Privatfeier Sujet

Die Corona-Infektionszahlen steigen in Hessen wieder. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer fordert schärfere Maßnahmen gegen die Pandemie: weniger Besucher bei Feiern und Maskenpflicht im Unterricht.

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Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden und Groß-Gerau: Steigende Corona-Infektionszahlen haben örtlich zu verschärften Maßnahmen in Hessen geführt. Das Robert Koch Institut (RKI) verzeichnet deutschlandweit gar den höchsten Stand bei den Neuinfektionen seit Ende April.

Wie sollte darauf reagiert werden? Darüber hat hessenschau.de mit dem Virologen Martin Stürmer gesprochen. Der 51-Jährige leitet ein Labor in Frankfurt und ist Dozent am Institut für medizinische Virologie der Uni Frankfurt.

hessenschau.de: Mit 187 bestätigten neuen Corona-Fällen allein gestern in Hessen: Ist die zweite Infektionswelle bei uns angekommen?

Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Martin Stürmer: Sagen wir mal so: Nachdem wir unser Tal erreicht hatten, steigen die Zahlen sukzessive an. Ob das jetzt wirklich eine Welle ist, weiß ich nicht von der Definition. Für mich ist eine Welle eine steilere Geschichte. Wir sehen einen sehr langsamen Anstieg – ich würde es als Anfluten bezeichnen. Auf jeden Fall steigt der Grundpegel, steigen die Grundinfektionsraten, und zwar nicht durch lokale Ausbrüche wie damals bei Tönnies im Juni, sondern flächendeckend. Die Frage ist, kriegen wir ein flaches "Huppelchen" oder kriegen wir etwas Steiles? Und nach etwas Steilem sieht es im Moment nicht aus.

hessenschau.de: Findet diese Entwicklung nach Ihrer Einschätzung in einem "normalen" Rahmen statt? Oder sollten wir uns alle doch öfter die Frage stellen: Muss ich mich heute Abend wirklich mit meinen Freunden verabreden? Muss ich wirklich auf diese Feier gehen?

Stürmer: Normal ist das definitiv nicht und sollte es auch nicht sein. Wir haben seit einigen Wochen Zahlen im Infektionsgeschehen, die uns darauf hinweisen, dass etwas nicht mehr ganz unter Kontrolle ist. Das waren am Anfang sicherlich nicht die Urlauber, die dafür verantwortlich sind. Inzwischen tragen sie sicher ihren Anteil dazu bei. Aber es gab viele Ausbruchsgeschehen, die auf Privatfeiern oder Events zurückzuführen waren, wo zu viele Menschen auf engem Raum zusammengehockt haben.

Da hätte ich mir schon etwas früher gewünscht, dass aktiv eingegriffen wird, etwa Gruppengrößen für Veranstaltungen beschränkt werden. Da hätte ich mir von der Politik mehr Aktivität gewünscht. Und natürlich der Appell an uns alle, noch mehr Zurückhaltung üben zu lassen.

hessenschau.de: In Kelsterbach könnte eine Frau bei einer Hochzeitsfeier sehr viele Menschen angesteckt haben. Wenn Hessen die Zahlen wieder drücken will: Sollten die Regeln für private Feiern verschärft werden?

Stürmer: Definitiv. Ich würde direkt bei der Gruppengröße wieder anfangen. Wenn zu viele Menschen auf engem Raum zusammen sind, ist die Gefahr gerade im Kontext steigender Zahlen zu hoch, dass doch jemand mit einer Infektion dabei ist. Auch hier der Appell an alle, Vorsicht walten zu lassen und nicht alles, was erlaubt ist, zu nutzen.

Ich glaube aber auch, mit dem einen Appell an die Vernunft Einzelner kommen wir nicht weiter. Da muss wirklich eine neue Verordnung her, wir sollten die Zahl der Besucher bei Privatfeiern deutlich reduzieren. Mann kann es nicht hundertprozentig vermeiden, dass so etwas passiert wie in Kelsterbach. Aber man sollte es unwahrscheinlicher machen.

hessenschau.de: Auf wie viele Menschen sollten private Feiern Ihrer Meinung nach sinnvollerweise begrenzt werden?

Stürmer: Ich möchte jetzt keine genaue Anzahl vorschreiben, aber ich würde die Zahl von bisher 250 Menschen deutlich reduzieren. Man kann es einfach errechnen: Wenn wir beispielsweise 50 Menschen zulassen, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer, dass jemand Positives dabei ist. Man könnte bei privaten Feiern auch auf 20 bis 25 Menschen runtergehen. Das sind zwar unschöne Maßnahmen, aber in der Situation, in der wir uns aktuell befinden, meiner Meinung nach absolut notwendig.

hessenschau.de: Die Schule in Hessen hat gerade wieder begonnen – ohne Abstandsregelung in den Klassen, dafür aber mit großen Sorgen seitens der Eltern und Lehrer. Tatsächlich befinden sich erste Klassen schon wegen positiver Covid-Tests in Quarantäne. Schliddert Hessen in eine gefährliche Situation?

Stürmer: Ich glaube nicht, dass Schulen der Hauptinfektionsort sein werden. Wir haben die von Ihnen erwähnten Fälle gesehen und werden sie auch weiter sehen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir in den nächsten Monaten Schulen flächendeckend dicht machen müssen.

Es stellt sich aber die Frage, ob wir unser Schuldesign in der nächsten Zeit doch ändern sollten – hin zu mehr Abstand in den Klassen, Schichtunterricht, der Teilung von Klassen und Homeschooling. Was in den Klassenräumen unabhängig davon immer problematisch sein wird, sind die Aerosole. Denn denen ist es egal, ob Schüler keinen, anderthalb oder zwei Meter Abstand zueinander halten. Ich bin der Meinung, dass Schüler besser geschützt wären, wenn sie im Unterricht eine Maske tragen.

hessenschau.de: Ein anderes in Deutschland sehr beliebtes Thema ist der Karneval. Es gibt Stimmen, die fordern eine Absage der fünfte Jahreszeit. Wie schätzen Sie das ein?

Stürmer: Genauso. Es ist meiner Meinung nach absolut überflüssig, jetzt über den Karneval zu diskutieren, denn ich gehe nicht davon aus, dass wir bis dahin eine flächendeckende Impfung haben. Wir diskutieren an sich zu viel über Großveranstaltungen und die Frage, wann wir Leute wieder in die Stadien lassen. Das ist jetzt der absolut falsche Zeitpunkt.

Nochmal zum Karneval: Wir haben im Frühjahr bei der Karnevalssitzung in Heinsberg gesehen, wie effektiv sich ein Virus auf einem solchen Event verbreiten kann. Über Straßenkarneval kann man womöglich diskutieren. Aber es ist im Prinzip nur konsequent zu sagen: Wir leben in einer verrückten Zeit und müssen Kompromisse eingehen. Zu sagen, wir setzen den Karneval ein Jahr aus, hielte ich in der jetzigen Situation für angebracht.

Die Fragen stellte Fabian Weidenhausen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 20.08.2020, 16.45 Uhr