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Audioseite Stürmer: "Zusehen, dass wir nicht zum normalen Regelbetrieb übergehen"

Ein Schild am Fenster mit der Aufschrift "Wir bleiben zuhause"

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer mahnt im Interview zu Vorsicht, obwohl die Corona-Fallzahlen derzeit zu sinken scheinen. Es werde weniger getestet. Steigen die Zahlen wieder, kann sich der Virologe auch ganztägige Ausgangssperren in Hotspots vorstellen.

hessenschau.de: Herr Stürmer, an Weihnachten sind wieder mehr Menschen aus ganz Deutschland mit ihren Familien und Freunden zusammengekommen. Steht der nächste große Anstieg der Infektionszahlen vor der Tür?

Martin Stürmer: Es wird auf jeden Fall dazu beitragen, wenn sich relativ viele Menschen nicht an die Empfehlung gehalten haben, die Kontakte zu minimieren, sondern die gesetzlichen Möglichkeiten ausgereizt haben. Dann ist davon auszugehen, dass wir auf jeden Fall einen Anstieg sehen werden - wahrscheinlich gegen Ende der ersten Januarwoche.

hessenschau.de: Zuletzt war die Zahl der Neuinfektionen leicht gesunken. Die Zahl der Menschen, die an oder mit Covid-19 starben, lag am Mittwoch allerdings bei 129. Das ist ein neuer Höchstwert, trotz Lockdown. Wie ist das zu erklären?

Stürmer: Man darf nicht vergessen, dass die aktuellen Zahlen eine "Nachwehe" sind. Es ist ja so, dass ich, wenn ich mich heute infiziere, nicht morgen tot bin, sondern dass das eine ganze Weile dauert. Dementsprechend sind die neuesten Todeszahlen eine Konsequenz aus den ganz hohen Infektionszahlen von vor zwei, drei Wochen.

Auf der anderen Seite wird aktuell weniger getestet, weswegen die Infektionszahlen niedriger wirken. Auch der Lockdown wird da mit reinspielen und den Eindruck verstärken, dass wir aktuell scheinbar niedrige Infektionszahlen haben.

Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

hessenschau.de: Weshalb wird derzeit weniger getestet?

Stürmer: Über die Feiertage hat nicht jedes Labor die gleichen Testkapazitäten wie an normalen Werktagen. Testzentren hatten zum Teil ebenfalls nicht geöffnet. So tritt ein vergleichbarer Effekt wie an den Wochenenden ein: Dort sehen wir auch, dass die montags erscheinenden Zahlen oftmals niedriger sind, weil es eine Verzögerung bei der Übermittlung gibt.

hessenschau.de: Es wird darüber diskutiert, den Lockdown, der vorerst bis zum 10. Januar geht, zu verlängern. Halten Sie das für notwendig?

Stürmer: Ich gehe davon aus, dass die Kanzlerin bei ihrer Besprechung mit den Ministerpräsidenten am 5. Januar feststellen wird, dass man mit dem Lockdown nicht dorthin gekommen ist, wo man es sich erhofft hatte, also eine Inzidenz von unter 50 bundesweit zu erreichen.

Es gibt zwei Szenarien, die wir haben werden: a) Wir sehen die Zahlen fallen und haben mit einer Verlängerung des Lockdowns um ein, zwei Wochen eine realistische Chance, eine Inzidenz von unter 50 zu erreichen. Oder b) Wir sehen, dass die Zahlen - auch begünstigt durch Weihnachten - wieder leicht hoch gehen. Dann wird man über mögliche Verschärfungen der Maßnahmen nachdenken müssen.

hessenschau.de: In Corona-Hotspots wurden Ausgangssperren verhängt. Gerade an Silvester wird das auf wenig Gegenliebe stoßen. Bringen die Ausgangssperren denn etwas?

Stürmer: In den Hotspots sind sie sicherlich eine Möglichkeit, etwas stärker auf die Bremse zu treten. Viele Hotspot-Regionen beruhigen sich ja auch, was die Zahlen angeht. Aber auch hier immer unter Vorbehalt der Tatsache, dass die Zahlen aktuell schwierig zu vergleichen sind.

Man muss aber auch sagen: Ein Virus kennt keine Uhrzeit. Wenn ich eine nächtliche Ausgangssperre ab 21 Uhr verhänge, kann sich das Virus natürlich vorher verbreiten. Insofern bin ich der Meinung, dass man solche Beschränkungen - wenn man sie denn diskutiert - 24 Stunden durchziehen sollte. Damit würden auch die Treffen im privaten Bereich deutlich eingeschränkt.

hessenschau: Kommen wir zum Dauerthema Schulen: Von Schülern gehe nur eine geringe Ansteckungsgefahr aus, hieß es lange. Jetzt legt ein Fall aus Hamburg nah, dass Schulen durchaus Treiber der Pandemie sein könnten. Was würden Sie dem Kultusminister vor dem Start nach den Winterferien am 11. Januar raten?

Stürmer: Aus Hamburg ist durchgesickert, dass es dort massive Ausbruchsgeschehen innerhalb einer Schule gegeben hat. Auch vor diesem Hintergrund würde ich empfehlen, nicht in den vollen Regelbetrieb zurückzukehren. Man sollte versuchen, ein Modell zu schaffen, in dem der Präsenzbetrieb deutlich reduziert wird.

