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Verzerrte Krankenhaus-Statistik bei Covid-Fällen

In Hessen liegen immer mehr Patienten mit dem Coronavirus im Krankenhaus. Aber viele von ihnen sind nicht deswegen dort. Damit die Statistik nicht weiter verzerrt wird, reagiert nun die Politik.

Seit ein paar Tagen kommen Meldungen, die beunruhigen: Normalstationen füllen sich mit Covid-Patienten. In Hessen lagen zuletzt (Stand 28. Januar) über 900 Patienten mit einer Corona-Infektion in den Kliniken. Das waren fast 200 mehr als eine Woche zuvor. Die Zahl gibt das Sozialministerium, täglich aktualisiert, auf seiner Website an. Was die Zahl allerdings nicht verrät: Sind diese Patienten wirklich wegen Covid-19 im Krankenhaus?

Das Sozialministerium schreibt auf Anfrage, das System erfasse "die Zahl der Patienten, nicht den Hospitalisierungsgrund". Jeder, der positiv auf das Virus getestet wird, geht in die Statistik ein - ob er nun wegen Covid-19 oder einem angeknacksten Knöchel im Krankenhaus liegt. Gerade in der Omikron-Welle mit den hohen Inzidenzen führt das schnell zu Verzerrungen. Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Fälle zeigt dann nicht mehr, wie viele schwere Verläufe es gibt.

Eindeutig: Immer öfter Covid als Nebendiagnose

Eine hr-Umfrage unter großen Krankenhäusern liefert ein eindeutiges Bild. "Wir sehen immer mehr Patienten, die nicht wegen Covid kommen, aber bei der Aufnahme positiv getestet werden", sagt Nina McDonagh, Sprecherin der Gesundheit Nordhessen AG, die das Klinikum Kassel und das Krankenhaus Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg) betreibt.

Die Uniklinik Frankfurt hat das für die vergangenen zwei Wochen einmal ausgewertet. Laut Kliniksprecher Christoph Lunkenheimer war nur bei gut der Hälfte der entlassenen Patienten Covid-19 die Hauptdiagnose. In den anderen Fällen habe eine andere Erkrankung im Vordergrund gestanden. Gleichwohl wurden alle Patienten gleichermaßen als Corona-Fälle an das Gesundheitsamt gemeldet. "Dabei wird nicht zwischen Covid-19-Haupt- und Nebendiagnosen unterschieden", sagt Lunkenheimer.

Bei Geimpften ist Covid-19 oft nur Begleiterscheinung

In anderen Kliniken sieht es ähnlich aus. Im Klinikum Fulda ist Corona derzeit in rund 40 Prozent der Fälle nur ein Nebenbefund, genauso wie in den Wiesbadener Horst-Schmidt-Kliniken. Das Klinikum Darmstadt gibt an, bei den geimpften Patienten sei in mehr als 50 Prozent der Fälle Corona nur eine Begleiterscheinung. Bei den Ungeimpften sei Covid-19 dagegen meist das Hauptproblem.

Auch in Mittelhessen wandelt sich die Lage: Die Lahn-Dill-Klinken berichten, dort sei Corona bisher noch in den meisten Fällen die Hauptdiagnose. Aber die Uniklinik Gießen-Marburg verzeichnet schon starke Schwankungen: Mal müssten zehn, mal 60 Prozent der Neuaufnahmen als Covid-Fälle gemeldet werden, obwohl sie eigentlich aus ganz anderen Gründen aufgenommen würden - wegen einer Geburt zum Beispiel.

Hospitalisierungsinzidenz ohne Aussagekraft

Das Sozialministerium betont: Ganz gleich, ob Covid-19 die Haupt- oder die Nebendiagnose sei. Jeder positiv Getestete müsse isoliert werden. Das sei in jedem Fall für die Krankenhäuser ein großer Aufwand. Dennoch verliert die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz an Aussagekraft, also die Zahl der Covid-Neuaufnahmen in den Krankenhäusern innerhalb der vergangenen sieben Tage. Denn sie sagt nicht, wie viele der Neuaufnahmen an Covid-19 erkrankt sind und Symptome haben.

Dieses Manko sieht auch das Robert-Koch-Institut und veröffentlicht deshalb neuerdings wöchentlich eine Inzidenz der Neuaufnahmen mit symptomatischen Covid-Verläufen. Diese beruht bisher allerdings nur auf Schätzungen, eine klare Kennzahl ist dem Wochenbericht nicht zu entnehmen.

Und ewig rattert das Fax

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat angekündigt, dieses statistische Loch zu stopfen. Die Kliniken sollen künftig Daten übermitteln, die es erlauben, die Covid-Fälle einzuordnen. So ein Meldesystem, findet Jürgen Graf, der Chef der Frankfurter Uniklinik, hätte die Bundesregierung längst einrichten können - oder einfach aus Hessen übernehmen. Das hessische Melde- und Steuersystem "Ivena", das auch andere Bundesländer nutzen, könne die gewünschten Daten liefern.

Und Graf bemerkt süffisant, es wäre "erfreulich, wenn die technischen Möglichkeiten der Gegenwart in angemessener Weise Berücksichtigung finden würden". Denn nicht nur, dass in den gesetzlich vorgegebenen Meldeformularen nicht zwischen Haupt- und Nebendiagnose unterschieden wird. Viele Kliniken, so etwa Darmstadt, Fulda und Wetzlar, müssen die Meldebögen immer noch per Fax ans jeweilige Gesundheitsamt schicken.

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