Der Virologe Martin Stürmer im Labor

"Zu früh", urteilt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer mit Blick auf die angekündigten Öffnungen. So mache man es der britischen Virusmutation leicht, sich weiter zu verbreiten. Dennoch habe er Verständnis für die Politik, sagt Stürmer im Interview.

Hessen öffnet Baumärkte, Fitnessstudios und vieles mehr - und das trotz steigender Infektionszahlen. Im Interview unterstreicht der Frankfurter Virologe Martin Stürmer, warum er mit der Strategie der Landesregierung unzufrieden ist - und trotzdem Verständnis für die Politik hat.

hessenschau.de: Herr Stürmer, haben Sie den Stufenplan schon verstanden, der nach den Bund-Länder-Beratungen vorgestellt wurde?

Martin Stürmer: (lacht) Ich habe ihn mir mehrmals durchgeschaut. Ich habe ihn im Detail nicht auswendig parat, aber man will nun in einer relativ komplexen Abstufung inzidenzgesteuerte Lockerungen ermöglichen. Der Plan macht den Alltag nicht einfacher, sondern durchaus etwas komplizierter. Er bietet Perspektiven für einige Wirtschaftsbranchen, aber er birgt auch einige Risiken.

hessenschau.de: Welche Risiken sind das aus Ihrer Sicht?

Stürmer: Da sind zum einen die Lockerungen, die schon angestoßen wurden, bei den Friseuren zum Beispiel. Weitere inzidenzunabhängige Lockerungen kommen ab 8. März dazu. Und das in einer Situation, in der die Zahlen nicht sinken, sondern steigen. Dazu breitet sich die britische Variante in Deutschland weiter aus. Da ist eigentlich jeder zusätzliche Kontakt zwischen den Menschen gefährlich, weil es keine gut etablierten zusätzlichen Strategien zur Absicherung gibt.

hessenschau.de: Welche könnten das sein?

Stürmer: Eine gut laufende Impfkampagne und eine gut etablierte, umfassende Teststrategie.

hessenschau.de: Und dann greift auch erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 eine echte "Notbremse", mit der die Lockerungen zurückgenommen werden.

Stürmer: Und das auch erst, wenn die 100 an drei aufeinander folgenden Tagen erreicht wird. Ich bin froh, dass wir so eine Notbremse haben. Sie ist aber weit entfernt von der 50, die wir ursprünglich als Ziel einer möglichen Nachverfolgung durch die meisten Gesundheitsämter definiert hatten.

Meine Befürchtung ist: Wenn wir erst ab der 100 auf die Bremse treten, können wir das Geschehen ganz schwer wieder unter Kontrolle bringen. Wenn wir dann erst auf den Ist-Zustand von vor den gestrigen Beschlüssen zurückgehen, wird das nicht mehr reichen. Wir werden noch schärfer auf die Bremse treten müssen.

hessenschau.de: Es gibt Berechnungen, nach denen die Intensivstationen auch ohne Öffnungen in einem Monat schon wieder ausgelastet wären. Grund ist die Ausbreitung der britischen Mutation.

Stürmer: Der Ist-Zustand mit den aktuellen Beschränkungen hat dazu geführt, dass die Fallzahlen über lange Zeit gefallen sind. Seit einigen Tagen sehen wir wieder einen Anstieg der Neuinfektionszahlen. Das zeigt, dass die Simulationen Recht behalten. Wir sehen es auch im Labor. Die britische Variante legt deutlich zu, sie hat inzwischen einen Anteil von weit über 50 Prozent. Und wir sehen jetzt schon, dass wir diese Variante mit den bisherigen Maßnahmen nicht in den Griff bekommen.

Wir leisten uns weiterhin den Luxus, dass sich mehrere tausend Menschen am Tag neu infizieren. Es ist noch kein exponentielles Wachstum, aber da baut sich etwas auf. Lockerungen machen es der neuen Variante deutlich leichter.

hessenschau.de: Kann man es überspitzt so formulieren, dass die Politik aufgegeben hat?

Stürmer: Na ja, man muss der Politik in der Form gerecht werden, dass sie eine nahezu unmögliche Aufgabe zu erfüllen hat: Sie muss alle Standpunkte unter einen Hut bringen. Wir haben auf der einen Seite die Standpunkte von uns Wissenschaftlern und Virologen, die in der Mehrheit sagen, wir müssen es so weit wie möglich schaffen, Neuinfektionen zu vermeiden. Bis wir alle Menschen impfen können, bis wir eine vernünftige Teststrategie haben, müssen wir die Kontakte auf ein Minimum reduzieren.

Auf der anderen Seite haben wir den Bedarf und die Notwendigkeit, mehr Kontakte zuzulassen, um der Wirtschaft, den Kindern und anderen nicht noch mehr zu schaden. Das unter einen Hut zu bringen, kann die Politik nur über Kompromisse schaffen. Das ist nicht trivial.

hessenschau.de: Das erinnert an die Debatten um den Klimawandel. Kann man mit der Natur Kompromisse machen?

Stürmer: Klar, auch mit einem Virus kann man eigentlich keine Kompromisse machen. Ich kann aber auch Einzelhändler oder Familien verstehen, die eine Perspektive wollen. Man muss am Ende mit der Konsequenz leben zu sagen: Damit die Wirtschaft nicht komplett den Bach runtergeht, damit die Kinder keinen Schaden nehmen, müssen wir mehr Infektionen in Kauf nehmen, als uns vielleicht lieb ist.

