Auto des Mannes, der in eine Menschenmenge fuhr, am Tatort in Volksmarsen

Seit in Volkmarsen ein Mann mit dem Auto in den Karnevalsumzug fuhr und mehr als 80 Menschen verletzte, steht eine Frage im Raum: Warum? Der Prozess hat Antworten gefunden. Leichter machen die es nur auch nicht.

In Volkmarsen wurde lange gehofft, eine Antwort auf die Frage "Warum?" zu bekommen: Warum fuhr ein Mann mit dem Auto in den Karnevalsumzug? Warum wären fast Menschen gestorben? Warum all die Wunden, die nie richtig heilen werden? Der Prozess hat eine Antwort geliefert. Nur: Sie ist völlig unbefriedigend, brutal und sinnlos.

Aber es gibt eine Antwort: Maurice P. war offenbar voller Groll auf die Welt - er wollte uns alle treffen. Die einzige Ausnahme, die Maurice P. in seinem Leben machte, war die Liebe zum Alkohol und sein geradezu zärtliches Verhältnis zu seinem 200 PS starken Mercedes Kombi. Er machte das Auto zu einem Mordwerkzeug.

Komplett aus der Gesellschaft gefallen

Maurice P. ist komplett aus der Gesellschaft herausgefallen - er lebte isoliert in einer Kapsel zwischen anderen, aber nie mit ihnen. Er hatte keine Kontakte. Nun ist er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Dass es so enden würde, muss ihm schon vorher klar gewesen sein. Er versuchte nicht einmal, vom Tatort zu fliehen.

Die Verletzten, über 80 Menschen, darunter 26 Kinder, hat er willkürlich ausgesucht. Er kannte sie nicht. In der ersten Reihe standen kleine Kinder, die Bonbons fangen wollten. Dort hätte jedes andere Kind auf dieser Welt stehen können. Es hätte Maurice P. wohl nicht interessiert und auch nicht abgehalten.

Weitere Informationen
 Portrait von Sonja Süß. Daneben steht das Wort "Meinung".

Sonja Süß
hessenschau.de

Ende der weiteren Informationen

Er griff nicht Menschen an, die er aus irgendwelchen Gründen nicht mochte, er störte sich an der Menschheit. Und daran, dass es Freude, Spaß und Narrentum gibt. Er wollte möglichst viele treffen und sich dabei keine Mühe machen - in Volkmarsen kamen auch an jenem grauen Februartag 2020 verlässlich Hunderte zum beliebten Karneval.

Vielleicht war sein Schweigen besser so

Maurice P. hat die Frage nach dem Warum nie selbst beantwortet. Er schwieg während des gesamten Prozesses. Vielleicht ist das besser so. Womöglich wären seine Antworten nicht weniger grausam gewesen als seine Tat - denn auch Reue hat er nie gezeigt. Nicht jeder Angeklagte macht die Sache für andere oder sich selbst besser, wenn er den Mund aufmacht. Antworten fand das Gericht auch ohne seine Mithilfe.

Der Vorsitzende Richter sagte in seinem Urteil, aus juristischer Perspektive könne man über das Motiv von Maurice P. nur spekulieren, weil er selbst keine Antwort lieferte. Die Staatsanwaltschaft sah das anders: Maurice P. habe aus "Lebensfrust einen Mordanschlag" begangen. Dass Groll und die eigene Frustration der Grund waren, entspricht dem Bild, das mit jedem Prozesstag deutlicher wurde. Maurice P. habe die Schuld immer bei anderen gesucht, sagte die psychiatrische Gutachterin, sein Ego sei schnell gekränkt gewesen. Aus seinem freudlosen Leben folgerte er offenbar, dass andere auch keine Freude haben sollen.

Der Prozess war auch eine Spurensuche nach dem, was von seinem Leben überhaupt noch übrig war: Er soff, saß stundenlang im Auto, ließ den Motor aufheulen, lief die Straßen hoch und runter, war selbstgerecht und garstig, log, und vor allem war er immer allein. Kein Zeuge hat ihn je in Begleitung gesehen. Maurice P. hatte ein sehr trauriges Leben.

Es ist bezeichnend, dass es Supermarkt-Mitarbeiterinnen waren, die ihn vor der Tat am häufigsten zu Gesicht bekamen. Weil er bei ihnen jeden zweiten Tag Wodka und Zigaretten kaufte. Einer Nachbarin prophezeite er, dass er irgendwann in der Zeitung stehen würde. Das ist ihm leider gelungen.

Jede Empathie kam abhanden

Offenbar sind Maurice P. irgendwann nicht nur Freunde und Familie abhanden gekommen, sondern auch jede Empathie. Das Weinen der Eltern, die von ihren traumatisierten Kindern berichteten und im Gerichtssaal um Worte rangen, beeindruckten ihn nicht. Seine Miene blieb über Stunden teilnahmslos und unbewegt.

Dass Maurice P. schwieg, führte dazu, dass sich der Fokus im Prozess etwas verschob: Die Betroffenen bekamen die meiste Aufmerksamkeit, an vielen Prozesstagen berichteten sie stundenlang vom Grauen. Es ist dem Gericht hoch anzurechnen, dass sie jedem geduldig zuhörten und einfühlsam waren.

Staatsanwalt Tobias Wipplinger sagte in seinem abschließenden Plädoyer, es seien "1.000 Schutzengel" in Volkmarsen gewesen, die verhinderten, dass jemand sein Leben verliert.

1.000 Engel in Volkmarsen

Der Staatsanwalt versuchte angesichts der brutalen Tat irgendetwas Gutes zu finden. Denn, dass es vor allem reiner Zufall war, dass es keine Toten gab, macht es nur noch schwerer erträglich. Auf den Zufall kann und will man sich nicht verlassen müssen.

Unter den verletzten Kindern waren viele, die erst vier oder fünf Jahre alt waren. Niemand kann ihnen je erklären, warum ausgerechnet sie verletzt wurden, außer dass jemand böse war auf die Welt und auch in Kauf genommen hätte, wenn sie tot sind. Mit welchem Bild von Menschen sollen diese Kinder groß werden? Was erzählen sie, wenn sie später jemandem ihre Narben zeigen?

Vielleicht wirklich, dass es tausend Engel gab, die extra für sie zum Karneval flogen. Und irgendwann werden sie leider auch lernen, dass Gewalt furchtbar sinnlos ist. Und Menschen manchmal grausam.

Volkmarsen ist ein starker Ort, man hielt zusammen. Im nächsten Jahr sollte der Karneval eigentlich wieder stattfinden. Wegen Corona wurde der Umzug dann doch abgesagt. Es ist Volkmarsen zu wünschen, dass es in den kommenden Jahren an Karneval wieder viele Bonbons gibt, die Straßen bunt sind, die Musik wieder fröhlich und laut.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen