Stephan Ernst (re.) und Markus H. (li.) 2018 auf einer Demonstration in Chemnitz.

Die beiden Angeklagten im Mordfall Lübcke waren über Jahrzehnte aktive Rechtsextreme. Organisiert, gewalttätig und getrieben vom Hass gegen vermeintlich Fremde, Linke und den Staat. Zwei Karrieren in der hessischen Neonazi-Szene.

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Hass, Straftaten, Schießübungen: Drei Jahrzehnte waren die beiden Angeklagten im Mordfall Lübcke in der hessischen Neonaziszene aktiv. Stephan Ernst wirft die Anklage Mord vor, am Dienstag startete der Prozess vor dem Frankfurter Oberlandesgericht. Sein Hass richtete sich gegen Flüchtlinge, Linke, den Islam, Juden, gegen den Staat und seine Repräsentanten, wie den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU).

In seinem mutmaßlichen Komplizen, dem wegen Beihilfe angeklagten Markus H., fand er einen Freund mit gleicher Gesinnung. Ihre rechtsextremen Karrieren begannen schon in der Jugend.

Die 90er und 2000er Jahre: Gewalt und Kameradschaftsszene

Ernst war 1989 gerade 15 Jahre alt, als er seinen ersten rassistischen Anschlag beging: Er schüttete Benzin in den Flur eines Wohnhauses in Aarbergen-Michelbach (Rheingau-Taunus), in dem viele türkische Bewohner lebten. Drei Jahre später griff er in einer öffentlichen Toilette im Wiesbadener Hauptbahnhof einen Imam mit einem Messer an. 1993 deponierte er eine Rohrbombe in einem Auto zwischen Wohncontainern einer Flüchtlingsunterkunft in Hohenstein (Rheingau-Taunus), die Bewohner konnten das Auto löschen, die Bombe detonierte nicht.

Ernsts frühe Gewalttaten fielen in eine Zeit, in der es in Deutschland einen Rechtsruck gab. Die voller Polemik geführte sogenannte Asyldebatte seit Ende der 80er führte dazu, dass auch etablierte Parteien gegen Geflüchtete wetterten. Die Zahl rechter Gewalttaten stieg. Traurige Höhepunkte waren Anfang der 90er die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda.

Für Ernst hatten seine Taten Konsequenzen: Er landete im Gefängnis. 1995 wurde er wegen des Rohrbomben-Anschlags und dem Angriff auf den Imam zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren verurteilt. Noch in der Untersuchungshaft prügelte er auf einen türkischen Mitgefangenen ein.

Auch Markus H. war zu dieser Zeit schon aktiv, er bewegte sich in den 90ern in Nordhessen im Umfeld der Freiheitlich Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und fiel schon in seiner Jugend bei rechten Gewalttaten auf. Die Kasseler Ortsgruppe der FAP diffamierte und bedrohte politische Gegner. Nach dem Verbot der FAP fanden Ermittler 1996 - auf einer "Antifa-Übersicht" genannten Liste - Daten von rund 200 Personen und Organisationen.

Brüder im rechten Geiste

Auch Ernst schloss sich, kaum aus dem Gefängnis entlassen, der nordhessischen Neonazi-Szene an. Er lebte nun in Kassel, wo er auch in der JVA gesessen hatte. Dort fand er ähnlich gewaltbereite Gesinnungsgenossen aus der NPD und Kameradschaftsszene. Er begann Anti-Antifa-Recherchen: Über mehrere Jahre soll Ernst seit 2001 Personen und mögliche Anschlagsziele in der Region ausspioniert haben. Darunter war auch die Jüdische Gemeinde in Kassel. Eine Sammlung von 60 Dossiers fanden Ermittler nach dem Mord an Lübcke auf einem USB-Stick.

Gleichzeitig nahm Ernst regelmäßig an rechtsextremen Demos in ganz Deutschland teil, 2009 war er bei einem rechten Angriff auf eine DGB-Demo in Dortmund dabei. Dafür kassierte er eine Bewährungsstrafe wegen Landfriedensbruchs und versuchter schwerer Körperverletzung. Auch Markus H. war in Dortmund dabei. Seit den 2000er Jahren war er beim "Freien Widerstand Kassel", hetzte immer wieder online unter dem Pseudonym "Stadtreiniger" und beschäftigte sich mit seinem Waffenfetisch.

Im Jahr 2013 wurden Ernst und Markus H. Arbeitskollegen in einer Kasseler Firma und freundeten sich enger an. Auf dem Betriebsgelände ihres Arbeitgebers wurde nach Ernsts Festnahme in der Erde ein Waffendepot mit fünf Waffen gefunden, die ihm Markus H. vermittelt haben soll.

