Ein Flugzeug im Sonnenuntergang

Uni geschafft, Schule beendet, viele junge Menschen zieht es vor einem neuen Lebensabschnitt ins Ausland: für ein Praktikum, um sich sozial zu engagieren oder um die Welt kennenzulernen. Doch in diesem Jahr kam Corona dazwischen. Vier Erfahrungsberichte.

Nur mit einem Rucksack oder einem Koffer im Gepäck brechen jedes Jahr etliche junge Erwachsene auf in die weite Welt. Sie alle wollen vor einem neuen Lebensabschnitt eine Auszeit vom Alltag in Deutschland. Für mindestens sechs Monate, ein ganzes Jahr oder gleich auf unbestimmte Zeit.

Gerade bei Abiturienten ist das Gap Year (auf Deutsch: Lückenjahr) im Ausland sehr beliebt, aber auch Uniabsolventen gehen vor dem Berufseinstieg oder dem Masterstudium noch einmal weg. Doch die Corona-Maßnahmen durchkreuzen nun ihre Pläne: Einreisestopps für Touristen, geschlossene Flughäfen, Unterkünfte und gestrichene Praktikastellen machen diese unmöglich. Manche können ihre Reise gar nicht erst antreten, andere wiederum mussten vorzeitig nach Hause kommen.

Kein Auslandspraktikum nach der Uni

Nadine Augustinov (25) und ihr Partner Marvin Burmeister (26) haben im April ihr Lehramtsstudium an der Uni Marburg abgeschlossen. Ab Mai wollte das Paar mit einem Förderprogramm des Deutschen Akademischen Autauschdienstes (DAAD) ein Auslandspraktikum an einer deutschen Schule in Peru machen:

Marvin Burmeister und Nadine Augustinov

"Wir hatten das alles schon mehr als ein Jahr vorab geplant. Ungefähr kurz nachdem das Auswärtige Amt die weltweite Reiswarnung ausgesprochen hatte, kam dann total kurzfristig die Nachricht vom DAAD, dass alle Auslandsreisen gestoppt wurden. Wir haben vorher schon jeden Tag gesagt 'Oh nein, wahrscheinlich klappt das nicht' und waren natürlich trotzdem super enttäuscht, als dann die Nachricht kam.

Die Schule in Peru hatte auch schon gar nicht mehr erwartet, dass wir überhaupt kommen. Sie sagten uns, dass der Flughafen in Peru wahrscheinlich bis Oktober komplett dicht ist und, dass man gar nicht mehr ins Land einreisen kann. Die Schule ist zudem gerade auch wegen Corona geschlossen.

Eigentlich wäre es schon schön, das Auslandspraktikum noch einmal nachzuholen. Aber jetzt haben wir uns schon für Referendariatsplätze in Hamburg und Schleswig-Holstein im nächsten Jahr beworben, und wenn wir die kriegen, dann würden wir auch nicht ablehnen.

Es würde einfach nicht mehr so gut passen. Wir sind gerade nun nach Hamburg gezogen, haben hier eine Wohnung gefunden und uns nun auf Aushilfsjobs an Schulen beworben. Es gibt aber auch später, wenn man dann Lehrer ist, noch Möglichkeiten, einen Auslandsdienst zu machen. Das wäre für uns auch eine Option."

Früher zurück aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien

David Saase (19) aus Steinau an der Straße (Main-Kinzig) ist nach dem Abitur im August vergangenen Jahres für ein Freiwilliges Soziales Jahr, organisiert von der Missionszentrale der Franziskaner, nach Santa Cruz de la Sierra in Bolivien ausgereist. Er hat dort die Lehrkräfte an einer Förderschule für Schüler mit Behinderung unterstützt und musste vier Monate früher zurückkommen.

David Saase in seinem Projekt im Rahmen seines Freiwilligen Sozialen Jahrs in Bolivien

"Ab Anfang März ging alles ganz plötzlich: Donnerstagabends wurde gesagt, dass die Schulen im ganzen Land geschlossen werden und im Laufe der folgenden Woche wurden die Maßnahmen immer härter, bis es dann eine Ausgangssperre gab und man nur noch einmal in der Woche das Haus zum Einkaufen verlassen durfte. Eigentlich waren wir ab dann in unserer Freiwilligen-WG gefangen.

Im Oktober und November vergangenen Jahres gab es in Bolivien auch schon einen Generalstreik nach den Wahlen. Im Grunde war das eine ähnliche Situation: Wir hatten da auch für fast einen Monat nicht gearbeitet, Straßen wurden blockiert, viele Läden waren nicht offen.

Wir haben erst einmal nicht gedacht, dass wir wegen Corona unseren Freiwilligendienst abbrechen müssten. Dann haben wir aber relativ bald von den Verantwortlichen in Deutschland gehört, dass alle Freiwilligen zurückkommen müssen. Ende März sind wir dann mit der Rückholaktion nach Hause geflogen.

