Hände, bekleidet mit Schutzhandschuhen, halten ein Teströhrchen, welches zum Coronatest genutzt wird.

Wie sicher ist ein Impfstoff? Wie ansteckend sind Kinder? Was hilft Kranken? Vier hessische Expertinnen und Experten kämpfen im Labor und in der Klinik gegen Corona. Hier berichten sie, was sie inzwischen wissen - und was nicht.

Herr Dr. Matt, was wissen wir über Therapie und Spätfolgen?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eine 23-Jährige berichtet von den Spätfolgen ihrer Covid-19-Erkrankung

Virologe Ulrich Matt
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"Die Verläufe einer Corona-Erkrankung kennen wir mittlerweile ganz gut. Wir haben bessere Therapiemöglichkeiten, in dem Sinne, dass wir bei schweren Krankheitsverläufen Corticosteroide - ein auf Cortison basiertes Medikament, das die eigene Immunabwehr unterdrückt - geben. Die Spätfolgen einer Infektion sind für uns dagegen immer noch sehr schwer zu fassen. Allgemein gültige Erkenntnisse oder eine gezielte Therapie für Spätfolgen gibt es bislang nicht.

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Ulrich Matt

Ulrich Matt ist Oberarzt der Infektiologie an der Uniklinik Gießen. Er betreut sowohl Covid- als auch Covid-Nachsorge-Patienten und Patientinnen.

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Wir versuchen darum, jeweils festzustellen, ob es irgendwelche Probleme gibt, die behandlungsbedürftig sind. Meistens ist das nicht der Fall. Aber Patienten, die einen langen Aufenthalt auf der Intensivstation hatten und beamtet wurden, brauchen lange, um sich zu erholen. Das kann ein halbes oder ein ganzes Jahr dauern, je älter die Patienten sind, desto länger.

Wichtig bei Schwererkrankten ist später eine Rehabilitation. Patienten sollten zur Physiotherapie oder Krankengymnastik, um wieder in Schwung zu kommen.  Wir können das auch im Krankenhaus recht gut managen. Die Abläufe sind viel routinierter, als es im Frühjahr der Fall war.  Aber natürlich, wenn die Zahlen hoch sind, dann kommt auch wieder Unruhe auf. Die übrige Krankenversorgung läuft weiter, mehr Personal haben wir aber nicht."

Frau Professorin Ciesek, was wissen wir über die Verbreitung des Virus durch Erwachsene und Kinder?

Virologin Sandra Ciesek

"Es hat sich schon sehr früh in der Pandemie gezeigt, dass auch Menschen, die keine Symptome haben, das Virus sehr effektiv verbreiten können. Diese Erkenntnis passt zu dieser unkontrollierten Verbreitung des Virus. Diese Menschen scheiden auch nicht unbedingt weniger Viren aus als symptomatische Menschen. Das ist der Grund, warum man nicht einfach nur die Kranken isolieren kann. Wenn man nur infektiös würde, wenn man Symptome hätte, wäre es viel leichter, die Kranken zu isolieren und dadurch eine weitere Verbreitung zu verhindern, aber da man bereits vorher schon ansteckend ist, ist das leider nicht möglich.

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Sandra Ciesek

Sandra Ciesek ist Virologie-Professorin an der Frankfurter Goethe-Uni und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Uniklinikum Frankfurt

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Zu den Kindern: Wir wissen, dass sich Menschen aller Altersgruppen infizieren können, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Kinder und Erwachsene können das Virus wiederum auf andere Menschen übertragen. Ob sich Kinder tatsächlich seltener anstecken als Erwachsene und die Infektion bei ihnen nur besonders häufig übersehen wird, ist umstritten. Sehr kleine Kinder, etwa Säuglinge oder Kinder im Kindergartenalter, scheinen aber das Virus seltener auf andere zu übertragen. Das zeigen verschiedene Studien. Ungefähr ab dem Alter von zwölf Jahren sind auch Kinder vermutlich potenziell ebenso ansteckend wie Erwachsene.

Warum das so ist, da gibt es verschiedene Hypothesen, von der Größe des Lungenvolumens, das bei den Kindern geringer ist, über bestimmte Rezeptoren, die seltener auf den Oberflächen, also auf der Zelloberfläche zu finden sind, über eine Kreuzimmunität von anderen Virusinfektion. Aber das ist noch nicht bewiesen und noch nicht ganz klar, was wirklich die Gründe sind."

Herr Dr. Stürmer, was haben wir in den vergangenen Monaten über Corona gelernt?

