Leere Kirche

Ob katholisch oder evangelisch: Die ohnehin schrumpfenden Kirchen haben vergangenes Jahr in Hessen noch mehr Mitglieder verloren als zuvor. Limburgs Bischof Bätzing spricht von einer "Erosion".

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kirchenaustritte in Deutschland um ein Viertel gestiegen

Kirchenaustritt
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Die beiden großen christlichen Kirchen haben 2019 bundesweit und auch in Hessen deutlich mehr Mitglieder verloren als in den vorangegangenen Jahren. Das zeigen die am Freitag veröffentlichten Kirchenmitgliedszahlen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Rund 48.000 Protestanten und Katholiken haben demnach im Vorjahr in Hessen ihre Kirche verlassen. Die katholischen Bistümer verzeichneten rund 19.000 Austritte, die evangelischen Landeskirchen etwa 29.000 Austritte,

"Erosion persönlicher Kirchenbindung"

Bei den Katholiken stieg die Zahl der Austritte in Hessen im vergangenen Jahr auf genau 19.335 an. Im Jahr 2018 waren es noch 16.388 gewesen, wie die DBK in Bonn mitteilte. In ganz Hessen sind aktuell 1,36 Millionen Katholiken registriert.

Der DBK-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing (Limburg), sprach von einer "Erosion persönlicher Kirchenbindung". Eine Vielzahl von Menschen lasse sich nicht mehr für das kirchliche Leben motivieren. Die hohe Zahl der Kirchenaustritte empfinde er als "besonders belastend".

Entfremdung und Skandale

Deutschlandweit liegt die Zahl der Austritte bei den Katholiken sogar auf einem Allzeithoch, wie die DBK berichtete. Es gingen im vergangenen Jahr 272.771 Menschen - ein Anstieg von 26,2 Prozent (2018: 216.078). Der Verlust für die katholische Kirche stellt sich in den drei hessischen Bistümern wie folgt dar: Im Bistum Mainz, das sich auch über Teile Hessens erstreckt, stiegen die Austritte von 8.431 im Vorjahr auf 9.936, im Bistum Limburg von 7.791 auf 9.439 und im Bistum Fulda von 3.196 auf 3.725.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf nannte mehrere Gründe für die Austritte. Viele Mitglieder hätten sich über Jahre von der Kirche entfremdet. Aber auch Skandale wie der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie der Ärger über die Position der Kirche bei Themen wie Frauenordination, Homosexualität oder Zölibat hätten viele zum Austritt bewogen.

Negativtrend auch bei der evangelischen Kirche

Auch in der evangelischen Kirche beschleunigte sich der Negativ-Trend. Auf Basis der gemeldeten vorläufigen Zahlen sind im Jahr 2019 in Deutschland mit etwa 270.000 Menschen rund 22 Prozent mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als noch im Vorjahr, teilte die EKD mit.

Im Jahr 2019 verzeichnete die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck mit Sitz in Kassel 8.265 Austritte, 2018 waren es noch 6.843. Dies ist den Angaben zufolge ein Rekordwert. Alles in allem - auch zuzüglich der Bestattungen und Umzüge - sank die Zahl der Mitglieder im Jahr um 2,1 Prozent auf 783.980 Menschen.

"Abkehr von großen Institutionen"

Die in Darmstadt ansässige Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) registrierte im vergangenen Jahr 21.071 Austritte. Im Jahr 2018 waren es 18.404. Damit fällt die größte Religionsgemeinschaft der Region unter die Marke von 1,5 Millionen Mitgliedern - aktuell zählt sie 1,483 Millionen Mitglieder.

Für EKHN-Präsident Volker Jung liegen die Gründe für die Steigerung der Austritte in der "zunehmenden Abkehr von großen Institutionen und deren Bindungskraft". Zugleich sieht er die evangelische und die katholische Kirche derzeit medial und in gesellschaftlichen Debatten großem Druck ausgesetzt. Als Beispiel führte er die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt auf, die im zurückliegenden Jahr oft die Schlagzeilen beherrschten und in allen Kirchen die Glaubwürdigkeit angetastet habe.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, erklärte, jeder einzelne Austritt schmerze. Die EKD kündigte an, die erhöhten Austrittszahlen vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD untersuchen lassen zu wollen.

Weitere Informationen

Taufen und Wiedereintritte deutschlandweit

Die Zahl der Austritte und Todesfälle lässt sich den Angaben zufolge nicht durch Taufen oder Wiedereintritte kompensieren. Doch während die deutschlandweite Zahl der Taufen (160.000) und Aufnahmen (25.000) sich bei den Protestanten in etwa auf dem Vorjahresniveau bewegte, sank beides bei den Katholiken im Vergleich zu 2018 deutlich. Die Katholiken zählten 2019 rund 159.000 Taufen, 2018 waren es noch mehr als 167.700 gewesen. Auch die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen sank um rund zwölf Prozent auf insgesamt 7.669.

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Sendung: hr-iNFO, 26.06.2020, 15.12 Uhr