Zwei Tagesmütter spazieren mit insgesamt fünf Kindern einen Waldweg entlang. Im Vordergrund zieht eine von ihnen einen hölzernen Bollerwagen.

Auf einen Monatslohn verzichten oder auf den bezahlten Jahresurlaub: Vor dieser Wahl stehen Tageseltern im Vogelsbergkreis. Schuld ist die Corona-Zwangspause in der Kinderbetreuung. Und eine Satzung des Kreises.

Wie genau sie die nächsten vier Wochen verbringen wird, weiß Nadine Kölsch noch nicht. Fest steht, dass sie ihrem Beruf als Tagesmutter in Alsfeld (Vogelsberg) nicht wird nachgehen können. Mit der zweiten Verordnung zur Bekämpfung des Coronavirus hat die Landesregierung nicht nur Schulen und Kindertagesstätten geschlossen, sondern auch Tagespflegepersonen die weitere Betreuung ihrer Schützlinge bis zum 19. April untersagt.

Im Vogelsbergkreis sind davon 52 Selbstständige betroffen. Nadine Kölsch betreut normalerweise drei Kinder. Fünf Euro pro Kind und Stunde beträgt ihre Vergütung. "Auch sonst nicht die Welt", sagt sie. Doch selbst das könnte kommenden Monat wegfallen. Denn der Kreis will Tagesmüttern und -vätern im April nur dann ihr übliches Honorar auszahlen, wenn sie Urlaub nehmen.

Satzung beschränkt Möglichkeiten

In einer Mail, die zu Beginn dieser Woche an alle Tagespflegepersonen im Kreis verschickt wurde und dem hr vorliegt, verweist der Kreis auf seine eigene Tagespflegesatzung. Dort sind unter anderem drei Fälle geregelt, in denen der Kreis trotz nicht erfolgter Kinderbetreuung die freischaffenden Kinderbetreuer weiter entlohnen kann: im Krankheitsfall (bis zu drei Wochen im Jahr), bei Wegbleiben des Kindes (ebenfalls bis zu drei Wochen) und eben während des Urlaubs der Tageseltern (vier Wochen im Jahr).

Im selben Schreiben heißt es, dass die Vergütung für den Monat März durch die Regelung über das Wegbleiben von Kindern geregelt sei. Soll heißen: Für den laufenden Monat erhalten die Tageseltern im Kreis noch das vorgesehene Honorar für ihre Arbeit. Im April hingegen soll die Abrechnung über die Regelung für den Jahresurlaub erfolgen. Wer diesen in Anspruch nehmen will, soll dies bis zum 24. März der Fachstelle Kindertagespflege im Jugendamt mitteilen.

"Erholungsurlaub stelle ich mir irgendwie anders vor", sagt Nadine Kölsch. Für sie und ihre Kolleginnen bedeutet dies, dass sie die Wahl haben, worauf sie verzichten: auf ein Monatsgehalt oder ihren bezahlten Jahresurlaub. Und das obwohl sie den Betreuungsausfall so wenig zu verantworten haben wie alle anderen Kinderbetreuer im Land.

Jugenddezernent hat kein Verständnis für Aufregung

Kölsch und etwa 30 weitere Tagesmütter und -väter aus dem Vogelsbergkreis haben sich daher zusammengeschlossen und einen Protestbrief an den Kreis verfasst. Dort allerdings scheint man den Protest nur bedingt nachvollziehen zu können. "Die derzeitige Aufregung ist nicht zu verstehen", erklärt Jugenddezernent Jens Mischak (CDU). "Den Mitarbeitern des Jugendamtes war daran gelegen, zunächst eine Lösung zu finden, die sich mit der im Vogelsbergkreis geltenden Satzung vereinbaren lässt und die es der Verwaltung überhaupt ermöglicht, den Tagespflegepersonen zunächst weiterhin Geldleistungen zukommen zu lassen".

Mischak betont auch, dass die derzeitige Regelung nicht endgültig sein müsse. Es müsse erst noch entschieden werden, ob der Kreis den Tageseltern Geldleistungen auszahle oder nicht. Davon seien auch freie Mitarbeiter in anderen Bereichen betroffen, so Mischak. Zudem seien die Betreuungsverträge zwischen Eltern und den Tagespflegekräften geschlossen worden. Einige Eltern hätten bereits angekündigt, vorerst nicht mehr zahlen zu wollen.

"Nicht in finanzielle Not geraten lassen"

Beim Sozialministerium in Wiesbaden hält man sich auf hr-Anfrage mit expliziter Kritik am Vogelsbergkreis zurück. Das Ministerium verweist auf die Zuständigkeit der Landkreise und kreisfreien Städte für den Bereich der Kindertagespflege. Gleichzeitig jedoch heißt es in der Stellungnahme, dass Tagespflegepersonen "einen unverzichtbaren und wertvollen Beitrag" in der Kinderbetreuung leisten. "Aus diesem Grund ist es wichtig, Tagesmütter und Tagesväter nicht in finanzielle Not geraten zu lassen, eine Aufgabe, die primär den Jugendämtern zukommt."

Ob auch außerhalb des Vogelsbergkreises Tagespflegepersonen von ähnlichen Regelungen betroffen sind, konnte das Sozialministerium nicht mitteilen. Ein Überblick über sämtliche Satzungsbestimmungen der Jugendhilfeträger in Hessen liege nicht vor.