Der Virologe Martin Stürmer im Labor

"Wir wissen vor allem, dass sich das Virus sehr effektiv über Aerosole verbreitet. Das war im ersten Lockdown in der Form so nicht bekannt. Wir wissen inzwischen auch relativ gut, dass sich das Virus oft über sogenannte Superspreading-Events verbreitet. Ein Superspreader ist jemand, der sehr effektiv, sehr viel Virus verbreitet. Welche Bedingungen dafür vorliegen müssen, warum Person A zum Superspreader wird und Person B nicht, weiß man dagegen noch nicht so genau.

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Martin Stürmer

Martin Stürmer ist Virologe, Uni-Dozent in Frankfurt und leitet ein Privatlabor. In der Anfangsphase der Pandemie war er selbst an Corona erkrankt.

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Was wir noch dazu gelernt haben, betrifft die schwerkranken Patienten: Die Mediziner haben gelernt, wie man schwere Verläufe abmildern kann, dass man prophylaktisch Entzündungshemmer, wie das Dexamethason geben kann, und dass man Blutgerinnungsmittel geben kann, um schwerere Verläufe abzumildern. Das Virus greift im zentralen Nervensystem und im Gehirn an. Bei vielen Menschen geht der Geruchs- und Geschmackssinn während der Infektion komplett verloren und bildet sich dann zum Glück meist wieder zurück. Leider aber oft nicht in voller Stärke wie vor der Infektion.

Viele Betroffene klagen bei den Spätfolgen darüber, dass sie Konzentrationsstörungen haben, dass sie häufiger müde sind und dass ihr Erinnerungsvermögen nicht mehr ganz so ausgeprägt ist. Dann kennen wir viele Berichte, wo es zu Herzmuskelschädigung kommen kann. Die Niere wird betroffen, das Blut, die Blutgerinnung. Über Langzeitschäden kann man noch gar nichts sagen, weil wir das Virus noch nicht entsprechend lange kennen."

Herr Professor Klaus Cichutek, kann der Impfstoff bei dieser schnellen Entwicklung sicher sein?

Klaus Cichutek, Professor für Biochemie an der Goethe-Universität Frankfurt und Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts

"Wir haben von Seiten des Paul-Ehrlich-Instituts Wert darauf gelegt, dass die notwendigen Daten auf jeden Fall erhoben werden müssen, bevor es zu einer Zulassung kommt. Die Beschleunigung haben wir erreicht durch Kombination von Impfstoffprüfungen, die sonst nacheinander in der Klinik durchgeführt werden, aber auch dadurch, dass gewisse präklinische Untersuchungen parallel zu den klinischen Prüfungen liefen.

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Klaus Cichutek

Klaus Cichutek ist außerplanmäßiger Professor für Biochemie an der Goethe-Universität Frankfurt und Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, in Langen.

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Die klinischen Prüfungen der Phase drei werden sicherlich ein, zwei Jahre lang laufen, denn man will auch sehr seltene Nebenwirkungen erfassen, die vielleicht nach längerer Zeit auftreten könnten. Aber ich kann sagen, dass wir aufgrund der großen Anzahl von Probanden, das sind ja über 10.000, im Bereich von 20.000 und 30.000, auf jeden Fall unerwartete Nebenwirkungen erfassen und darauf reagieren würden. Und wir werden selbstverständlich auch bei der Einführung der Impfung Verdachtsfällen von weiteren Nebenwirkungen nachgehen.

Bis jetzt wissen wir von den üblichen vorübergehenden Nebenwirkungen, die nach einem bis drei Tagen abklingen. Es sind Rötungen an der Einstichstelle, sind vielleicht ein Druckschmerz, es könnten Unwohlsein oder auch Kopfschmerz sein oder manchmal leichtes, vorübergehendes Fieber. Diese Nebenwirkung rühren daher, dass sich das Immunsystem mit dem Impfstoff auseinandersetzt und dann eine hoffentlich schützende Immunantwort erzeugt. Erste Daten deuten darauf hin, dass bei akzeptablen und nur vorübergehenden Wirkungen doch zumindest eine sehr gute Immunantwort spezifisch gegen das Sars-Coronavirus 2 erzeugt werden konnte."

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Unser Leben mit Corona

Fakten, Meinungen und Perspektiven zum Leben mit Corona in Hessen: Damit beschäftigt sich am Mittwoch der hr in einem Thementag im Radio, im Fernsehen und im Netz.

Programmtipps

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 11.11.2020, 19.30 Uhr.