Gegebenenfalls sollte man darüber nachdenken, die Klassen zu halbieren und eine Hälfte zu Hause und die andere Hälfte vor Ort zu lassen. Konsequentes Maskentragen im Unterricht würde ich ebenso empfehlen. Auch müsste geschaut werden, dass nicht die gesamten Schülermassen gleichzeitig den Schulweg antreten. Auch hier würde ein Wechselmodell in den Schulen helfen.

hessenschau.de: Eine kürzlich entdeckte, offenbar hochansteckende Mutation des Virus wurde zuerst in Großbritannien festgestellt, mittlerweile aber auch in Deutschland. Sind Ihnen derartige Fälle in Hessen bekannt?

Stürmer: Mir sind aktuell keine Fälle bekannt. Es ist aber so, dass wir die zirkulierenden Virenstämme in Deutschland nicht im gleichen Maße bestimmen, wie es etwa in Großbritannien der Fall ist. Wir haben in der Regel unseren Positiv-Nachweis, und das war es dann auch.

Einen derart guten Überblick über die Zahl und Form der zirkulierenden Stämme wie in Großbritannien haben wir hier schlicht nicht. Es ist durchaus möglich, dass sich dieser Stamm schon weiterverbreitet hat. Der Verdacht liegt nahe, aber beweisen kann ich es nicht.

hessenschau.de: Und dass die Virenstämme hierzulande nicht in dieser Form bestimmt werden, hat Kapazitätsgründe?

Stürmer: Nein, das ist auch eine Kostenfrage. Es ist ein technisch deutlich höherer Aufwand, einen Virusstamm durchzuanalysieren, als lediglich die Erbinformation des Virus in einer Probe nachzuweisen. Und es wird sicher nicht in allen Standorten angeboten, die die "klassische" PCR-Untersuchung durchführen.

Da geht es auch um die Finanzierung. Während die PCR-Untersuchung für die Labore erstattet wird, müssen für die Sequenzanalysen, also die Analyse der verschiedenen Virusvarianten, vernünftige Forschungsprojekte aufgelegt werden. Dafür müssen die Konsortien, die das machen, Gegenleistungen bekommen. Das ist in Deutschland nur zum Teil aktiv, weswegen wir auf diesem Auge ein bisschen blind sind, was die Vielfalt der Virenvarianten angeht.

hessenschau.de: Was bedeutet diese Mutation für uns und den weiteren Verlauf der Pandemie?

Stürmer: Wenn diese Mutation deutlich ansteckender ist als die bisherigen Varianten, dann ist es natürlich umso schwieriger, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren. Aber, und davon gehen wir aus, trotz dieser bezogen auf die Vermehrung aggressiveren Variante funktionieren die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene, Atemmaske, d. Red.).

Das ist ein wichtiges Zeichen: dass wir dieses Virus mit alltäglichen Regeln, die wir alle anwenden sollen, unter Kontrolle bringen können. Dieses Zeichen haben wir aus England, insofern bin ich da nicht beunruhigt. Aber man sollte diese Varianten intensiver monitoren, auch in Deutschland, damit man weiß, worauf man sich einstellen muss.

Wenn man weltweit mit Impfungen beginnt, muss man relativ schnell auf dem Radar haben, dass es Varianten gibt, die diesem Impfstoff durch Selektion von Mutation entkommen könnten. Wenn die Impfung bei sogenannten Escape-Mutanten nicht mehr funktioniert, kann bei frühzeitiger Identifizierung ein Impfstoff nachproduziert werden, der auch diese Variante abdeckt.

hessenschau: Also müsste in Deutschland Ihrer Meinung nach mehr Geld bereitgestellt werden, um diese Escape-Mutanten festzustellen und zu kontrollieren?

Stürmer: Es wäre schön, wenn es wie auch in anderen Ländern hier in Deutschland eine breitere und koordiniertere Initiative gäbe. Dass Zentren, die eine gute Expertise für solche Genom-Analysen vorweisen, vermehrt mit Proben versorgt und auch entsprechend vergütet werden. Damit diese Ergebnisse irgendwo zentral zusammengeführt und ausgewertet werden. Ich halte es für sehr wichtig, so etwas schnell auf die Beine zu stellen - wenn es solche Bestrebungen nicht ohnehin schon gibt.

hessenschau.de: Sie erwähnten den Impfstoff. Seit wenigen Tagen ist es auch in Hessen soweit, die ersten 10.000 Dosen sind eingetroffen und teilweise bereits verabreicht worden. Den Frühling werden wir aber wahrscheinlich nicht mit Engtanz und Kneipenquiz einläuten können, oder?

Stürmer: Nein, das ist absolut richtig. Es geht jetzt erstmal darum, diesen Impfstoff an den Mann und an die Frau zu bringen. Das ist nicht so trivial, wie man immer wieder sieht. Es gibt viele Stolperfallen, in die man tappen kann: Sei es, dass eine Kühlkette unterbrochen wird oder der Impfstoff nicht richtig gelöst wird und die Dosis dadurch falsch ist. Da gibt es viele Beispiele.

Gerade deswegen ist es wichtig, dass wir klar kommunizieren: Es ändert sich an unserem Verhalten erstmal gar nichts. Wir müssen weiterhin mit den AHA-Regeln leben und arbeiten, denn anders haben wir keine Chance, das Infektionsgeschehen kurzfristig unter Kontrolle zu bekommen. Eine flächendeckende Impfung und daraus resultierend eine breite Herdenimmunität wird es frühestens Ende Sommer, Anfang Herbst geben. Erst dann können wir uns meiner Einschätzung nach über eine Rückkehr zur Normalität unterhalten.

Das Interview führte Fabian Weidenhausen