Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Den Teil-Lockdown wird der Gipfel von Bund und Ländern heute verlängern. Auch wenn zusätzliche Auflagen absehbar sind, hat der Frankfurter Virologe Martin Stürmer die Sorge: Der Corona-Winterfahrplan könnte in eine Sackgasse führen.

Die Zahl der Neuinfektionen ist auch in Hessen weiterhin viel zu hoch. Noch immer droht eine Überlastung der Intensivstationen, noch immer sind die Gesundheitsämter mit einer Nachverfolgung von Infektionsketten überfordert.

Ob zusätzliche Beschränkungen privater Kontakte oder erweiterte Auflagen an Schulen: In einer Video-Schaltkonfererenz beraten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten am Mittwochnachmittag, in welcher Form der Teil-Lockdown Im Dezember weitergeht. Was bisher an Vorschlägen bekannt wurde (hier eine aktuelle Übersicht), nährt beim Frankfurter Virologen Martin Stürmer den Verdacht: Die Beschlüsse gehen am Ende nicht weit genug.

hessenschau.de: Herr Stürmer, das mit dem Wellenbrecher hat nicht so recht funktioniert. Bringt uns die für heute absehbare Verlängerung des Teil-Lockdowns weiter?

Martin Stürmer: Der Teil-Lockdown war bisher kein kompletter Fehlschlag. Den Anstieg der Infektionen hat er ja immerhin gestoppt, aber die Kurve fällt eben nicht. Dafür lassen wir noch zu viele Kontakte zu. Und die Frage ist jetzt eben: Wo haben wir noch zu viele risikobehaftete Kontakte, die wir nicht zulassen sollten?

hessenschau.de: Was die Länder für die entscheidenden Verhandlungen heute vorlegen, könnte aber eher eine homöopathische Nachdosierung werden. Kernstück ist wohl, dass sich demnächst noch fünf statt zehn Menschen aus zwei Haushalten treffen dürfen.

Stürmer: Aus dem privaten Bereich kommt ein nicht unerheblicher Teil des Infektionsgeschehens. Das haben wir ja im Spätsommer am Beispiel von privaten Feiern erfahren. Da fällt es den Menschen eben am schwersten, Masken zu tragen, Distanz zu halten und auf Umarmungen oder Küsschen zu verzichten. Deshalb ist es auch sinnvoll, da weiter auf die Bremse zu treten.

hessenschau.de: Diese Art der Kontaktbeschränkung ist aber aus rechtlichen und praktischen Gründen auch am schlechtesten zu kontrollieren und durchzusetzen.

Stürmer: Es wird einen ganz kleinen Prozentsatz der Bevölkerung geben, der auch dann immer noch macht, was er will. Entscheidend ist, dass sich die anderen an die Regeln halten. Wahrscheinlich kommen wir von der aktuellen Seitwärtsbewegung zu einer Verringerung. Ob der Effekt reicht, um bis zum 20. Dezember bei der angestrebten Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern zu landen, ist natürlich die Frage.

hessenschau.de: Viele Kontakte wären noch in den Schulen einzusparen. In den Landesregierungen, gerade auch der in Hessen, sind aber die Bestrebungen groß, möglichst beim Präsenzunterricht zu bleiben.

Stürmer: Da würde man sich weitere Maßnahmen wünschen, auch Homeschooling oder Wechselunterricht. Wir haben ja längst auch technische Möglichkeiten, die Aerosol-Konzentration durch Luftreinigungsgeräte deutlich zu senken. Da hat man sich auch in Hessen zu lange gesträubt oder war passiv. Auch die häufige Enge in vollen Schulbussen und überhaupt im öffentlichen Nahverkehr müsste endlich entzerrt werden.

hessenschau.de: Das Frankfurter Gesundheitsamt bringt Eltern gegen sich auf, weil sein Chef René Gottschalk sagt: Es gebe keinen Beleg, dass Schulen Treiber der Pandemie sind. Es sei nicht mal bewiesen, dass Aerosole eine wesentliche Rolle bei der Ansteckung spielen.

Stürmer: Ein massives Ausbruchgeschehen an Schulen hat es tatsächlich nicht gegeben. Aber wir wissen, dass Kinder ab 12 Jahren so ansteckend sind wie Erwachsene. Deshalb muss man zumindest bei weiterführenden Schulen eine Verkleinerung der Klassen ins Auge fassen. Über die Aerosole haben wir genügend empirische Studien aus Restaurants und anderen Innenräumen. Sie haben bewiesen, dass Übertragungen über eine Distanz von deutlich mehr als eineinhalb Metern stattfinden. Dafür kommen nur Luftströme infrage. Warum sollte das in Schulen anders sein?

hessenschau.de: Kinder bis 14 zählen bei den geplanten Ausnahmen für Weihnachten und Silvester aber gar nicht mit. Bis zu zehn Erwachsene wollen die Länder bei jeder Feier erlauben. Was halten Sie davon?

