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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kita-Notbetreuung in Städten stark nachgefragt

Kindergartenkinder stehen in einer Reihe eng zusammen

Die Notbetreuung in den Kitas wird immer voller und fordert Städte, Erzieher und Eltern heraus. Gleichzeitig hoffen noch weitaus mehr Familien auf Entlastung. Manche helfen sich inzwischen gegenseitig. Erlaubt ist das eigentlich nicht.

Morgens halb neun in Marburg. Auf dem Weg zum Kindergarten laufen mehrere Familien hintereinander zur Eingangstür und geben bei einer Erzieherin mit Atemschutzmaske ihre Kinder ab. Das ist hier ein neues Bild. 16 Kinder seien inzwischen in der Notbetreuung, erzählt die Leiterin der Einrichtung – vor zwei Wochen seien oft nur zwei oder drei dagewesen. Die Kita habe damit ihre Maximalauslastung erreicht.

Wenn sich jetzt noch mehr Familien mit Anspruch auf Notbetreuung melden würden, müssten die Kinder leider in einer anderen Einrichtung betreut werden, sagt die Erzieherin. Weil mehrere Erzieherinnen in die Risikogruppen fielen, könne man dann noch nicht mal Kolleginnen mit an einen anderen Standort schicken. Das Team sei ohnehin schon dezimiert.

Kindergarten-Chefin: "Infektionsschutz ist nicht zu gewährleisten"

Die Einrichtungsleiterin sagt außerdem: "Der Infektionsschutz ist momentan überhaupt nicht zu gewährleisten." Händewaschen, Desinfektion – das sei alles kein Problem. "Aber es ist überhaupt nicht möglich, die Nähe zu den Kindern zu begrenzen." Deshalb frage man sich im Kollegium auch, ob der Mundschutz überhaupt Sinn habe.

Bisher war die Betreuung in Fünfergruppen in vielen Einrichtungen kein Problem, manche berichteten auch immer noch, es gebe so gut wie gar keine Nachfrage. Aber seitdem die anspruchsberechtigten Berufsgruppen schrittweise erweitert wurden und etwa Alleinerziehende und Lehrer ein Recht auf Notbetreuung haben, hat sich die Lage besonders in den Städten verschärft.

Auf hr-Anfrage berichten etwa Kassel, Frankfurt und Gießen, dass die Anfrage nach Kita-Notbetreuung in kurzer Zeit stark gestiegen seien. In Darmstadt habe sich die Zahl innerhalb des letzten Monats verdreifacht. Bisher sagen die Städte: Man könne noch mit den Anfragen umgehen.

Nachfrage in Marburg besonders hoch

Die geburtenstarke, junge Stadt Marburg ist besonders herausgefordert: Hier gehören die Uniklinik und die Pharmaindustrie zu den größten Arbeitgebern. "Wir sind hessenweit deutlich an der Spitze in der Inanspruchnahme der Notbetreuung", erklärt die Jugendamtsleitern Stefanie Lamprecht. Rund zwanzig Prozent der Familien hätten hier inzwischen Anspruch auf Notbetreuung.

Die hohe Nachfrage führe bereits jetzt dazu, dass Gruppen auf acht Kinder erweitert werden oder in andere Gebäude ausweichen müssen. "Perspektivisch gehen wir aber davon aus, dass wir Kinder in anderen Einrichtungen betreuen müssen - und auch von anderem Personal", so Lamprecht.

Mutter: "Um Platz betteln"

Die hohe Auslastung bekommen auch die Marburger Eltern zu spüren. Die Mutter Isabell P. berichtet etwa, dass sie für ihren fünfjährigen Sohn wochenlang keinen Platz bekommen habe, obwohl ihr Mann als Krankenpfleger in einem systemrelevanten Beruf arbeite. Der Grund: Die Kita hätte für den Fünfjährigen eine eigene Gruppe an einem neuen Standort aufmachen müssen.

"Mir wurde gesagt, dass ich meinen Sohn doch mit zur Arbeit in der Schule nehmen könnte." Isabell P. muss als Lehrerin regelmäßig in der Schule präsent sein. Das gehe vielleicht mal übergangsweise, aber dauerhaft könne sie ihr Kind dorthin nicht mitnehmen, sagt sie. Seit dieser Woche habe die Familie zwar einen Platz – aber nur für zwei Tage und auch das reiche nicht für ihre Präsenzzeiten. Deshalb musste der Fünfjährige diese Woche wieder mit zur Arbeit. "Langsam reicht es mir", sagt Isabell. "Ich habe das Gefühl, regelrecht um einen Platz betteln zu müssen."

