Salih Al Soltan mit seinen drei Söhnen in seiner Wohnung im Integrationsdorf in Frankfurt-Ginnheim
Salih Al Soltan mit seinen drei Söhnen in seiner Wohnung im Integrationsdorf in Frankfurt-Ginnheim Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Heute vor zwei Jahren hielt die Kanzlerin der Flüchtlingskrise ein "Wir schaffen das" entgegen. Inzwischen sind die meisten Asylbewerber in Hessen auf Städte und Kreise verteilt. Doch viele leben noch in Sammelunterkünften - vor allem in Städten. Das soll sich ändern.

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Salih Al Soltan mit seinen drei Söhnen im Integrationsdorf in Frankfurt-Ginnheim

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Noch immer leben viele Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften

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Der Verzweiflung ist einer gewissen Zuversicht gewichen: Bis vor wenigen Wochen lebte Salih Al Soltan mit seinen drei Söhnen in einer Notunterkunft an der Frankfurter Goethe-Universität, dem ehemaligen Labsaal. Mehrere Familien in einem Raum, laute Musik bis tief in der Nacht. "Ich konnte kaum schlafen", erinnert sich der jüngste Sohn, der achtjährige Mustafa. 

Neun Monate lebte die Familie hier. "Es war schwierig", sagt der Vater. Was den ehemaligen syrischen Bankangestellten besonders bedrückte: dass die Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren viele Monate keine Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen.

Wieder Privatleben

Im Juli dann der Umzug in eine Unterkunft am Uni-Sportcampus im Stadtteil Ginnheim. Die Stadt Frankfurt hat hier zwischen Tennisplätzen und Basketballfeldern ein sogenanntes Integrationsdorf errichtet. Die acht Holzhäuser bieten Platz für rund 300 Menschen. 

Salih Al Soltan zog mit seinen Söhnen in eine rund 50 Quadratmeter große Wohnung: zwei Zimmer, Küche und Bad - und abschließbarer Wohnungstür. "Hier habe ich endlich wieder ein Privatleben", freut er sich.

Seit gut anderthalb Jahren ist die Familie in Hessen: Zuerst kamen die vier zur Erstaufnahme nach Gießen, dann lebten sie sechs Monate in der Außenstelle in Neu-Isenburg. Danach führte die Reise sie nach Frankfurt, wo sie in der Massenunterkunft im ehemaligen Neckermann-Gebäude in Frankfurt unterkamen. Von dort zogen sie in die Notunterkunft im Labsaal. Das Integrationsdorf in Ginnheim ist die fünfte Station für die Familie in Deutschland. Seit März haben die Al Soltans eine Aufenthaltserlaubnis.

Träumt von der Wohnung und möchte gerne arbeiten: Salih Al Soltan
Salih Al Soltan in der Notunterkunft Labsaal vor einigen Monaten Bild © Salih Al Soltan

Als anerkanntem Flüchtling wäre Al Soltan auch berechtigt, eine Sozialwohnung zu beziehen oder auf dem freien Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden. Das hat er auch versucht: Er ging auf Ämter, fragte Freunde und schaute im Internet - aber ohne Erfolg: eine Erfahrung, die viele Flüchtlinge in Frankfurt machen.

Flüchtlinge kaum Chancen auf freiem Wohnungsmarkt

"Die angespannte Lage am Frankfurter Wohnungsmarkt ist bekannt. Menschen ohne Wohnsitz - egal, ob es sich um Geflüchtete handelt oder langjährige Frankfurter - erschwert das den Zugang zu einer eigenen Wohnung", erklärt Manuela Skotnik vom Frankfurter Sozialdezernat. Viele der Geflüchteten werden deshalb nach ihrer Einschätzung noch längere Zeit in Übergangsunterkünften leben müssen.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise vor zwei Jahren sind rund 110.000 Schutzsuchende nach Hessen gekommen. Nur ein ganz kleiner Teil von ihnen, etwa 2.300, leben noch in den Erstaufnahme-Einrichtungen des Landes. Die meisten sind längst auf die Städte und Kreise verteilt worden.

Die konnten die Flüchtlinge zwar unterbringen, aber vor allem in den Städten müssen Flüchtlinge oft noch in Sammelunterkünften wohnen. Sogar dann noch, wenn sie anerkannt sind und eine Aufenthaltserlaubnis haben.

So leben von den rund 3.400 anerkannten Flüchtlingen in Frankfurt derzeit rund 2.200 noch in Sammelunterkünften wie Wohnheimen, Modulbauanlagen, Hotels und Notunterkünften. "Besonders schwierig ist die Situation in Notunterkünften, in denen die Menschen nur wenig Privatsphäre haben", sagt Skotnik.

Schelzke kritisiert Sammelunterkünfte

Ähnlich sieht es auch in anderen Städten aus. Von den 1.800 anerkannten Asylbewerbern in Wiesbaden leben noch knapp 900 in Sammelunterkünften, in Kassel sind es 1.100 Menschen. In Darmstadt wohnen rund 1.000 anerkannte Asylbewerber in so genannten Ersthäusern. Das sind Wohnanlagen, die - wie das Integrationsdorf in Frankfurt – einen wohnungsähnlichen Zuschnitt haben.

Karl-Christian Schelzke, Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, kritisiert diesen Zustand. "Das ist vertane Zeit", sagt er.  Außerhalb der Sammelunterkünfte könnte die Zeit viel besser für Integrationsmaßnahmen genutzt werden. "Und je schneller diese Integrationsmaßnahmen stattfinden, desto erfolgreicher können sie sein", sagt er.

Schelzke will die Städte entlasten. "Ziel muss sein, den Druck auf die Ballungsräume zu vermindern", sagt er. Um Flüchtlinge von der Stadt aufs Land zu locken, bringt er auch finanzielle Anreize ins Spiel – eine Prämie von mehreren tausend Euro, wenn Flüchtlinge sich verpflichten, am neuen Wohnort zu bleiben.

Flüchtlingen kann Wohnsitz zugewiesen werden

In diese Richtung geht auch ein Vorstoß der Landesregierung. Ab September können Flüchtlinge Wohnsitze zugewiesen werden. Von der neuen Regelung sind diejenigen Menschen betroffen, die seit März als schutzberechtigte Flüchtlinge anerkannt wurden. "Die freie Wohnortwahl birgt die Gefahr eines Ungleichgewichts, insbesondere zu Ungunsten der Ballungsräume", argumentiert Innenminister Peter Beuth (CDU).

Die neue Regelung könnte wohl auch die Familie Al Soltan betreffen. Der nächste Schritt in der langen Odyssee der Familie? Für den Familienvater aus Damaskus wohl keine allzu attraktive Option. "Meine Kinder gehen hier jetzt in die Schule, ich fühle mich in Frankfurt wohl", sagt der ehemalige Banker.

Irgendwann würde der 46-Jährige auch gerne seine Frau nachholen, die noch in Syrien ist und ihre kranke Mutter pflegt.  "Wenn wir dann irgendwann eine etwas größere Wohnung finden, das würde mich natürlich freuen", sagt er. Doch bis dahin scheint das Integrationsdorf in Frankfurt-Ginnheim für ihn die perfekte Lösung.