Als dann klar war, dass wir ausreisen, wollte so wirklich auch noch keiner packen, weil man immer irgendwie noch darauf gehofft hatte, dass sich unsere Ausreise noch ein bisschen verzögert und man noch einmal die Freunde oder die Kinder im Projekt wiedersehen kann. Es hat uns einfach anfangs auch so frustriert, weil es zu der Zeit vielleicht erst zehn bestätigte Fälle in ganz Bolivien gegeben hatte.

Ich habe jetzt immerhin für die Zeit bis zum Wintersemester einen Job gefunden. Dann habe ich zumindest etwas zu tun und kann noch ein wenig Geld verdienen. Ich habe mir aber auch weiter Gedanken darüber gemacht, was ich studieren möchte und, ob ich nicht vielleicht noch einmal einen Freiwilligendienst machen will."

Warten auf die Ausreise nach Panama

Arne Heydtmann (18) aus Oberursel (Hochtaunus) hatte geplant, nach dem Abitur für mehrere Monate ab Sommer ins Ausland zu gehen und als Tauchlehrer zu arbeiten.

Arne Heydtmann beim Tauchen

"Ich habe 2012 angefangen zu tauchen und weil mir das extrem viel Spaß macht, wollte ich jetzt nach dem Abi einen Tauchlehrerschein im Ausland machen und dann als Tauchlehrer arbeiten. Viele Tauchschulen bieten an, dass man drei Monate für sie arbeitet, währenddessen den Tauchschein bei ihnen macht und ihn auch bezahlt kriegt.

Mein Plan war eigentlich, nach Panama zu gehen. Ich hatte gerade angefangen, Tauchschulen anzuschreiben, als das mit den Corona-Beschränkungen anfing. Von Seiten der Tauchschulen hieß es dann auch schon, dass es aktuell keinen Sinn mache, Pläne zu machen, da sie auch nun schließen müssten.

Ursprünglich angepeilt hatte ich, dass ich ab Anfang August weg bin. Nach den drei Monaten Tauchschein hätte ich geschaut, wie gut es mir dort gefällt und wollte danach entweder dort bleiben oder woanders als Tauchlehrer arbeiten. Aktuell bin ich noch relativ optimistisch und hoffe, dass ich meine Pläne nur ein Stück nach hinten verschieben muss.

Ansonsten habe ich auch über Alternativen nachgedacht wie zum Beispiel direkt mit dem Studium anzufangen. Aber ich will daran festhalten, ein Jahr Pause zu machen. Während des Studiums sind Semesterferien wohl etwas zu kurz für den Tauchschein, nach dem Studium kann ich mir vorstellen, dass man nicht mehr die Zeit dafür hat. Es wäre schon ein wenig 'Jetzt oder nie'."

Work-and-Travel-Reise beendet

Lisa Nüttgens (19) aus Frankfurt war bereits seit Februar 2019 auf einer Work-and-Travel-Reise durch Australien. Ihre letzten Reisemonate wollte sie bis zum Sommer in Asien verbringen, doch sie strandete Mitte März in Vietnam.

Lisa Nüttgens auf Reisen

"Anfang März war noch alles relativ normal in Vietnam. Es wurde uns gesagt, dass die Schulen zwar geschlossen sind, alle Masken tragen und einfach weniger Leute auf den Straßen sind, aber man hat sonst noch nicht viel bemerkt. Ich war mit einer Freundin aus Kanada, die ich beim Reisen kennengelernt habe, unterwegs. Danach sollte es weiter nach Thailand gehen.

Am Anfang haben wir uns gedacht: Als Rucksacktourist findet man immer irgendwie einen Weg. Niemand hatte sich wirklich Sorgen gemacht, niemand wollte nach Hause fliegen und sich das durch Corona vermiesen lassen.

Doch dann wurden irgendwann viele Hostels und Restaurants zu gemacht, Touren wurden nicht mehr angeboten, ganze Städte wurden verriegelt. An einem Tag hatten dann plötzlich auch alle Nachrichten von ihren Eltern bekommen und es hieß, kommt nach Hause, es kann sein, dass beispielsweise Deutschland oder Kanada auch die Grenzen schließen.

Ab dann hatten sich alle plötzlich Sorgen gemacht, das hatte sich von einem auf den anderen Tag geändert. Wir hatten dann auch von Bekannten, die wenige Tage zuvor nach Thailand geflogen sind, gehört, dass sie dort nichts unternehmen konnten und bloß in Quarantäne saßen. Da haben wir uns gedacht: Das bringt doch nichts, dann kann man auch lieber nach Hause gehen und sich Thailand für irgendwann anders aufheben.

Ich bin dann am 17. März zurückgekommen. Wir hatten es gerade noch so geschafft, nicht mit der Rückholaktion nach Hause zu fliegen. Ich hoffe aber, dass man bald wieder ein bisschen reisen kann, wenigstens innerhalb Europas. Ab September will ich dann anfangen zu studieren."