Keine Notbetreuung bei Partner im Homeoffice?

Zwei andere Mütter in systemrelevanten Berufen berichten ähnliches: Weil ihr Partner im Homeoffice arbeitete, beziehungsweise sich zu Hause auf eine Abschlussprüfung vorbereitete, habe man ihren Anspruch zuerst nicht anerkennen wollen. "Es hieß: Dann ist ja eine Betreuung zu Hause möglich," erzählt eine Mutter. Laut Kita komme diese Einschränkung vom Marburger Jugendamt.

Mit den Vorgaben des Landes deckt sich das jedoch nicht. Auf Anfrage teilte das Sozialministerium mit: "Wenn Eltern einer Berufs- oder Bedarfsgruppe angehören, haben sie Zugang zur Notkinderbetreuung." Weitere Voraussetzungen gebe es nicht. Einrichtungen oder Jugendämter dürften demnach keine eigenen Beschränkungen vornehmen.

Ob es sich in den Fällen um Missverständnisse handelt, ließ sich nicht eindeutig klären. Das Marburger Jugendamt wollte sich zu Einzelfällen nicht äußern, betonte aber: Grundsätzlich hätten systemrelevante Berufsgruppen ein Recht auf Notbetreuung. Aber aufgrund der hohen Nachfrage werde in Marburg tatsächlich in jedem Fall sehr genau geprüft und nachgefragt, ob es wirklich keine andere Lösung gibt. Bei Problemen könnten sich Betroffene direkt an das Jugendamt wenden.

Trotz Kontaktbeschränkungen: Eltern organisieren eigene Betreuung

Während sich die Einrichtungen weiter füllen, hoffen auch die anderen Eltern in Hessen, dass ihre Kinder bald wieder in die Kita dürfen. Die Rufe nach Entlastung wird immer lauter. Und etwas leiser berichten manche Familien inzwischen, dass sie sich nun doch mit anderen zusammentun und sich quasi ihre eigene Betreuung organisieren. Zwei Marburger Mütter erzählen etwa, dass sie sich nach wochenlanger Isolation nun gegenseitig mit der Kinderbetreuung unterstützen.

Ihre Familie sei inzwischen an der Belastungsgrenze angekommen, berichtet eine der Frauen. Ihr gehe es dabei vor allem um die Kinder: "Die brauchen ganz dringend Spielkameraden und mehr Platz." Sie wohne mit drei Kindern unter sechs Jahren in einer Dreizimmerwohnung. Die andere Familie habe einen großen Garten. "Wir versuchen, das möglichst verantwortungsvoll zu machen und halten unseren Kontaktkreis darüber hinaus weiterhin ganz eng."

Politik hat gemischte Gefühle über Nachbarschaftsbetreuung

In Berlin ist eine solche "Nachbarschaftliche Betreuungshilfe" für bis zu drei Kinder seit Kurzem auch offiziell erlaubt. In Hessen stoßen solche Arrangements auf gemischte Gefühle. Im zuständigen Sozialministerium sieht man sie "aus infektiologischer Sicht nicht unkritisch und mit Blick auf das Kontaktverbot derzeit nicht erwünscht."

Die Jugenddezernentin der Stadt Gießen Gerda Weigel-Greilich (Grüne) nennt den Vorstoß dagegen "sehr bedenkenswert" und findet, er gehe in die richtige Richtung. Auch die Marburger Jugenddezernentin Kerstin Dinnebier (SPD) äußert sich verständnisvoll angesichts der großen Belastung vieler Familien: "Es entspricht der Lebensrealität, dass sich Familien selbst organisieren, das liegt auf der Hand." Es sei klar, dass Kinder andere Kinder brauchen. "Doch das sind bundes- und landespolitische Entscheidungen."

Die Darmstädter Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) äußerte sich angesichts des Ansteckungsrisikos skeptischer. Auch sie betonte jedoch: Es müsse schnellstmöglich Klarheit darüber geschaffen werden, "wie wir mit der Öffnung der Kinderbetreuung voranschreiten können." Dem müsse man Priorität einräumen – vor vielen anderen Maßnahmen.