Ein DRK-Helfer führt in einer Teststation einen Corona-Schnelltest an einem Kind durch. Im Vordergrund ist eine Packung mit Antigen-Tests zu sehen.

Die Zahl der Corona-Fälle in Hessen steigt rasch - unter Kindern und Jugendlichen explodiert sie geradezu. Schwere Symptome sind zwar selten. Doch der Virologe Martin Stürmer warnt vor unabsehbaren Folgen durch Long Covid.

Am Dienstag lag die hessenweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Fällen bei 74,8, am Freitag schon bei 103,7. Ein kräftiger Anstieg, wobei sich die Fälle höchst ungleich auf die Altersgruppen verteilen.

Corona trifft immer mehr Menschen jüngeren und mittleren Alters. Die Inzidenz - die Zahl der Fälle innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner - betrug bei den über 80-Jährigen am Freitag 23,3 und bei den 60- bis 79-Jährigen 20,9. Sie lag bei den 35- bis 59-Jährigen mit 86,3 schon deutlich höher und damit näher am Landesmittel.

Stark überdurchschnittlich fielen die Werte bei den 15- bis 34-Jährigen (160,1) und den 5- bis 14-Jährigen (256,5) aus. In der Stadt Offenbach waren die Inzidenzen unter Kindern und Jugendlichen zuletzt bis zu viermal höher als die Gesamt-Inzidenz von gut 150.

Den Frankfurter Virologen Martin Stürmer wundert das nicht: "Die jungen Menschen kamen in der Impfreihenfolge ziemlich weit hinten dran." Kinder und Jugendliche, die über 12 Jahre alt sind, werden erst seit wenigen Wochen geimpft, Jüngere gar nicht.

In der Gruppe der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren liegt die Impfquote in Hessen bei 12,9 Prozent. Unter jungen Leuten könne sich das Virus, zumal in seiner aggressiveren Delta-Variante, leicht ausbreiten, sagt Stürmer.

Kinderarztverband warnt vor erneuten Schulschließungen

Es war das erklärte Ziel, zunächst diejenigen Altersgruppen möglichst durchzuimpfen, die am anfälligsten für schwere Covid-Erkrankungen sind: Menschen ab 60. Die aktuellen Inzidenzwerte deuten darauf hin, dass diese Strategie aufging.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Ein Sprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte sagte der hessenschau, der überdurchschnittliche Anstieg von Infektionsfällen bei Jugendlichen und Kinder erkläre sich auch daraus, dass sie in den Schulen alle paar Tage getestet würden. Bei den allerwenigsten nehme die Krankheit einen besorgniserregenden Verlauf. Ein viel größeres Risiko für die Gesundheit der Kinder wäre es, wenn wegen der hohen Inzidenzen die Schulen wieder geschlossen würden.

"Long-Covid-Folgen könnten sich erst in Jahren zeigen"

Das sei alles richtig, sagt Virologe Stürmer. Der Hinweis auf das deutlich geringere Erkrankungsrisiko greift ihm aber zu kurz. "Wir haben keine Ahnung, was das Virus in den Körpern der Kinder und Jugendlichen anrichtet. Noch ist zu wenig über Long Covid bekannt." Stürmer warnt, dass solche Langzeitfolgen wie Geruchsstörungen oder sogar Organschäden sich erst in fünf oder zehn Jahren bei nun Infizierten zeigen könnten, zunächst milder Verlauf hin oder her.

"Wir setzen die Gesundheit einer ganzen Generation aufs Spiel", findet Stürmer, der zu mehr Vorsorge an den Schulen mahnt. Der Virologe, selbst Chef eines Testlabors, führt die aktuell hohen Zahlen unter Jüngeren zwar überwiegend auf Ansteckungen bei Urlaubsreisen zurück - weil sich bislang zu wenige Erwachsene hätten impfen lassen, um so für die Kinder für eine Art Schutzkokon zu sorgen. Doch auch das Land habe bislang zu wenig getan, um Schülerinnen und Schüler möglichst vor Ansteckungen zu bewahren,

Mehr Geld für Luftfilter an Schulen

Zum einen mangele es nach wie vor an Luftfiltern. Zum anderen wären aus Stürmers Sicht PCR-Lolli-Tests besser geeignet, Ansteckungsherde in Klassen und Schulgemeinschaften zu verhindern, weil sie schon bei geringerer Viruslast anschlügen als die in Hessen verwendeten Antigentests. Diese zeigten erst dann einen positiven Befund, wenn die oder der Betroffene bereits hochansteckend sei.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Das Land teilte am Freitag mit, dass nun zusätzlich zu den im vergangenen Jahr bereitgestellten 100 Millionen Euro und zum Förderprogramm des Bundes weitere 30 Millionen Euro zur Nachrüstung hessischer Schulen mit Luftfiltern zur Verfügung stünden.

Land will keine Lolli-Tests an Schulen

Was den möglichen Einsatz von Lolli-Tests an Schulen wie zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen angeht, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums auf Anfrage: "Das werden wir nicht einführen, weil wir dann immer erst einen Tag später erfahren würden, wer infiziert war." Der Vorteil der Antigen-Tests sei, dass sofort ein Ergebnis vorliege und dass Kinder und Lehrerinnen und Lehrer davon ausgehen könnten, dass in der Klasse nur negativ Getestete sitzen.

Zwar seien die Lolli-Tests zugegebenermaßen empfindlicher und genauer, sagte der Ministeriumssprecher. Doch die neue Generation von Schnelltests sei sensitiver als frühere Typen, außerdem einfacher in der Anwendung. In der Landesregierung bezweifle man auch, dass es in den Laboren überhaupt genügend Kapazitäten zur Auswertung flächendeckender PCR-Tests an Schulen gibt.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen