Martin Stürmer vor Hecken und Mauer im Freien

Die Omikron-Variante sorgt für neue Rekordzahlen an Corona-Infektionen, zugleich sinkt der Druck auf die Intensivstationen. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer glaubt an eine dauerhafte Wende in der Pandemie - unter bestimmten Umständen.

Am Mittwoch hat Hessen den höchsten Tageswert an Neuinfektionen seit dem Corona-Ausbruch vor rund zwei Jahren vermeldet. Der Werra-Meißner-Kreis fällt als einziger hessischer Kreis noch nicht unter die Hotspot-Regel. Auch bundesweit steigen die Zahlen in bislang unerreichte Höhen. Andererseits liegen immer weniger Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen.

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Frankfurt bei Inzidenz weit vorn

hs
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Im Gespräch mit hessenschau.de sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer, dass er der scheinbar entspannteren Lage in den Krankenhäusern noch nicht ganz traut. Dennoch macht er Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vorkrisen-Normalität in diesem Jahr.

hessenschau.de: Herr Stürmer, in Frankfurt liegt die Inzidenz an Corona-Neuinfektionen seit Montag über 1.000, deutschlandweit weisen nur vier Berliner und zwei norddeutsche Kreise eine höhere Zahl auf. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Martin Stürmer: Diese Entwicklung erklärt sich zum Teil mit der Ausbreitung der Omikron-Variante - wir sehen in unserem Labor inzwischen deutlich über 90 Prozent an Omikron. Die Delta-Variante ist nicht ganz verschwunden, macht aber nur noch einen Anteil im einstelligen Prozentbereich aus.

hessenschau.de: Treibt auch etwas anderes als Omikron die Zahlen in die Höhe?

Martin Stürmer: Dass das Rhein-Main-Gebiet nicht zum ersten Mal in dieser Pandemie ein Vorreiter in Sachen Infektionszahlen ist, ist sicherlich nicht nur variantenbedingt. Es ist leider auch gewissen sprachlichen und kulturellen Barrieren geschuldet, die verhindern, dass wir alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße erreichen. Da gibt es noch viele Mechanismen, die man optimieren kann. Wir müssen weiter daran arbeiten, Gruppen zu erreichen, die bis dato vielleicht noch nicht für Impfungen und Infektionsschutz zugänglich sind.

hessenschau.de: Deutschlandweit erreichen die Infektionszahlen immer neue Rekordhöhen, während gleichzeitig die Zahl an Patientinnen und Patienten in Intensivbetten abnimmt. Ist die aktuelle Situation vielleicht auch ein Hoffnungsschimmer?

Martin Stürmer: Ja, sie ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Die Berichte aus anderen Ländern deuten darauf hin, dass mit der Omikron-Variante eine deutlich geringere Krankenhauseinweisung einhergeht. Aber: Wir haben in Deutschland im Vergleich zu diesen Ländern einen höheren Prozentsatz an Ungeimpften. Das wird die spannende Geschichte sein - wie verhält sich Omikron bei Ungeimpften? Ich habe noch keine Zahlen dazu in der Form wahrgenommen, als dass ich mir ein Urteil erlauben würde.

Und grundsätzlich ist es so: Baut sich eine Infektionswelle auf, zieht die Krankenhausbelegung mit zeitlicher Verzögerung nach. Ich würde also dazu raten, diese Verzögerungen nun vollumfänglich abzuwarten, ehe man in Euphorie ausbricht.

hessenschau.de: Christian Drosten, Chefvirologe an der Berliner Charité, hat gerade in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt, wir seien in einem Prozess, in dem die Bevölkerung eine Herdenimmunität aufbaut. Im Laufe dieses Jahres kämen wir in die endemische Phase, dann könnten wir den pandemischen Zustand für beendet erklären.

Martin Stürmer: Wie gesagt: Ich bin nicht ganz so euphorisch - sehe aber eine große Chance, dass wir im Sommer definitiv zur Normalität zurückkehren können.

hessenschau.de: Wie weit sehen Sie uns bezüglich der Herdenimmunität?

Martin Stürmer: Omikron gewährt uns natürlich die Hoffnung, eine Herdenimmunität zu erreichen, weil die Variante klinisch milder verläuft. Auf der anderen Seite aber ist diese Variante sehr speziell, was ihre Mutation angeht. Sie wirft Fragen auf: Hat eine Omikron-Immunität auch das Potenzial, gegenüber anderen Varianten immun zu sein? Kommt vielleicht die Delta-Variante zurück, wenn wir zu nachlässig beim Impfen werden? Oder kommt eine ganz neue Variante?

Es gibt einfach noch einige Faktoren, die unklar sind. Ich denke aber, dass - wenn wir uns nicht ganz doof anstellen und Delta nicht außer Acht lassen - wir mit einem dann auch angepassten Impfstoff im Sommer zur Normalität zurückkehren können.

hessenschau.de: Und diese dann auch nachhaltig behalten? Oder droht im Herbst oder Winter das gleiche Szenario wie im vergangenen Jahr?

Martin Stürmer: Das steht und fällt damit, wie effektiv die angepasste Impfung vor Infektionen schützt. Ich denke, dass auch Herbst und Winter unter Umständen normal bleiben können.

hessenschau.de: Welche Umstände wären das?

Martin Stürmer: Wir müssen uns absichern, dass im Herbst nicht zu viele Menschen ungeimpft und damit ungeschützt sind.

hessenschau.de: Braucht Deutschland dafür eine Impfpflicht?

Martin Stürmer: Ich bin einer Impfpflicht durchaus nicht abgeneigt - wenn sie zeitlich befristet wird. Dadurch hätten wir die Möglichkeit, dass Herbst und Winter entspannter laufen könnten als zuletzt. Eine Impfpflicht würde verhindern, dass die Mehrheit von Einsichtigen unter der Minderheit von uneinsichtigen Impfgegnern leiden muss.

Ob das rechtlich haltbar ist, müssen Juristen entscheiden. Aber die zeitliche Befristung würde schon mal den Vorwurf entkräften, dass man jetzt eine Impfpflicht für alle Ewigkeiten festlegen will.

Das Interview führte Max Sprick.

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