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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Virologe Martin Stürmer gegen generelle Impfpflicht

Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Kurz vor den Sommerferien steigt in Hessen die Zahl der Coronafälle. Was das für die Urlaubszeit bedeutet, wie eine vierte Welle im Herbst zu vermeiden ist und warum auch Geimpfte sich testen lassen sollten, erklärt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer im Interview.

Wochenlang sanken im Mai und Juni die Corona-Infektionszahlen und machten Hoffnung auf einen unbeschwerten Sommer. Doch seit Anfang Juli steigt die landesweite Inzidenz wieder leicht - pünktlich zum Start der hessischen Sommerferien.

Wie wir trotzdem sicher durch die Urlaubszeit kommen und warum eine hohe Impfquote für den Herbst besonders wichtig wird, erklärt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer im Interview.

hessenschau.de: Herr Stürmer, viele Menschen in Hessen wollen bald wieder in den Urlaub fahren. Aber in vielen europäischen Ländern steigt die Inzidenz stark an. Was raten Sie denen, die jetzt verreisen wollen?

Martin Stürmer: Es wird sicherlich nicht unbedingt notwendig sein, massenweise Urlaube zu stornieren. Es hängt davon ab, mit welcher Dynamik sich das Reiseziel gerade entwickelt. Es gibt ja durchaus Gegenden, in denen es absehbar noch schlimmer wird. Man muss damit rechnen, dass ein Gebiet, das am Anfang des Urlaubs harmlos war, bei der Rückkehr ein Risikogebiet mit entsprechenden Auflagen ist.

Grundsätzlich gilt: Wer in Urlaub fährt, sollte sich an die bekannten Regeln zur Infektionsvermeidung halten: Kontakte reduzieren, Masken tragen - dort, wo es eng wird - und Abstände einhalten. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man doppelt geimpft ist. Das schützt nicht zu 100 Prozent vor der Ansteckung, aber man leistet damit einen sehr guten Beitrag zu einem entspannteren Urlaub.

hessenschau.de: In Hessen ist die Sieben-Tage-Inzidenz noch niedrig, steigt aber auch wieder. Wird der Sommer jetzt doch weniger entspannt als erhofft?

Stürmer: Man muss sich genau angucken, woher die steigenden Zahlen aktuell kommen. Wir konnten uns neue Freiheiten genehmigen, weil die Zahlen so schön gefallen sind. Natürlich müssen wir uns fragen, ob wir da nicht etwas übers Ziel hinausgeschossen sind. Primär muss sich die Politik den Schuh anziehen, dass sie vielleicht zu viele Lockerungen kommuniziert hat. So hat sich in der Bevölkerung das Gefühl vermittelt: "Die Pandemie ist vorbei."

Die Fußball-Europameisterschaft mit ihren Bildern, wie man wieder feiern kann - auch wenn man es nicht sollte -, hat sicherlich auch ein Gefühl der Entspannung bei vielen Menschen mit ausgelöst. Da ist einfach zu viel passiert in der letzten Zeit. Die Frage ist: Wird sich das schnell wieder bremsen oder ist es der Beginn einer nächsten Welle? Das ist im Augenblick schwer abzuschätzen.

hessenschau.de: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) warnte zuletzt vor schnellen Lockerungen - man müsse erst einmal drei Monate abwarten, wie sich die Delta-Variante auswirkt. Was wäre aus Ihrer Sicht eine gute politische Strategie?

Stürmer: Ich kann im Prinzip unterstützen, was Herr Bouffier sagt. Wir haben bis zu einem gewissen Grad gelockert, was ich auch mittragen kann, was die Außenbereiche angeht. Aber wir haben zu viel zusätzlich gemacht zu den eigentlich vernünftigen Lockerungen: Hier die Maske weglassen, dort auf Tests verzichten. Wir haben die Home-Office-Pflicht wieder reduziert. Da kommen viele Faktoren zusammen, die Übertragungen fördern können.

