In ihrer Küche kommen die WG-Mitglieder immer wieder zusammen.
In ihrer Küche kommen die WG-Mitglieder immer wieder zusammen. Bild © Bodo Weissenborn (hessenschau.de)

Die "WG am Eck" in Gießen ist einzigartig in Mittelhessen. In der Wohngemeinschaft leben zehn junge Menschen zusammen, die Hälfte von ihnen braucht Unterstützung, zum Beispiel einen Rollstuhl. Für sie ist die Wohnung ein Schritt in die Selbstständigkeit - für die anderen bedeutet es Verantwortung.

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Zwei Dinge fallen sofort auf: Erstens ist es hier für eine Wohngemeinschaft mit zehn Mitbewohnern, davon fünf Studierenden, ausgesprochen ordentlich. Zweitens ist alles sehr neu. Der erste Aspekt liegt daran, dass einer der zehn in einem elektrischen Rollstuhl sitzt - wenn irgendwo Rucksäcke auf dem Boden liegen, kommt er nicht durch. Die Erklärung für den zweiten Punkt: Die WG gibt es erst seit einem halben Jahr.

Es ist ein in Mittelhessen bislang einzigartiges Wohnkonzept: Neben den fünf Studierenden leben in dieser 350-Quadratmeter-Wohnung in der Gießener Innenstadt auch fünf Menschen, die von sich sagen, dass sie "Unterstützungsbedarf" haben - oder auch "eine sogenannte geistige Behinderung".

Obwohl auch sie Mitte 20 sind, würden sie wohl sonst bei ihren Eltern oder in speziellen Einrichtungen leben. In der "WG am Eck", so der Name, sind sie selbstständiger: "Ich habe hier mehr Freiheit", sagt Laura.

Ausgelassene Stimmung am Küchentisch

Dabei fiel ihr der Start gar nicht so leicht: "Am Anfang hatte ich ein bisschen Schiss", erzählt Laura, die tagsüber in einer Kita-Küche arbeitet. Gerrit, der in Frankfurt Diversität und Inklusion studiert, sagt: "Ein bisschen aufgeregt war ich und gespannt, was passiert."

Passiert ist, dass Laura und Gerrit ein halbes Jahr später gemeinsam mit den anderen am abgedeckten Abendessenstisch sitzen. Die Stimmung ist ausgelassen, das Gelächter laut, und es scheint, als ob sie und die anderen einander schon seit Jahren kennen. Fabian, der in einer Werkstatt arbeitet, erklärt: "Man nennt mich hier den Chef" und landet damit den bis dahin größten Lacherfolg des Abends.

Die Mitbewohner kamen über WG-Gesucht

Entstanden ist die WG, als Eltern eine geeignete Wohnform für ihre Kinder suchten, die alle die gleiche inklusive Schule in Gießen besucht hatten. Die Studierenden kamen dazu, weil sie in der Zeitung von dem Projekt gelesen hatten - oder, ganz klassisch, über die Internetplattform WG-Gesucht.de.

In dem Inserat heißt es dort: "Die Mitbewohner*innen ohne Unterstützungsbedarf bringen Interesse am inklusiven Leben mit und sind bereit, Verantwortung für ihre Mitbewohner*innen zu übernehmen." Denn, so erklärt Frauke Koch, die das Projekt für die Gießener Lebenshilfe leitet: "Inklusion heißt ja nicht: Alle sind gleich, sondern: Alle haben unterschiedliche Bedürfnisse, und es ist wichtig, diesen Bedürfnissen so zu entsprechen, dass alle teilhaben können."

Studierende haben feste Präsenzzeiten

In der Praxis bedeutet das, dass jeder der Studierenden ein Mal pro Woche einen Dienst übernimmt. Der Plan hängt hinter der Küchentür, wo in anderen WGs der Putzplan hängt. Dienst bedeutet, im Tandem mit einem der Bewohner mit Unterstützungsbedarf für alle einzukaufen und zu kochen.

Daran schließen eine Nachtbereitschaft an und ein Frühdienst, gelegentliche Wochenend-Präsenzzeiten kommen dazu. Im Gegenzug kommt die Lebenshilfe den Studierenden bei der Miete entgegen. Die Zimmer sind in fünf kleine Wohneinheiten aufgeteilt  - immer zwei Bewohner teilen sich ein Bad.

Julie, die in Gießen medizinische Informatik studiert, sagt: "Die WG ist keine Zweck-WG, sondern eine, in der man viel miteinander macht und nacheinander schaut. Das ist eine total schöne Sache." Unterstützt werden die Studenten ihrerseits von zwei Fach- und vier Hilfskräften, die zum Beispiel bei der Freizeitgestaltung helfen oder die Bewohner zu Terminen begleiten.

Zeigen, dass es funktioniert

Und, auch das keine Besonderheit der "WG am Eck": Im regelmäßigen Plenum wird sich darüber ausgetauscht, wie es allen geht und was man gerne anders hätte. So berichtet zum Beispiel Laura: "Wenn ich von der Arbeit komme, will ich in mein Zimmer gehen und für mich sein, aber dann kommt oft jemand." So wurden die Tür-Ampeln eingeführt. Nun ist für jeden ersichtlich, ob man einfach reinkommen darf (grün), anklopfen soll (gelb) oder nur in Notfällen stören kann (rot).

Lösungen finden, Verantwortung übernehmen, füreinander und auch für viele weitere - auch darum geht es in der "WG am Eck". Gerrit denkt über die konkrete Wohnung hinaus: "Es ist wichtig, dass wir präsent sind und zeigen, dass es funktioniert, damit Menschen mit Unterstützungsbedarf in Zukunft mehr Optionen haben."