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Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Lockerungen nach Stufenplan: Die jüngsten Corona-Beschlüsse der Landesregierung sieht der Virologe Martin Stürmer mit gemischten Gefühlen. Für den Sommer ist er aber vorsichtig optimistisch.

Die dritte Welle scheint überwunden, die Infektionszahlen sinken. Deshalb hat die Landesregierung Öffnungen nach einem Zwei-Stufen-Plan auf den Weg gebracht. Warum er vor allem eine mögliche Öffnung der Innengastronomie kritisch sieht und weiter engmaschige Tests fordert, erläutert der Frankfurter Virologe Martin Stürmer im Interview.

hessenschau.de: Herr Stürmer, die Landesregierung hat sich den Slogan "Hessen bleibt besonnen" auf die Fahnen geschrieben. Wie besonnen sind die am Mittwoch angekündigten Lockerungen aus Ihrer Sicht?

Martin Stürmer: Im Vergleich mit anderen Bundesländern scheinen mir die neuen Regeln schon besonnen. Das Wichtigste ist, dass weiterhin kommuniziert wird, dass das Leben noch nicht normal verlaufen kann, nur weil wir bei der Inzidenz auf unter 100 gefallen sind. Das Virus ist noch da.

Kritisch sehe ich deswegen, dass zum Beispiel die Innengastronomie wieder möglich werden soll. Das muss meiner Meinung nach noch nicht sein. Alles, was draußen stattfindet ist dagegen okay.

hessenschau.de: Sie sind ein Verfechter engmaschiger Teststrategien. Wie bewerten Sie, dass es im Lockerungsplan ab Stufe 2 im Sport oder im Kultur- und Freizeitbereich nur noch Testempfehlungen gibt?

Stürmer: Wir haben ein Virus, das wandelbar ist. Das haben wir gesehen, als die britische Variante B.1.1.7 Deutschland überrollt hat. In England sehen wir gerade, dass sich eine der indischen Varianten ausbreitet, die durchaus als besorgniserregend eingestuft wird. Und diese sehen wir in unseren Datensätzen inzwischen auch. Wenn ich die letzte Woche angucke, dann habe ich diese Variante häufiger gefunden als die südafrikanische.

Wenn wir also jetzt zu leichtsinnig werden, zu viele Risikokontakte in Innenräumen zulassen, kann es passieren, dass sich solche Varianten ausbreiten. Wenn wir dann noch aufhören zu testen - auch, weil immer mehr Menschen geimpft sind - verlieren wir den Überblick.

hessenschau.de: Welche Rolle können Geimpfte im Infektionsgeschehen noch spielen?

Stürmer: Generell können sich auch Geimpfte infizieren, das muss man immer wieder betonen. Sie werden dann nur nicht mehr schwer krank, sondern sind in der Regel sogar symptomfrei. Wer sagt: "Die Leute werden ja nicht schwer krank, also interessiert mich die Infektion nicht", muss sehr vorsichtig sein. Wir lernen erst ganz langsam, was eine Covid-19-Infektion im Körper an Schäden anrichten kann.

Wir müssen also die Infektionszahlen weiter nach unten bringen und noch einiges über das Virus lernen. Ohne Tests verlieren wir genau darüber wichtige Informationen. Wir müssen wahrscheinlich nicht mehr jeden testen, denn das kostet Zeit und Geld, aber wir sollten spezielle Programme auflegen, um Infizierte zu finden. Urlaubsrückkehrer sollten auf jeden Fall getestet werden, um möglicherweise eingeschleppte Mutanten zu finden.

hessenschau.de: Sie warnen immer wieder davor, dass impfresistente Mutanten entstehen können, wenn eine Bevölkerung ungenügend durchgeimpft ist, die Inzidenzen hoch sind und es schon zu viele Kontaktmöglichkeiten gibt. Warum?

Stürmer: Viren mutieren permanent, das ist ein ganz natürlicher Prozess. Immer, wenn sich ein Virus also vermehrt, entstehen Mutanten. Manche Mutanten verschlechtern das Virus, andere sind Verbesserungen, weil sich das Virus besser durchsetzen kann. Wenn in diesem Prozess ein Virus entsteht, das sich bei Geimpften durchsetzen kann, dann wird es das tun. Wenn wir dem Virus also in einer nur teilweise geimpften Bevölkerung viele Vermehrungsmöglichkeiten über Kontakte anbieten, können sich Mutanten durchsetzen - die möglicherweise wieder zu schwereren Krankheitsverläufen führen.

Wir haben eine noch suboptimale Impfquote und eine immer noch hohe Virusvermehrung, was wir an der Inzidenz sehen. Deswegen ist es für mich so wichtig, die Zahlen weiter runter zu bekommen. Wobei wir auf einem guten Weg sind. Ich will ja nicht nur meckern.

hessenschau.de: Wie gefährlich ist die indische Variante, von der wir eben schon sprachen?