Man sieht, dass die Pandemie nicht vorbei ist. Ich sage nicht zum ersten Mal, dass die Delta-Virusvariante Nachlässigkeiten noch schneller ausnutzt, um sich zu verbreiten. Da ist es sehr richtig, was Herr Bouffier gesagt hat: ab einem bestimmten Punkt erst mal innehalten und schauen, was passiert. Wir haben ja schon relativ viele Freiheiten wieder ermöglicht.

Im Herbst werden wir wieder mehr in die Innenräume gehen müssen. Ich hätte lieber bis dahin ein entspanntes und ruhiges Infektionsgeschehen auf einem niedrigen Level, als jetzt durch zu frühe und zu schnelle Lockerungen Brandherde zu generieren. Die werden wir früh genug bekommen und brauchen sie nicht jetzt schon.

hessenschau.de: Die Zahl der täglichen Impfungen geht zurück, obwohl es mittlerweile viel Impfstoff gibt. Haben Sie Sorge, dass wir die Impfquote von 85 Prozent nicht erreichen, die das RKI für notwendig hält, um eine vierte Welle zu vermeiden?

Stürmer: Das ist ein sehr anspruchsvolles Ziel, es fordert sicherlich viel Überzeugungsarbeit. Wir sehen gerade, dass jetzt die Impfwilligen mehr oder weniger alle dran gewesen sind und die Zeit kommt, dass einige Menschen unentschieden sind: Soll ich oder soll ich nicht? Die müssten wir jetzt motivieren, indem wir ihnen die Angst nehmen: Wir haben jetzt Millionen Menschen in Deutschland geimpft, es gab keine neuen Signale über schwerwiegende Nebenwirkungen oder Impfreaktionen.

Insofern ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sich an der Impfaktion zu beteiligen, um für den Urlaub ein gutes Gefühl zu haben. Spätestens dann, wenn es wieder zurück geht nach den Sommerferien, wenn wir wieder über die Schulen reden, ist jeder, der doppelt geimpft ist, ein Gewinn für alle. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man in sozialen Brennpunkten wieder mehr Impfaktionen macht.

Außerdem habe ich die Hoffnung, dass wir in Richtung Herbst auch ausreichend Daten aus anderen Ländern zur Impfung von Kindern und Jugendlichen bekommen, damit wir auch ein besseres Gefühl dafür haben, ob wir die 12- bis 15-Jährigen nicht doch etwas breiter impfen können als nach der bisherigen Empfehlung.

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hessenschau.de: Sie wären für eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche?

Stürmer: Ja, sobald wir ausreichend Sicherheitsdaten haben. Die Wirkung des Impfstoffes in der Altersgruppe ist ja völlig unstrittig. Er wirkt bei den Jugendlichen auch sehr, sehr gut. Allerdings haben Kinder insgesamt eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, schwer krank zu werden oder gar zu sterben. Das ist ja der Grund, warum man sagt: Wir machen es nicht flächendeckend, weil wir noch nicht abschätzen können, wie hoch der Nutzen wirklich ist oder ob der Schaden nicht möglicherweise größer ist.

Wenn wir aus Daten aus anderen Ländern wissen, dass die Wahrscheinlichkeit für Schäden marginal ist, könnte ich mir vorstellen, dass man im Herbst das Ganze neu überdenken wird.

hessenschau.de: In einigen europäischen Ländern gibt es jetzt eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, zum Beispiel in der Pflege. Fänden Sie das auch für Deutschland sinnvoll?

Stürmer: Die Diskussion über die Impfpflicht ist schwierig. Natürlich könnte man sagen: Für bestimmte Berufsgruppen ist es eigentlich obligatorisch. Die haben mit Erkrankten zu tun - warum sollen sie sich nicht impfen, um sich und andere zu schützen? So setzen ja viele andere Länder die Impfpflicht um.