2015 bis 2019: Hass auf Flüchtlinge und ein Mordversuch

Wieder war es die Zeit eines Rechtsrucks, der sich gegen den Zuzug von hunderttausenden Flüchtlingen aus dem Bürgerkrieg in Syrien und Afrika richtete. Europa schottete seine Außengrenzen ab, Angela Merkel und ihr Satz "Wir schaffen das" wurde zum Feindbild für AfD, Neonazis und auch Kritiker aus den Reihen der Union. Im Jahr 2015 beherrschte erneut das Thema Flüchtlinge die Schlagzeilen.

Die Eröffnung von Erstaufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsheimen war Aufgabe der Kommunen, in Nordhessen musste der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke geeignete Orte finden. In Lohfelden (Kassel) bot sich ein leerstehendes Gartencenter an, das zu einer Unterkunft ausgebaut werden sollte. Darüber informierte Lübcke im Oktober 2015. Im Saal war eine Reihe von Kagida-Aktivisten, dem nordhessischen Ableger von Pegida. Auch Ernst und Markus H. waren anwesend. Danach soll Ernst den Entschluss gefasst haben, Lübcke zu töten, noch weiter angestachelt durch die Ereignisse der Silvesternacht in Köln 2015/2016 und die islamistischen Anschläge in Nizza 2016.

Seine Wut gegen Flüchtlinge war so groß, dass er am Abend des 6. Januar 2016 draußen unterwegs war, um Ausländer "anzublaffen", wie er nach Informationen des Spiegel Ermittlern erzählte. An diesem Abend - so sieht es die Bundesanwaltschaft - soll Ernst dem irakischen Flüchtling Ahmed I. ein Messer in den Rücken gerammt haben. Im Frankfurter Prozess ist Ernst wegen versuchten Mordes angeklagt.

Schießtraining - und ein tödlicher Schuss

Ab 2016 soll Ernst unter Anleitung von Markus H. laut Anklage im Schützenverein und im Wald mit scharfen Waffen geschossen haben. Markus H. soll zumindest gewusst haben, dass sein Freund "aus seiner rechtsextremistischen Weltanschauung heraus einen politischen Entscheidungsträger töten würde". 2018 begann Ernst nach Recherchen des NDR für die hessische AfD zu plakatieren und ging offenbar auch zu AfD-Veranstaltungen, er spendete der Partei auch Geld. Die Partei profilierte sich wiederholt mit Kampagnen gegen "kriminelle Ausländer". Ernst und Markus H. fuhren im gleichen Jahr nach Chemnitz zu einer Demonstration von AfD und Pegida, die - wie andere zuvor - mit Hetzjagden auf Flüchtlinge endete.

Schon 2017 soll Stephan Ernst Lübckes Haus ausspioniert haben, bis er am 1. Juni 2019 eine Gelegenheit fand: Lübcke saß auf seiner Terrasse und suchte online nach Urlaubszielen. Im Schutz der Dunkelheit soll Ernst sich angeschlichen und den tödlichen Schuss abgegeben haben.

Zwei Wochen nach dem Tod von Lübcke wurde Ernst festgenommen, auf der Kleidung des Toten war seine DNA gefunden worden. Wenig später verpfiff Ernst seinen Kameraden. Bei Markus H. fanden die Ermittler ein Waffenarsenal. Nach Informationen von NDR und Zeit Online wurden drei Pistolen, fünf Gewehre, Handgranatenattrappen und mehr als 5.000 Patronen sichergestellt. Fast alles besaß Markus H. legal. Er hatte sich 2015 einen Waffenberechtigungsschein bei der Stadt Kassel erstritten. Der Verfassungsschutz hatte es zuvor versäumt, der zuständigen Waffenbehörde Informationen über seine Aktivitäten in der rechten Szene weiterzugeben. Gegenüber dem NDR gestand der Präsident des Verfassungsschutzes kürzlich die Panne ein.

Wo waren die Sicherheitsbehörden?

Es könnte nicht die letzte Panne dieser Art sein: Offiziell war Ernst bei den Behörden bis 2009 auf dem Schirm, danach sei er "abgekühlt", hieß es nach der Festnahme. Dass das nicht stimmen kann, ist ein Jahr nach dem Tod von Walter Lübcke deutlich. In einer Geheimakte von 2009 wurde Ernst noch als "brandgefährlich" bezeichnet, 2010 wurde er wegen der DGB-Demo verurteilt. Noch 2013 tauchte sein Name elf Mal in einem Geheimbericht zur hessischen Neonazi-Szene auf. Der Verfassungsschutz musste mittlerweile einräumen, dass es ein Foto von Ernst bei einer rechten Sonnenwendfeier im Jahr 2011 gibt.

Die Frage, was die Sicherheitsbehörden über Ernst und Markus H. wussten - oder hätten wissen können - wird im Untersuchungsausschuss des Landtages eine Rolle spielen, der zeitnah starten soll.