Stürmer: Wir sollten erst einmal aufhören, von der einen indischen Variante zu sprechen. Es gibt drei Subvarianten. Zwei davon sind von der britischen Regierung nicht als besorgniserregend eingestuft worden. Von ihnen weiß man, dass sie sich etwas effektiver vermehren können und der Impfstoff möglicherweise nicht ganz so gut wirkt - besorgniserregend sind sie aber nicht.

Die dritte Variante - B.1.617.2 - wiederum breitet sich aktuell in England stark aus. Das ist die, die auch wir inzwischen häufiger finden. Es sieht so aus, als sei sie in der Verbreitung effektiver als die anderen beiden Varianten. Das müssen wir aber genau beobachten.

hessenschau.de: Führt sie auch zu schwereren Verläufen oder warum wurde sie als besorgniserregend eingestuft?

Stürmer: Aktuell verbreitet sie sich in Großbritannien mit einer vergleichbaren Dynamik wie B.1.1.7, auch wenn die absoluten Zahlen noch relativ niedrig sind. Schwerere Krankheitsverläufe sind aktuell nicht mit dieser Variante assoziiert, aber für eine belastbare Einschätzung ist es insgesamt auch noch zu früh.

hessenschau.de: Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Freiheiten von Geimpften und Genesenen? Trotzdem weiter testen?

Stürmer: Auf jeden Fall. Wir werden irgendwann die Infektionsrate so entspannt niedrig haben, dass wir mit Sars-CoV-2 leben können wie mit der Grippe. Soweit sind wir aber noch nicht. Deswegen wäre für mich wichtig, dass sich Geimpfte und Genesene daran halten, was vorgegeben ist. Und wenn sie jetzt wieder mehr Freiheiten haben: Man muss nicht alle Freiheiten nutzen. Ich hoffe, dieser Appell verhallt nicht bei zu vielen nach diesem langen Lockdown.

hessenschau.de: Wobei die Infektionszahlen gesunken sind, ohne dass es - wie von vielen gefordert - einen harten Lockdown gab. Vielleicht spricht das dafür, dass die Menschen besser mitmachen als befürchtet.

Stürmer: Ich glaube, das ist multifaktoriell. Die reine Notbremse wird den Rückgang tatsächlich nicht erklären können. Viele Kreise und Gemeinden haben unabhängig vom Bund vor der Notbremse schon etwas stärker eingeschränkt. Dann kommt die Jahreszeit hinzu, wir machen mehr draußen. Einen Effekt auf noch niedrigem Niveau dürfte trotz allem das Impfen haben.

Und ja, viele Menschen haben die Appelle beispielsweise der Intensivmediziner doch verstanden - und sei es aus Angst, bei einem Notfall selber kein Bett mehr zu bekommen.

hessenschau.de: Wie bewerten Sie es, dass der Abstand zwischen den beiden Astrazeneca-Impfungen jetzt verkürzt werden darf?

Stürmer: Davon halte ich gar nichts. Es gibt ganz klare Studiendaten, die gezeigt haben, dass der Zwölf-Wochen-Abstand der effektivste ist. Ich kann den Hintergrund verstehen: Man will möglichst schnell möglichst viele Menschen doppelt geimpft haben, um sie in ihre Freiheit zu entlassen.

Aber damit erkaufe ich mir, dass bei einem bestimmten Prozentsatz die Impfung nicht wirkt und es doch wieder schwerere Erkrankungen gibt. Das kann es nicht sein, gerade, wenn man nun aufhört zu testen. Der Impfschutz ist einfach noch nicht vollständig.

hessenschau.de: Das wäre auch wichtig für die Kinder, die ja noch nicht geimpft werden können. Erste Daten aus England zeigen, dass es einen gewissen Abschirmeffekt gibt, wenn die Erwachsenen durchgeimpft sind.

Stürmer: Klar, wenn weniger Erwachsene infiziert werden können, wird sich das Virus einen anderen Weg suchen - solange wir sie nicht impfen können, bleibt die Pandemie für die Kinder also gefährlich. Es gibt eine gewisse Abschirmung, aber es ist absolut sinnvoll, so schnell wie möglich auch die Kinder zu impfen.

hessenschau.de: Was für die Unter-Zwölf-Jährigen aber noch nicht in Sicht ist.

Stürmer: Es wird noch dauern, aber ich bin optimistisch. Wir sehen ja, dass es sehr viele Impfstoffe gibt, die schon für die Kleinsten geeignet sind und ihnen in ihrem Leben viel Leid ersparen.

hessenschau.de: Ist auch in Sachen vierte Welle Optimismus angebracht - dass wir nämlich keine erleben werden?

Stürmer: Für den Sommer bin ich vorsichtig optimistisch. Wir dürfen aber nicht leichtsinnig werden. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass sich dieses Virus an keine Regeln hält. Ich kann mich noch so sehr nach Normalität sehnen - dem Virus ist das Wurst. Wenn wir aber vorsichtig bleiben haben wir gute Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-iNFO, 14.05.2020, 7.40 Uhr