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zum Video Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer beantwortet Nutzerfragen

Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Schon bald soll die Corona-Massenimpfung in Hessen beginnen. Die Hoffnungen sind enorm. Aber wie gut wirken die verschiedenen Impfstoffkandidaten? Und sind sie wirklich sicher? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer beantwortet Fragen unserer Nutzer.

Die Zahl der Neuinfektionen ist weiter hoch, die der Toten auch. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Sonntag starben binnen 24 Stunden in Hessen weitere acht Menschen an oder mit Covid-19. Tags zuvor hatte das RKI sogar 33 Todesfälle in Hessen gemeldet. Viele Menschen setzen ihre Hoffnungen auf die neuen Impfstoffe. Mitte Dezember soll es los gehen. Die Behörden errichten dazu derzeit 30 Impfzentren in Hessen. Insgesamt sollen in den kommenden Monaten rund vier Millionen Hessen gegen das Virus geimpft werden.

Im Zusammenhang mit dem Impfen haben uns zahlreiche User-Fragen erreicht. Eine Auswahl davon beantwortet der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Der 51-Jährige leitet ein Labor und ist Dozent am Institut für virologische Medizin der Uni Frankfurt.

hessenschau.de: Es gibt mRNA-Impfstoffe, Vektorimpfstoffe, Lebend- und Totimpfstoffe. Worin unterscheiden sie sich?

Martin Stürmer: Bei den mRNA-Impfstoffen wird im Grunde nur ein Schnippelchen Erbinformation vom Virus - eingepackt in Nanopartikel - in den Körper eingebracht. Das motiviert unsere Zellen dazu, Virusproteine herzustellen. Unser Körper erkennt dann, dass es einen Eiweißbaustein gibt, der nicht zu uns gehört und reagiert entsprechend mit einer Immunantwort.

Bei Vektorimpfstoffen passiert im Prinzip Ähnliches. Hier wird allerdings nicht die reine Erbinformationen von Sars-CoV-2 in unserer Zellen gebracht, sondern ein harmloses Hilfsvirus mit einem Stück Erbinformation von SARS-CoV-2 . Auch hier wird ein Protein produziert und das Immunsystem reagiert. Bei klassischen Lebend- beziehungsweise Totimpfstoffen wird hingegen das abgeschwächte Virus bzw. ein Virusprotein zum Impfen verwendet.

hessenschau.de: Wie lange dauert es, bis man nach einer Impfung immun ist?

Martin Stürmer: Die Impfstrategien sehen bei allen Impfstoff-Kandidaten vor, dass man zweimal geimpft wird. Eine Schutzwirkung ist nach der zweiten Impfung zum Teil vier bis sechs Wochen nach Studienstart gemessen worden. Auch hier muss man natürlich schauen, was nach einem halben Jahr ist. Die Studien laufen ja weiter und entsprechend werden immer wieder neue Daten dazu kommen.

hessenschau.de: Wie lange hält die Impfwirkung an?

Martin Stürmer: Ich gehe davon aus, dass der Impfschutz nur ein Jahr halten wird. Höchstwahrscheinlich werden wir über eine saisonale Impfung reden müssen. Wir brauchen wahrscheinlich jedes Jahr eine Corona-Impfungen. Das hat weniger mit der Mutationsfreudigkeit des Virus zu tun, sondern damit, dass vielleicht die Immunität nicht so lange anhält. Natürlich kann es auch sein, dass das Virus mutiert, sodass auch der jetzige Impfstoff in der Form nicht mehr funktionieren wird, sodass wir wie bei der saisonalen Grippe-Impfung mit einer Mehrfach-Impfung rechnen müssen.

hessenschau.de: Kann der Impfstoff die menschliche DNA verändern?

Martin Stürmer: Es besteht keine Gefahr, dass es zu irgendeiner Interaktion mit unseren eigenen Genen kommt. Man muss verstehen, dass unsere Erbinformation aus DNA besteht. Die Corona-Impfstoffe, also der Vektorimpfstoff und der mRNA-Impfstoff, beinhalten dagegen nur Boten-RNA. Diese Boten-RNA hat eine einzige Funktion: Sie dient der Zelle als Vorlage für die Bildung von Proteinen. Sie hat keinerlei Möglichkeiten mit unserem eigenen Genom zu interagieren. Die Boten-RNA ist außerdem relativ instabil und wird in der Zelle sehr schnell abgebaut.

hessenschau.de: Wer soll sich impfen lassen?

Martin Stürmer: Grundsätzlich muss man die Studiendaten abwarten, bei welchen Patienten welche Nebenwirkungen auftreten. Die Teilauswertungen liegen noch nicht vor. Grundsätzlich gibt es die Empfehlung, dass ältere Menschen, medizinisches Personal und systemrelevante Personen zuerst geimpft werden sollten. An diese Empfehlung würde ich mich halten.

hessenschau.de: Sollten sich auch Risikopatienten mit geschwächtem Immunsystem impfen lassen?

Martin Stürmer: Grundsätzlich ist es so, dass gerade ältere Menschen ein höheres Risiko für schwere Erkrankung und schwere Verläufe haben. Natürlich ist das Immunsystem im Alter nicht mehr ganz so fit wie in jüngeren Jahren. Deswegen ist die Impfung für diese Menschen besonders wichtig. Die Erfahrungen sind eigentlich so, dass wir auch bei älteren Menschen eher unbedenklich impfen können. Und das sollten wir bei Sars-CoV-2 entsprechend auch tun.

hessenschau.de: Sollten sich auch Menschen impfen, die schon mit dem Virus infiziert waren?

Martin Stürmer: Bei denen, die schon Corona durchgemacht haben, weiß ich nicht, wie da die Strategie aussehen wird. Letztendlich wissen wir, dass viele Menschen nach der Infektion die Antikörper wieder verlieren. Es ist eine spannende Frage, ob die dann auch später noch mal nach geimpft werden sollen.

hessenschau.de: Sollten Menschen, die schon infiziert waren, vor einer Impfung einen Antikörpertest machen?

Martin Stürmer: Das Problem ist, dass ein Antikörpertest auch ins Leere führen kann, weil die Antikörper bei einem Teil der infizierten Menschen sich wieder zurückbilden. Insofern ist es schwierig, Rückschlüsse daraus zu ziehen. Es wird sich zeigen, wie letztlich das genaue Impfkonzept der Bundesregierung aussieht.

hessenschau.de: Wie viele Menschen müssten geimpft werden, um eine Herdenimmunität zu erreichen?

Martin Stürmer: Das ist ganz schwierig zu beurteilen. Je mehr Menschen geimpft sind, umso weniger mögliche Überträger wird es für das Virus geben. Experten gehen davon aus, dass wir eine Herdenimmunität bei 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung erreichen. Dann wird sich die Pandemie nicht mehr weiter ausbreiten. Möglicherweise werden wir aber auch schon früher die ersten Effekte sehen.

Aber bevor man wieder Maske abnehmen und die Abstandsregeln zurückführen kann, wird noch eine Weile vergehen. Das werden wir sicherlich nicht machen können, sobald die ersten Probanden geimpft sind.

Die Fragen stellte Sophia Luft.