Ich glaube, das ist keine leichte Entscheidung, die ich auch nicht treffen möchte. Ich muss es erst einmal als Virologe beurteilen und da bin ich nicht zufrieden mit dem, was gestern beschlossen wurde. Mir ist das zu früh.

hessenschau.de: Es wird auch immer wieder diskutiert, ob die Inzidenz überhaupt ein guter Messwert ist. Wie sehen Sie das?

Stürmer: Letztendlich ist die Inzidenz ein Wert, an den wir uns gewöhnt haben, mit dem wir gut argumentieren können. Es gibt natürlich andere Parameter, die sehr wichtig sind, die Intensivbettenbelegung zum Beispiel. Aber die sind nachgelagert und versetzen mich nicht in die Lage, das aktuelle Infektionsgeschehen zu beurteilen. Für mich ist weiterhin wichtig, so viele Neuinfektionen wie möglich zu vermeiden, und die Inzidenz ist es eine wichtige Zahl, um das zu beurteilen.

Man kann darüber diskutieren, dass über das vermehrte Testen mehr Fälle gefunden werden und dadurch die Neuinfektionszahl und die Inzidenz automatisch steigen. Aber dafür hätte man die sogenannte Positivenquote, die einen Eindruck vermittelt, wie weit der Anteil an Positivergebnissen im Vergleich zur Zahl der Gesamttests zunimmt. Grundsätzlich würde ich jedoch an der Inzidenz als Parameter nicht viel ändern.

hessenschau.de: Apropos Tests: Welche Rolle können die Gratistests bei der Pandemiebekämpfung spielen, die es ab kommender Woche zum Beispiel in Apotheken gibt?

Stürmer: Natürlich ist das ein guter Ansatz. Wenn ich viel teste, habe ich die Möglichkeit, auch viele asymptomatisch Infizierte rauszufiltern und Infektionsketten zu vermeiden. Gleichzeitig muss man sehr sorgfältig die Verhaltensregeln nach einem negativen Test kommunizieren. Es muss klar sein, dass man sich danach nicht risikohafter verhalten darf. Ein Test ist immer eine Momentaufnahme, die zudem falsch negativ sein kann.

Ganz wichtig ist auch zu kommunizieren, was bei einem positiven Ergebnis zu tun ist. Ein positiver Test darf auf keinen Fall ignoriert werden.

hessenschau.de: Bei einem Test in einer Apotheke sollte ja gegeben sein, dass das Gesundheitsamt informiert wird. Anders sieht es bei den Selbsttests aus, die Ende März kommen sollen.

Stürmer: Da kommt noch mehr zum Tragen, was ich gerade sagte. Es ist eine Risikoabwägung: Was ist der Vor-, was ist der Nachteil der Tests? Der Vorteil ist, dass möglicherweise mehr Infizierte gefunden werden, der Nachteil ist ein möglicherweise leichtfertigeres Verhalten. Die Politik hat sich für den Vorteil entschieden, und dem kann ich zustimmen, wenn die Verhaltensregeln auch bei einem negativen Ergebnis sauber kommuniziert werden.

hessenschau.de: Ihr Kollege Christian Drosten sagte vor kurzem, man müsste beim Thema Impfen eigentlich aus allen Rohren schießen. Das können wir ja mangels Impfstoff nicht. Könnte die Aufweichung der Priorisierungsgruppen helfen, die Impfkampagne schneller zu machen?

Stürmer: Der Astrazeneca-Impfstoff wird schon aus den ursprünglichen Gruppen genommen und zum Beispiel an Arztpraxen, Kita-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter oder Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer verimpft. Das finde ich sehr vernünftig, weil dort die Einhaltung der AHA-Regeln oft nicht möglich ist. Ich würde dann favorisieren, dass die Impfungen in den hausärztlichen Bereich mitwandern. Komplett verlassen würde ich die Priorisierungen aber noch nicht. Das geht erst, wenn wir Impfstoff im Überfluss haben.

hessenschau.de: Sie sprechen die Hausärzte an: Die sollen jetzt miteinbezogen werden. Sie dürften für ältere Menschen besser zu erreichen sein als viele Impfzentren. Gleichzeitig hat die Stiko, also die Ständige Impfkommission, den Astrazeneca-Impfstoff für Über-65-Jährige freigegeben. Damit fallen auch logistische Probleme weg, denn dieser Impfstoff muss nicht tiefgekühlt gelagert werden. Gute Nachrichten also?

Stürmer: Absolut! Der Astrazeneca-Impfstoff ist ja auch nicht so schlecht, wie er gemacht wurde. Astrazeneca hat das Image etwas beschädigt, weil die Studien nicht gut gemacht und präsentiert worden sind.

hessenschau.de: Wo stehen wir also ein Jahr nach dem ersten Lockdown?

Stürmer: Ich sehe im Augenblick eine Situation, die sehr fragil ist. Ich hätte mir gewünscht, dass wir erst einmal die Impflogistik optimieren und ein gutes Konzept für die breite Massenimpfung etablieren. Des Weiteren hätte ich mir gewünscht, dass wir eine vernünftige Teststrategie etablieren. Wir hätten die Voraussetzung schaffen müssen, dass genug Tests da sind, dass ein System geschaffen wird, wie jeder an seinen kostenlosen Test kommt und wer den Test durchführt.

Dann hätte man vielleicht noch ein paar Wochen länger in der jetzigen Situation verharren müssen, aber man hätte die Lockerungen gleichzeitig besser abgesichert. So haben wir den zweiten Schritt vor dem ersten getan.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.