diese weniger alleine fühlen, als er damals.

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Cybermobbing nimmt zu

Wie sehr sich Mobbing heute in die digitale Welt verlagert hat, zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse und des Bündnisses gegen Cybermobbing. Diese kommt 2020 zu dem Ergebnis, dass über 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen schon einmal Cybermobbing erlebt haben, also Beleidigungen, Bedrohungen und Bloßstellungen über die Sozialen Netzwerke oder Messenger-Diensten, ein Anstieg um 36 Prozent.

Der in Frankfurt ansässige Verein "Digitale Helden" engagiert sich seit 2014 gegen Cybermobbing und hat bislang 176 Kooperationen mit Schulen, um Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler medienkompetenter zu machen. Ein Online-Kurs des Vereins ist auf "Cybermobbing" und "Hass im Netz" spezialisiert. Gefördert wird das Programm unter anderem vom Hessischen Kultusministerium.

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