Leere Sitze in der Coronazeit bei den Darmstädter Lilien

In Krisenzeiten auf Jobsuche zu sein ist eine doppelte Herausforderung. Denn mehr Bewerber kommen auf weniger Stellen. Silke K. berichtet, wie es derzeit bei ihr läuft.

Silke K. liebt Fußball. "Das ist mein Leben." Ihre Leidenschaft hat die 30-Jährige aus Frankfurt zum Beruf gemacht: Seit rund neun Jahren arbeitet Silke K. im Bereich Merchandising und Ticketing, war bei einem Regional- und einem Zweitligisten. Sie ist Kommunikationsprofi, hat Journalismus studiert. Doch in der Corona-Krise bleiben die Stadien leer, die Shops mit den Fantrikots, Schals und Postern wurden zwischenzeitlich geschlossen - und K. verlor ihren Job.

"Es ist kein tolles Gefühl, aber ich versuche viel Eigeninitiative zu zeigen. Ich schreibe Bewerbungen, lasse mich zum Thema gute Anschreiben und Lebenslauf beraten, und überlege, ob ich eine Weiterbildung von der Arbeitsagentur machen soll", schildert die 30-Jährige, die ihren ganzen Namen lieber nicht in den Medien lesen will.

Zahl der Arbeitssuchenden erhöht sich um 33,4 Prozent

In der Krise auf Jobsuche - damit ist Silke K. kein Einzelfall. Allein im Juli waren in Hessen laut der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit 204.241 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet und somit 51.097 Menschen mehr als vor einem Jahr. Das entspricht einem Zuwachs von 33,4 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.

Dabei hätte es für K. in der Coronazeit auch anders ausgehen können. Normalerweise wäre sie wie die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen in Kurzarbeit gekommen - "Nur habe ich dummerweise nach acht Jahren bei meinem alten Arbeitgeber im letzten Jahr gekündigt, weil ich mal einen Tapetenwechsel haben wollte." Im neuen Job ist sie noch in der Probezeit, als im März der Quasi-Lockdown kommt. Ihr wird gekündigt. "Das ist sehr blöd gelaufen für mich", sagt K.

"Einfach ist das gerade nicht"

Seit März schreibe sie Bewerbungen. "Wirklich einfach ist das gerade nicht", sagt die Frankfurterin. Sie habe sich schon auf verschiedenste Positionen vor allem im Kommunikationsbereich beworben. In dem Feld hat sie ihren Studienabschluss und auch zweijährige Erfahrung als Medienbeauftragte bei einem der Regionalligisten gesammelt. "Nur im Fußball, der Branche, in der ich am meiste Erfahrung habe, da kriselt es eben."  

In Krisenzeit auf Arbeitssuche zu sein, das macht es für Jobsuchende schwerer: "Es gibt weniger offene Stellen als in normalen Zeiten und zugleich einen stärkeren Wettbewerb um die freien Positionen, weil mehr Menschen darum konkurrieren", sagt Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das zeigen auch die Daten der Regionaldirektion Hessen. Dort sank die Zahl der offenen Stellen auf 38.186, das ist rund ein Drittel weniger als im Vorjahr. Zudem würde jede vierte von zehn gemeldeten Stellen wieder storniert.

Außerdem gilt: Wenn Unternehmen Kurzarbeit anzeigen, gilt für die betroffenen Abteilungen bis zum Ende der Kurzarbeitergeldphase ein Einstellungsstopp.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Software-Entwickler Andreas: Gekündigt in der Krise

Arbeitsagentur
Ende des Audiobeitrags

Jobverlust in der Krise besonders hart

Die Effekte von Arbeitslosigkeit können hingegen langfristig sein: "Empirisch wissen wir von einer signifikant negativen Auswirkung auf das weitere Einkommen im Berufsleben", sagt der Wirtschaftsexperte Kritikos. Quantifizieren könne er das für den deutschen Arbeitsmarkt aber nicht. Für den amerikanischen Arbeitsmarkt zitierte das Wallstreet Journal unlängst eine Studie, die angibt, dass Personen, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit den Job verloren, doppelt so hohe Einkommensverluste durch die Arbeitslosigkeit hinnehmen müssten, wie Personen, die zu anderen Zeiten arbeitslos wurden.

Ausländer, Jugendliche und Akademiker "am stärksten betroffene Gruppen"

Und obwohl Akademiker wie Silke K. generell seltener arbeitslos sind als Menschen ohne akademischen Abschluss, finden auch sie sich unter den Gruppen, die derzeit besonders oft bei der Bundesagentur für Arbeit anklopfen. Auf Anfrage teilt die hessischer Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit hessenschau.de mit, dass im Juli "im Vergleich zum Vorjahr vor allem Ausländer, Jugendliche sowie Menschen mit akademischem Abschluss und Expertenkenntnissen die von der Corona-Krise wohl am stärksten betroffenen Personengruppen sind."

Allerdings: Nach einigen Lockerungen bezogen auf Corona hat sich die wirtschaftliche Lage im Juli etwas verbessert. Frank Martin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen, geht dennoch davon aus, dass die Zahl der Erwerbslosen insgesamt weiter ansteigen könne: "Auch wenn der Anstieg der Arbeitslosigkeit erheblich ist, zeigen die ungleich höheren Zahlen in der Kurzarbeit, wie groß das Risiko für die Folgemonate noch ist", sagte Martin hessenschau.de. "Das Ausmaß wird in erster Linie davon abhängen, in welcher Geschwindigkeit sich die wirtschaftliche Lage wieder normalisiert."

Negativen Effekte wohl tiefgreifender und längerfristiger

Der Ausblick für die Wirtschaft, so Kritikos, sei derzeit deutlich düsterer als zu Zeiten der Finanzkrise 2009. "Damals hat Deutschland nur einen recht kurzen Einbruch zu verzeichnen gehabt. Schon im Jahr danach war diese wirtschaftliche Delle quasi wieder aufgeholt." In der Coronakrise sei dagegen zu erwarten, dass die negativen Effekte tiefgreifender und längerfristiger wirkten. "Wir beobachten, dass schon jetzt Jobs abgebaut werden." In der Finanzkrise habe die Kurzarbeit im Gegensatz zur aktuellen Krise verhindert, dass Menschen überhaupt in Arbeitslosigkeit rutschten.

Silke K. schreibt weiter Bewerbungen. "Ich bin motiviert, informiere mich, höre mich um." Und auch, wenn sie sich derzeit außerhalb des Fußballs umsieht, langfristig hofft sie wieder etwas im Bereich des Fußballs zu finden. "In dieser Branche zu arbeiten, das macht schon richtig Spaß."

Sendung: hr 1, 21.07.2020, 5.00 Uhr