Hilfsnachricht von Jutta Ditfurth

Sie ist eine der streitbarsten Intellektuellen der Republik. Nun macht die Frankfurter Ex-Grüne Jutta Ditfurth ihre Corona-Erkrankung öffentlich - und die damit verbundenen Geldprobleme. Die Resonanz ist enorm, gerade von ihren vielen Gegnern.

Wer sich mit ihr anlegt, braucht auch heute noch einen wachen Kopf und gute Nerven. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach hatte sie nicht, als er 2017 Schlagzeilen machte. Wutentbrannt floh er aus der ARD-Polit-Talkshow "Maischberger" und rief: "Frau Ditfurth ist persönlich, vom Verhalten und ihrer (…) Argumentation unerträglich. Das muss ich nicht mitmachen."

Da war die Streitlust und Hartnäckigkeit von Grünen-Mitbegründerin und "Fundi" Jutta Ditfurth längst gefürchtet und legendär - nicht zuletzt durch die innerparteiliche Dauerfehde, in der die prinzipienfeste "Fundi"-Vertreterin aus Frankfurt dem biegsamen "Realo"-Anführer Joschka Fischer schließlich unterlag. Als "Öko-Sozialistin“ streitet die 68-Jährige nun für das Wählerbündnis ÖkoLinX im Frankfurter Stadtparlament. Auch dort sind klare und gerne auch provokante Worte ihr Markenzeichen, vor allem gegen AfD-Anhänger und Rechtsextreme.

Alle Veranstaltungen bis Sommer abgesagt

Nun zeigt sich Ditfurth öffentlich von einer ganz anderen Seite: angegriffen und hilfsbedürftig. Mit einem sehr persönlichen Anliegen hat sie sich an ihre rund 25.000 Follower auf Twitter gewandt. Die Publizistin macht ihre Coronaviruserkankung öffentlich - und bittet um Spenden. "Ich schaff‘s nicht ohne Eure Hilfe. Erst wochenlang grippekrank, jetzt 3. Tag Covid19. Durch Corona alle 15 Jobs bis Juni verloren (Vorträge, Lesungen)", schrieb sie auf dem Kurznachrichtendienst. Sogar ihre Kontonummer veröffentlichte sie.

Die Reaktionen sind enorm. Da ist die Welle aus Hilfsbereitschaft. Und da ist der noch viel größere Sturm aus Schadenfreude und Häme. Denn für ihren Spendenaufruf in eigener Sache wird Ditfurth teils heftig angegangen. Man wirft ihr "Schamlosigkeit" vor, dass sie keine Rücklagen gebildet habe, witzelt über den "Enkeltrick von ÖkoLinX" oder postet das Bild einer Seniorin beim Flaschensammeln mit dem hämischen Kommentar "Pro Tip".

Zahlreiche hämischen Kommentare im Internet

Mehrere User twitteren aber auch "Karma". Sie beziehen sich damit auf eine Aussage Ditfurths aus dem Februar. Damals hatte sie in einem Tweet angekündigt, mit Grippe ins Frankfurter Stadtparlament gehen zu wollen - und dann in die Reihen der AfD-Abgeordneten zu niesen. "Das war damals offensichtlich ein Scherz. Weder bin ich in den Römer gegangen, noch niest man mit Grippe", sagt die Aktivistin. Gesundheitlich gehe es ihr den Umständen entsprechend. "Ich habe Fieber und schlafe viel." Finanziell treffe sie die Absage von Veranstaltungen infolge der Corona-Epidemie als Freiberuflerin erheblich: "Ich lag wegen einer Grippe schon sechs Wochen lang flach. Nun brechen mir alle Einnahmen weg bis zum Sommer."

@jutta_ditfurth Was is mit arbeiten? Call-Center vielleicht? Schön kontaktlos und quasseln kannste da trotzdem

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Auch für die zweite Jahreshälfte rechne sie mit erheblichen Ausfällen. Und auf die Honorare ihrer publizistischen und politischen Vorträge sei sie angewiesen. Als Frankfurter Stadtverordnete beziehe sie zwar eine monatliche Aufwandsentschädigung über 1.023 Euro. Doch weil ihr Wählerbündnis ÖkoLinX keine Fraktionszuschüsse erhalte, fließe dieses Geld "direkt" in die Finanzierung der Geschäftsstelle. Außerdem habe sie einen angemieteten Büroraum für ihre Arbeit als Autorin. Auch hier liefen die Fixkosten weiter. "Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie ich einige Rechnungen bezahlen soll."

Kreditprogramme sind keine Option

Ditfurth mag sich in ihrem Leben mehr Gegner und Feinde als die meisten anderen gemacht haben. Mit ihrem Spendenaufruf ist sie derzeit aber in immer größer werdender Gesellschaft. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche ähnliche Aufrufe. Sei es für Gastronomen, Freiberufler oder für ohnehin schon arme Menschen, die von der Krise noch einmal hart getroffen sind. Über Hilfen des Bundes und Landes hat sie sich sehr wohl informiert, sagt die 68-Jährige. Nur sei derzeit unklar, ob und in welchem Umfang sie diese Hilfen überhaupt in Anspruch nehmen könne. Die bis zum Montag zugesagten Kreditprogramme des Landes würden ihr als Solo-Selbstständiger jedenfalls nicht helfen, weil sie mit hohen Zinsen verbunden seien.

"Manche meinen ja, dass ich Erbin und reich sei. Das ist totaler Quatsch. Auf welche Vorstellungen Menschen kommen, nur weil man einmal ein 'von' im Namen hatte", sagte die Publizistin über ein verbreitetes Vorurteil. Sie stammt aus der adeligen Familie von Ditfurth. Mit dem Adel hat die Politikerin aber bereits vor Jahren gebrochen, das "von" längst abgelegt. Und mit den Nazi-Verstrickungen im Familienkreis rechnete sie vor aller Welt in einem Buch ab.

Egal ob #Pandemie oder nicht: Sich über die großen oder kleinen Nöte von anderen Menschen lustig zu machen, ist einfach falsch.

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"Das ist entzückend"

Die Böswilligkeit, die ihr jetzt entgegenschlägt, setzt dieser Frau nicht zu - so sagt sie. "Ich bekomme ja viel mehr Solidarität und Unterstützung als Hass, das ist entzückend." Eine etwas andere Art der Unterstützung erhält sie allerdings auch. "Einige haben mir schon Winzbeträge von einem Cent überwiesen. Augenscheinlich nur um mich im Verwendungszweck zu beleidigen oder 'Heil Hitler' als Code aufzuschreiben."

Das findet Ditfurth vor allem amüsant: "Ich muss darüber wirklich lachen. AfD-nahen Menschen scheint derzeit so der Wind aus den Segeln genommen worden zu sein, dass sie nichts anderes zu tun haben als sich anonyme Paypal-Accounts anzulegen und mir Geld zu überweisen."

Die Resonanz der Mitfühlenden will Ditfurth nicht ausnutzen. Wenn der Betrag, den sie brauche, überschritten wird, will sie alles darüber hinaus an andere Bedürftige weiterleiten. Vielleicht auch an Mitglieder einer linken Punkband? "Dann hätten all die rechten Trolle indirekt auch das mit unterstützt."