Eine Flugbegleiterin, ein DJ, eine Kosmetikerin und ein Handwerker berichten über ein Jahr Pandmie

Genau vor einem Jahr, am 16. März 2020, ging Deutschland zum ersten Mal in den Lockdown. Kitas, Schulen, Geschäfte und Restaurants schlossen. Vier Menschen aus Hessen berichten, wie das ihr Leben umgekrempelt hat.

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zum Video 1 Jahr Corona – Wie Berufstätige die Pandemie erleben

hs
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Ein Jahr Corona: für viele Menschen war es ein schwieriges Jahr, eines, das ihr Leben verändert hat, das ihnen viel abverlangt hat, das aber zum Teil auch neue Möglichkeiten eröffnete. Wir sprachen mit einer Flugbegleiterin, die jetzt in einem Fitnessstudio jobbt, mit einem DJ, der sich für ein Studium entschied, einer Kosmetikerin, die in einer Zahnarztpraxis aushilft und einem Handwerker, der plötzlich viel mehr zu tun hat als vor Corona.

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„Inzwischen habe ich mich damit arrangiert, dass ich erstmal nicht fliegen werde“
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Fanny Stefanuca (35 Jahre) arbeitet seit 13 Jahren als Flugbegleiterin und lebt mit ihrem Kind und Mann in Frankfurt

Fanny Stefanuca arbeitet seit 13 Jahren als Flugbegleiterin

"Ich bin seit 13 Jahren Flugbegleiterin und das letzte Mal im März 2020 geflogen. Corona war erst mal ein ziemlicher Schock für mich, weil ich frisch aus der Elternzeit kam und erst vier Monate wieder im Dienst war. Anfangs dachte ich noch, dass ich im Sommer wieder fliege.

Jetzt rechne ich frühestens 2022 wieder damit. Aktuell hat sich mein Leben komplett umgekrempelt. Mein Mann ist Pilot und Vollzeit geflogen, ich Halbzeit. Durch Corona waren wir dann auf einmal alle zuhause: mein Mann, mein Kind und ich. Für uns war das eine ziemliche Luxus-Situation, die andere Familien nicht hatten. Wir versuchen nach wie vor das Beste aus der Situation zu machen, beschweren wollen wir uns nicht.

Inzwischen habe ich mich damit arrangiert, dass ich erstmal nicht fliegen werde. Momentan bin ich zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Inzwischen fliegt auch mein Mann wieder zwei bis drei Mal pro Monat, vorher ist er jede Woche einmal wöchentlich geflogen. Derzeit habe ich einen Nebenjob in einem Fitnessstudio. Das ist mir wichtig. Wenn ich diesen nicht hätte, würde es mir wahrscheinlich anders gehen. Auch unser Sohn hilft uns, positiv zu bleiben. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich mich mit der Situation abgefunden habe. Ich kenne aber auch welche, die Angst vor Kündigungen haben."

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„Einen größeren Stresstest wie Corona wird es nicht mehr geben“
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Marius Dinnes (35 Jahre) ist DJ und leitet eine Künstleragentur in Frankfurt

Marius Dinnes ist DJ und leitet eine Künstleragentur

"Das letzte Mal aufgelegt habe ich am 28. Februar 2020, da war der Club schon leerer als sonst. Ich bin DJ seit ich 18 bin und habe 2019 eine Künstleragentur gegründet, mit der ich Hochzeiten und Firmenevents plane. Beide Job-Komponenten sind wegen Corona auf einmal weggefallen. Die Firmenevents und Hochzeiten wurden dann auch abgesagt. Anfangs habe ich nicht damit gerechnet, dass es sich so lange zieht. Das übersteigt jede Vorstellungskraft.

Dann wurde es immer ernster. Im Mai habe ich dann angefangen, in einer Catering-Firma zu arbeiten, die Schulen und Kitas mit Essen beliefert. Vollzeit arbeite ich aber auch dort nicht, weil ja auch Schulen und Kitas immer wieder zu waren. Die ersten Sofortzahlungen habe ich recht schnell erhalten, die November- und Dezemberhilfen dann in Abschlagszahlungen.

Im Sommer wurden dann wieder ein paar Events gebucht, dann aber auch wieder abgesagt und verschoben. Eigentlich habe ich seit Februar 2020 keine Einnahmen mehr gehabt. Das Positive ist, dass ich meine Wohnung nicht räumen musste. Alles, was ich tun muss, ist, mich bei Laune zu halten und zuversichtlich zu bleiben. Ich denke, einen größeren Stresstest wie Corona wird es nicht mehr geben. Bis jetzt kann ich gesund essen, gut leben.

