Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Nicht nur Urlaubsrückkehrer tragen dazu bei, dass die Corona-Infektionen wieder zunehmen. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer warnt im Interview vor wachsender Sorglosigkeit im Alltag - und befürchtet steigende Infektionszahlen, wenn im August der Regelbetrieb an den Schulen startet.

Die Kurve mit der Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt wieder leicht - bundesweit, aber auch in Hessen. Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Sonntag in Deutschland bei 1,22 (Vortag: 1,24). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel etwas mehr als einen weiteren Menschen ansteckt.

Ist da schon die zweite Welle im Anmarsch, die viele befürchten? Unter den Neuinfizierten sind auch Rückkehrer aus Urlaubsregionen. Sollten Reisende sich nach ihrer Rückkehr testen lassen - oder sogar lassen müssen? Darüber hat hessenschau.de mit dem Virologen Martin Stürmer gesprochen. Der 51-Jährige leitet ein Labor in Frankfurt und ist Dozent am Institut für medizinische Virologie der Uni Frankfurt.

hessenschau.de: Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt leicht: Kommt jetzt die zweite Welle?

Martin Stürmer: Flächendeckend nehmen die Infektionszahlen zwar zu, aber für eine zweite Welle fehlt mir da noch die richtige Dynamik. Ein wenig hängt es natürlich davon ab, wie man eine Welle definiert, aber für mich ist es noch keine.

hessenschau.de: Sind wir zu sorglos geworden?

Stürmer: Die Sorglosigkeit im Freizeitverhalten, im Alltagsverhalten nimmt tatsächlich zu. Dazu kommen Infektionen, die aus dem Ausland zurückkehrende Urlauber mitbringen. Aber die Mehrzahl ist wohl auf die wiedergewonnene Freude am Leben zurückzuführen. Die Infektionszahlen sind über einen langen Zeitraum günstig gewesen, das hat sich dann wohl niedergeschlagen in Sorglosigkeit und manchmal sogar Leichtsinn.

hessenschau.de: Es wird derzeit darüber diskutiert, ob Urlaubsrückkehrer sich testen lassen sollten: Wären Corona-Pflichttests sinnvoll?

Stürmer: Es gibt genug Risiko sich zu infizieren, auch ohne dass man verreist. Wenn man es konsequent machen wollte, müsste man alle Reisenden - egal ob im Inland oder Ausland - testen. Aber das würde, glaube ich, den Rahmen sprengen, da würde man mit den Tests gar nicht mehr nachkommen. Insofern ist für mich die Konzentration auf die Risikogebiete nachvollziehbar. Die Angaben dazu werden vom Robert-Koch-Institut und vom Auswärtigen Amt ja regelmäßig aktualisiert.

hessenschau.de: In Hessen müssen Reisende aus Risikogebieten nach ihrer Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne. Sollten sie auch zu Corona-Tests verpflichtet werden?

Stürmer: Eine optimale Strategie wäre aus meiner Sicht für Reisende aus Risikogebieten ein Test kombiniert mit einer Quarantäne. Denn ein Test ist auch nur eine Momentaufnahme. Vielleicht hat man sich am Vorabend noch verabschiedet von Leuten, die man im Urlaub kennengelernt hat, ist dann mit dem Transferbus zum Flughafen gefahren und hat sich dort aufgehalten. Wenn man sich dabei in den letzten 24 Stunden seines Urlaubs noch angesteckt hat, wird der Test am Ankunftsflughafen trotzdem negativ sein. Wenn man dann keine Quarantäne macht, dann gehen Menschen möglicherweise mit einem falsch-negativen Test in ihr normales Leben zurück.

Um das zu vermeiden, sollte man aus meiner Sicht, wenn man denn schon am Flughafen testet, das dann noch mit einer Kurzquarantäne von vielleicht fünf Tagen verbinden - und dann noch einen zweiten Test draufsetzen.

Weitere Informationen

Spahn will Corona-Testpflicht

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Corona-Testpflicht für Reisende aus Risikogebieten anordnen. "Wir müssen verhindern, dass Reiserückkehrer unbemerkt andere anstecken und so neue Infektionsketten auslösen", sagte Spahn am Montag, nachdem dieses Interview geführt wurde. Die Verordnung soll laut Bundesgesundheitsministerium kommende Woche in Kraft treten. Die Tests sollen für die Reisenden kostenfrei sein.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Was sollten Urlauber aus Ihrer Sicht beachten?

Stürmer: Die bekannten Risiken vermeiden - genauso wie im Alltag hier: Man sollte die Kontakte im Urlaub auf das Notwendige beschränken, den Abstand einhalten und gerade in geschlossenen Räumen Masken tragen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass ein geschlossener Raum wegen der Aerosole in der Luft auch bei Beachten der Abstandregel Risiken birgt, wenn man keine Maske trägt.

hessenschau.de: Was ist Ihre Prognose: Werden wir nochmal strengere Maßnahmen bekommen?

Stürmer: Ich glaube, in der Härte, in der wir den Lockdown im Frühjahr deutschlandweit hatten, werden wir ihn nicht wieder erleben. Wir haben schon gelernt, wie man optimalerweise arbeitet, um das nicht wieder in dieser ausgeprägten Form machen zu müssen. Aber es liegt an uns allen, ob wir die zweite Welle bekommen - und damit dann auch wieder härtere Beschränkungen. Wenn wir uns jetzt weiter vernünftig verhalten, auch im Urlaub, dann können wir das Ganze vermeiden.

hessenschau.de: Der Schulunterricht soll ab August wieder im Regelbetrieb stattfinden, sogar Schulsport erlaubt die Landesregierung wieder. Ist diese Entscheidung aus Ihrer Sicht vertretbar - oder sollte man nicht zumindest die Entwicklung der Infektionszahlen abwarten?

Stürmer: Da reden wir über einen ganz wichtigen Punkt. Wir wissen zwar inzwischen relativ sicher, dass Kinder keine Virenschleudern sind. Aber natürlich können sich Kinder infizieren und das Virus auch weitergeben. Wenn man jetzt Unterricht ohne Maske und ohne Abstand in den Schulen einführt, dann wird es deutlich mehr Fälle geben.

Ich halte weiterhin ein Konzept für sinnvoll, bei dem darüber nachgedacht wird, ob man - wenn man schon den Abstand nicht einhalten kann - zumindest mit der Maskenpflicht auch im Unterricht versucht, Infektionen zu vermeiden.

Die Fragen stellte Antje Buchholz.