Von Impfstoff-Knappheit kann in Hessen keine Rede mehr sein: Im Kühllager des Landes stapeln sich über 120.000 Impfdosen von AstraZeneca. Die sollen jetzt schnell verimpft werden. Nur: Nicht jeder will den Stoff.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verfügbar, aber nicht beliebt: Der Impfstoff von AstraZeneca

Ampulle und Spritze mit AstraZeneca-Impfstoff
Ende des Audiobeitrags

So schnell kann es gehen. Wurde bis vor kurzem häufig über Impfstoffmangel geklagt, stellt sich jetzt eher die Frage: Wie bringen wir den vielen Impfstoff möglichst schnell an die Frau und an den Mann? 120.000 Impfdosen liegen derzeit bereit.

Ein Problem ist das, weil es um den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca geht, der in Deutschland für Menschen über 65 nicht empfohlen wird. Und in Studien war er nicht ganz so wirksam wie die Präparate der anderen Hersteller Biontech und Moderna - das führt zu Vorbehalten.

AstraZeneca offenbar nicht sehr begehrt

So berichten der Main-Taunus-Kreis und der Landkreis Bergstraße, manche Rettungskräfte und Pflegerinnen und Pfleger hätten den britischen Impfstoff AstraZeneca abgelehnt. Auch in der "Taskforce Impfkoordination" des Hessischen Innenministeriums ist das Problem bekannt. Ein Sprecher des Main-Taunus-Kreises fordert deshalb Wahlfreiheit. "Wir halten eine Änderung der Impfverordnung für notwendig: Personen sollten wählen können, welchen Impfstoff sie erhalten."

Also Impfen nach dem Prinzip "Wünsch Dir was" in Hessen? Schließlich hat das Land theoretisch drei verschiedene Produkte zu Auswahl: neben AstraZeneca den Impfstoff von Biontech/Pfizer, der bisher mehrheitlich eingesetzt wurde, und ein Präparat vom US-Hersteller Moderna, von dem es allerdings nicht so viel gibt. Diese Stoffe zeigten in klinischen Studien eine Wirksamkeit von über 90 Prozent. Oder darf es doch AstraZeneca sein? Allerdings konnte dieser Stoff in der Zulassungsstudie nur bei 70 Prozent der Probanden eine Covid-Infektion verhindern.

Hessen: Impfstoff kann nicht frei gewählt werden

Die Impfverordnung der Bundesregierung lässt auf den ersten Blick zwar Spielraum für Begehrlichkeiten. Dort heißt es: Wenn Impfstoffe nur für Unter-65-Jährige empfohlen sind, dann "sollen diese Personen vorrangig mit diesen Impfstoffen versorgt werden". Das Land Hessen interpretiert diesen Text aber als klare Vorgabe, wie ein Sprecher des Innenministeriums auf hr-Anfrage betont. Jüngere müssten derzeit mit AstraZeneca vorliebnehmen, denn die beiden anderen Stoffe seien immer noch knapp und würden für Senioren gebraucht.

Jüngere Impfgruppen werden vorgezogen

Um den AstraZeneca-Bestand schnell zu verimpfen, zieht das Land Gruppen vor, die eigentlich noch gar nicht an der Reihe wären. Alle Ärztinnen und Ärzte in Hessen und medizinisches Personal sollen sich an den beiden kommenden Wochenenden mit AstraZeneca impfen lassen können, insgesamt rund 80.000 Menschen. Vorausgesetzt, sie sind nicht älter als 64 Jahre.

Frank Dastych, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, tritt schon mal möglichen Einwänden seiner Standeskolleginnen und -kollegen entgegen und betont, "dass es sich bei AstraZeneca um einen hochwirksamen Impfstoff handelt". Genau das versichern Gesundheitspolitiker in Deutschland im Moment gebetsmühlenartig: 70 Prozent Wirksamkeit bedeuteten nicht, dass 30 Prozent der Geimpften an Covid erkrankten. Selbst bei einer Infektion könne die Impfung Schutz bieten, ein schwerer Verlauf sei dadurch unwahrscheinlicher.

Sendung: hr1, 22.02.2021, 13.39 Uhr