Es haben sich auch gute Sachen ergeben, im Februar konnte ich fasten, weil ich so viel Ruhe hatte. Das hätte im Arbeitsalltag nie funktioniert. Meine Berufswahl habe ich bis jetzt nicht bereut, weil ich todunglücklich wäre, wenn ich meine Hauptzeit in etwas investieren würde, das mir keinen Spaß macht. Im Sommer sehe ich mich noch nicht wieder auflegen.

Das Wichtigste für mich ist Struktur. Deswegen habe ich mich jetzt für ein Studium entschieden. Ab April fange ich an, Psychologie zu studieren. Mein großer Traum war es immer Psychotherapeut zu werden. Ich habe Vertrauen, dass alles nach besten Wissen und Gewissen gemacht wird. Die Pandemie hat eine ganz eigene Dynamik. Mein Wohlbefinden ist mir zu schade, als mich ständig aufzuregen."

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„Der Lockdown war total schlimm für mich“
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Beriwan Barani (37 Jahre) ist Zahnarzthelferin, zahnmedizinische Prophylaxe-Assistentin und Kosmetikerin in Frankfurt

Beriwan Barani leitet ein Kosmetik-Studio in Frankfurt

"Seit vier Jahren habe ich mein eigenes Kosmetikstudio in Frankfurt, in dem ich Gesichtsbehandlungen und Bleachings mache. Um ehrlich zu sein, war der Lockdown total schlimm für mich. Vorher habe ich sechs Tage die Woche gearbeitet und hatte einen vollen Kalender und war total zufrieden. Im März musste ich mein Studio dann schließen und durfte erst im Mai 2020 wieder öffnen. Ende Oktober musste ich dann wieder schließen, was mich besonders geärgert hat, weil November und Dezember besonders gut laufende Monate für Kosmetik-Studios sind. Die vergangenen Monate durfte ich mein Studio nicht öffnen, weil ich Gesichtsbehandlungen mache und zu nah am Kunden bin. Meine Mietkosten laufen weiter, deswegen arbeite ich seit Januar in einer Zahnarztpraxis, um meine Kosten zu decken.

Ich kann nicht verstehen, dass ich beim Zahnarzt täglich Zahnreinigungen machen darf, aber in meinem eigenen Studio keine zahnkosmetischen Behandlungen machen darf. Bei jeder Zahnreinigung bekomme ich auch ganz viele Aerosole ab, egal wie gut ich mich schütze. Inzwischen darf ich wieder Kundinnen und Kunden annehmen, wenn sie vorher einen Coronatest vorweisen, der nicht länger als 24 Stunden alt ist. Viele verunsichert das, für andere ist das zu aufwendig und zu teuer. Weil ich der Situation noch nicht traue, werde ich weiter beim Zahnarzt arbeiten."

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„Ich musste drei neue Mitarbeiter einstellen“
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Drago Nedeljkov (47 Jahre) leitet einen Handwerksbetrieb in Offenbach

Drago Nedeljkov leitet einen Handwerker-Betrieb in Offenbach

"Ich habe neun Angestellte. Als der Lockdown kam, wusste ich zuerst nicht, wie es weiter geht. Einen Monat später hatte ich dann auf einmal viel mehr Arbeit, viel mehr Stress und musste drei neue Mitarbeiter einstellen. Durch Corona hat sich meine Kundschaft total verändert: Vor Corona hatten wir viele Großkunden und haben zum Beispiel an Büro-Gebäuden Jalousien und Rollläden gemacht. Durch den Lockdown haben wir viel mehr Privatkunden, weil viele Leute zu Hause im Homeoffice sind. Vor dem Lockdown hatte ich zehn Privatkunden pro Woche, jetzt habe ich fast zehn Privatkunden täglich. Trotzdem verdiene ich weniger. Denn die Aufträge der Privatkunden sind viel kleiner.

Zu Hause hatte ich plötzlich auch mehr zu tun, weil meine drei Kinder nun auf einmal im Homeschooling waren. Da musste alles unter einen Hut gebracht werden, weil meine Frau auch arbeitet. Viel geholfen hat meine Schwägerin. Sie hat oft das Babysitting übernommen. Auch Oma und Opa haben die Kinder oft betreut. Ich kann allem auch was Gutes abgewinnen. Ich bin super dankbar, dass ich einen Job habe und allen Mitarbeiter sogar Weihnachtsgeld zahlen konnte. Natürlich bin ich anderen auf die Nerven gegangen, weil ich sie an die Regeln erinnern musste. Megapositiv ist, dass ich mehr Zeit für meine Kinder hatte. Sie konnten zwar nicht mehr zum Fußball und Handball. Aber wir sind wir Rad gefahren."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.03.2021, 19.30 Uhr