Stürmer: Wenn die Infektionszahlen nicht deutlich sinken, ist eine solche Sonderregel hochriskant. Es reichen ja wenige größere Treffen, damit sich das Virus stark verbreiten kann. Und gerade an Weihnachten droht das Virus so verstärkt direkt zu älteren Menschen gebracht zu werden. Und sie haben häufiger einen schweren oder sogar tödlichen Verlauf.

hessenschau.de: Also kein volles Wohnzimmer an Heiligabend bei Stürmers?

Stürmer: Wir werden strenger als vermutlich erlaubt mit uns sein und nicht mit mehr als fünf Personen zusammen sein. Ich hätte bis Anfang Januar keine Ausnahmen gemacht, sondern die Regeln durchgezogen. Vielleicht bauen Bund und Länder wenigstens noch eine Notfallbremse ein: Mit mehr als fünf Personen würde dann nur gefeiert, wenn die Inzidenz-Zahlen bis dahin deutlich gefallen sind. Da als Ziel aber Planbarkeit für die Menschen ausgegeben worden ist, wird das wohl kaum kommen.

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Eine Spätfolge ist noch da

Martin Stürmer leitet ein Labor in Frankfurt und ist Dozent am Institut für medizinische Virologie der Uni Frankfurt. Der 51-Jährige steht hessenschau.de seit Beginn der Pandemie als Experte zur Verfügung. Er spricht auch aus eigener Erfahrung: Stürmer war selbst im Frühjahr infiziert. Trotz eher mildem Verlauf sei die Sache noch nicht komplett ausgestanden: "Der Geschmackssinn ist noch nicht ganz zurück."

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hessenschau.de: Und Lockerungen für Restaurants, Kinos, Bäder - wann halten Sie das für denkbar?

Stürmer: Jedenfalls nicht, so lange wir noch so weit von der 50er-Inzidenz entfernt sind. So bitter das ist. Und selbst wenn die Zahlen sinken, würde man jetzt im Winter nicht im gleichen Maße lockern können wie im Sommer. Sonst hätten wir vermutlich diesen unerwünschten Jo-Jo-Effekt mit Welle 3 und Lockdown 3, Welle 4 und Lockdown 4.

hessenschau.de: Vielleicht können wir uns solche Debatten ja bald sparen. Oder freuen wir uns zu früh auf die angekündigten Impfstoffe von Biontech und Co.?

Stürmer: Die Zwischendaten von drei Impfstoffherstellern sehen tatsächlich gut aus. Aber es ist noch zu früh, jetzt schon endgültig Entwarnung zu geben. Eine flächendeckende Impfung bis zur Herdenimmunität wird ohnehin viele Monate dauern. Und wir wissen derzeit noch nicht, wie lange die Wirkung der Impfstoffe wirklich andauert. Zurzeit reden wir da gesichert erstmal über vier bis sechs Wochen.

hessenschau.de: Das Land hat gerade ein Best-Case-Szenario vorgelegt. Bei einer Zulassung könnte die Massenimpfung Mitte Dezember starten. Dann hätten wir nächsten September Herdenimmunität - und Corona wäre Geschichte, oder?

Stürmer: Corona wird nicht damit verschwinden, dass wir einen halbwegs anhaltend wirkenden Impfstoff haben. Es werden sich auch nach einer Massenimpfung noch Menschen infizieren. SARS-CoV-2 kann und wird wohl auch mutieren, so dass der erste Impfstoff später nur noch teilweise oder gar nicht wirkt. Das wird uns weiter beschäftigen.

hessenschau.de: Aber doch wohl nicht mehr als Pandemie mit so viel Schrecken und Lockdown?

Stürmer: Nein, das nicht. Den Vergleich mit der Grippe scheue ich eigentlich, weil die beiden Viren im Grunde wenig gemeinsam haben. Aber es wird uns mit Corona vermutlich so gehen wie jetzt schon mit der Influenza. Wir werden ein ähnliches Auf- und Abflackern je nach Jahreszeit haben. Auch eine Influenza kann bei einer schweren Welle viele, viele Menschen töten, gerade ältere. Aber mit einem immer wieder angepassten Impfstoff kann man sich auch wirksam schützen.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.