Eine grundsätzliche Impfpflicht für alle halte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht für den richtigen Weg, weil das Vertrauen in den Impfstoff ja grundsätzlich da ist. Eine Impfpflicht würde bei denen, die jetzt skeptisch sind, das Vertrauen in die Impfstoffe nicht gerade verstärken. Mir ist es wichtiger, Aufklärung zu betreiben.

Außerdem gibt es ja im Zulassungsprozess noch einen Impfstoff von Novavax, der auf althergebrachten Techniken beruht. Das wäre für mich ein Kandidat für diejenigen, die der neuen mRNA- und Vektor-Technik misstrauen. Für sie wäre die althergebrachte Impfstofftechnik sicherlich ein Argument, sich impfen zu lassen. Meine Hoffnung ist, dass solche Impfstoffe relativ schnell in Europa die Zulassung bekommen, damit wir die Impflücke weiter schließen können.

hessenschau.de: Immer wieder wird über die Sieben-Tage-Inzidenz als Kriterium für die Corona-Politik diskutiert. Es wird argumentiert, man müsse auch auf andere Indikatoren schauen. Ist diese Kritik berechtigt, vor allem, wenn immer mehr Menschen geimpft sind?

Stürmer: Man muss ganz klar sagen, dass die Inzidenz weiter ein sehr wichtiger Wert bleiben wird. Sie ist der früheste Indikator für das Infektionsgeschehen. Insofern erübrigt sich jegliche Diskussion darüber, sie aus dem Fokus zu verlieren. Das ist ja auch gar nicht der Sinn der Diskussion.

Natürlich ist es so, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen, Intensivpatienten und Todesfälle eine lange Zeit gut mit der Inzidenz korreliert hat. Das hat sich durch das Impfen entkoppelt: Die steigenden Zahlen führen nicht mehr automatisch zu steigenden Zahlen auf den Intensivstationen und zu einer steigenden Zahl von Todesfällen, weil hier die protektive Wirkung des Impfstoffes greift. Wenn man einzig und allein die Überlastung des Gesundheitssystems verhindern will, dann muss man natürlich solche Faktoren mitberücksichtigen.

hessenschau.de: Was wäre das Problem daran, sich nur an dem Ziel zu orientieren, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten?

Stürmer: Wenn ich erst Maßnahmen ergreife, wenn die Krankenhäuser voll laufen, dann lasse ich ja deutlich mehr Infektionen zu als jetzt schon. Das heißt: Ich riskiere, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen, nämlich primär die Ungeimpften, massiv erkranken können. Wir wissen noch nicht abschließend, was die Delta-Variante dort macht. Außerdem fischen wir ja immer noch im Trüben, was "Long Covid" angeht.

Die vulnerable Gruppe, die übrig bleibt, sind die Kinder und Jugendlichen. Wenn wir uns zu sehr von der Inzidenz lösen, lassen wir sie schutzlos stehen. Sie werden das ausbaden müssen, weil sie im Moment nicht geimpft werden können.

hessenschau.de: Man müsste also eigentlich aus Rücksicht auf Risikogruppen länger härtere Corona-Regeln beibehalten?

Stürmer: Ja, es ist meiner Meinung nach noch nicht der richtige Zeitpunkt, mehr Infektionen zuzulassen – dazu wissen wir einfach noch zu wenig über die Folgen. Ich befürchte, wenn wir wieder mehr Infektionen haben, riskieren wir möglicherweise die Selektion einer Immun-Escape-Variante, gegen die die Impfung schlecht bis gar nicht mehr wirkt. Deswegen vertrete ich den Standpunkt, dass wir bei einer deutlich steigenden Inzidenz wieder anfangen müssten, bestimmte Bereiche zuzumachen. Man kann sicherlich diese Maßnahmen anders strukturieren und sie risikoadaptierter anwenden.

Ich würde aber nach wie vor nicht den Fokus nur auf die Überlastung des Gesundheitssystems setzen, in der Hoffnung, dass durch die Impfung alles abgefangen wird. Wir haben jetzt immer noch unter 50 Prozent der Menschen doppelt geimpft. Wenn das Virus komplett durchliefe, würden sich eine ganze Menge ungeimpfter Menschen zeitnah infizieren, sodass die Aufnahmen auf den Intensivstationen ansteigen würden. Auch junge Menschen können schwer krank werden oder versterben. Dieses Risiko jetzt schon einzugehen, halte ich für verfrüht, solange wir nicht wirklich allen Menschen in Deutschland eine Impfung anbieten können.

hessenschau.de: Das heißt, wir brauchen aus Ihrer Sicht zuerst eine deutlich höhere Impfquote, damit auch die Ungeimpften geschützt sind?

Stürmer: Genau, das ist das Prinzip der Herdenimmunität, das das Robert-Koch-Institut ausgerufen hat: Dass man ausreichend Umgebungsschutz für die Kinder und Jugendlichen bildet, indem sich möglichst viele Erwachsene impfen lassen, damit das Virus nicht an die Kinder rankommt.

Alle Maßnahmen sollten an die Impfquote gekoppelt werden. In Großbritannien entkoppelt man das und lockert – letztlich darf dort ab dem 19. Juli jeder machen, was er will. Das halte ich für sehr schwierig.

hessenschau.de: Für den Schulstart Ende August hat das hessische Kultusministerium sein Konzept bekanntgegeben: Schülerinnen und Schüler sollen in den ersten zwei Wochen drei statt zwei Schnelltests pro Woche machen, außerdem gilt zunächst weiterhin die Maskenpflicht. Reicht das, um den Präsenzunterricht abzusichern?

Stürmer: Es ist sicherlich erst mal besser als das, was wir letzten Sommer erlebt haben an Vorausplanung für das nächste Schuljahr. Man fängt mit diesen verschärften Maßnahmen erst mal das Ende der Sommerferien und möglicherweise eingeschleppte Infektionen durch Rückreisende auf. Aber ich bin der Meinung, dass das auch weiterhin auf einem hohen Level bleiben sollte. Ich würde mir nach wie vor wünschen, dass wir das Lollitest-Prinzip, das in Kindergärten verwendet wird, auch in die Schulen bringen – also PCR-Tests auf Basis von Pool-Testungen. Das mag ein bisschen mehr Geld kosten, aber ich glaube, das sollte man investieren, denn es geht ja um die Sicherheit unserer Kinder.

Mit PCR-Tests können Sie teilweise Menschen identifizieren, die das Virus in so einer geringen Menge in sich tragen, dass es noch nicht zur Ansteckung führt. Wenn man so was etabliert, hat man die Möglichkeit, Präsenzunterricht zu machen – vielleicht auch, wie es oft gewünscht und diskutiert wird, ohne Masken am Platz.

hessenschau.de: Worauf kommt es jetzt aus Ihrer Sicht an, um eine vierte Welle im Herbst zu verhindern?

Stürmer: Wir müssen zusehen, dass wir zum einen die Impfquote weiter hochhalten. Zum anderen müssen wir weiter darauf achten, nicht zu viele Lockerungen durchzuführen, gerade in den Risikokonstellationen, die wir ja sehr gut kennen: Innenräume, keine Masken, viele Kontakte, und so weiter.

Außerdem sollten wir regelmäßig weiter testen, auch Geimpfte und Genesene. Wir wissen ja, dass sich auch Geimpfte anstecken und das Virus weiter verbreiten können. Wenn wir da komplett die Testung einstellen, verlieren wir auch den Fokus, was in unserem Land an Infektionen passiert. Dann verpassen wir es möglicherweise auch, wenn sich tatsächlich eine impfresistente Variante anfängt zu verbreiten. Wir sollten auf keinen Fall auf der Testseite blind werden. Letztendlich hängt es an jedem von uns, wie sich die Situation entwickelt. Man muss nicht alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord werfen, nur weil wir wieder mehr dürfen, und je mehr Menschen sich impfen lassen, umso mehr Freiheiten werden zeitnah wieder möglich sein.

Das Interview führte Marcel Sommer.

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