Fastnacht ist Verkleidungszeit. Viele Vereine, die bei Umzügen früher auch mal als Schwarze verkleidet mitmarschiert sind, haben diese Praxis aufgegeben. Aber wie sieht es mit einem Indianerkostüm aus? Ist das in Ordnung oder eher problematisch? Eine Expertin klärt auf.

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zum Video So machten sich Weiße über Schwarze lustig

Eine Karnevalsfigur verzichtet nach Rassimus-Vorwürfen auf Blackfacing, links: 2012, rechts 2017
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Der "Mohr von Biedenkopf" hat alle sieben Jahre beim Grenzgang seinen großen Auftritt. Auch in Fulda hatte eine schwarz geschminke Figur beim Rosenmontagsumzug jahrelang ihren festen Platz, bis die Proteste immer lauter wurden. Seit 2018 läuft der "Ureinwohner des Südend" ungeschminkt mit - dem Spaß tut das keinen Abbruch.

Wenn Weiße sich als Schwarze schminken, nennt man das Blackfacing. Eine Praxis, die umstritten ist und kritisiert wird. Doch wenn Kinder beim Schulfasching sich nicht mehr als Indianer verkleiden sollen, ist das nicht übertrieben?

Saba-Nur Cheema, BS Anne Frank

Saba-Nur Cheema ist Politikwissenschaftlerin und Pädagogische Leiterin der Bildungsstätte Anne Frank. Die Bildungsstätte bietet Seminare und Workshops zu den Themen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung an. Im Interview erklärt Cheema wie problematisch Blackfacing ist und warum viele die Praxis nicht als rassistisch wahrnehmen.

hessenschau.de: Was ist Blackfacing und woher kommt die Tradition ursprünglich?

Saba-Nur Cheema: Blackfacing ist eine rassistische Praxis, die im 18./19. Jahrhundert in den USA populär wurde und aus der Theater- und Unterhaltungsszene kommt. Weiße Künstler malten sich damals das Gesicht schwarz an, um schwarze Menschen zu spielen. Dick gemalte Lippen und ein debiler Blick sollten den Stereotypen eines fröhlichen, naiven und dummen schwarzen Sklaven darstellen.

Die Shows dienten vor allem dazu, die Bevölkerung zu belustigen. Die rassistische Realität und die Sklaverei wurden dadurch verharmlost und romantisiert. Die Unterdrückung schwarzer Menschen wurde so ins Theater transportiert und weiter verfestigt. Der Erfolg des Blackfacing am Theater führte auch dazu, dass es später in die Werbung übernommen wurde.

hessenschau.de: Welche Bedeutung hat ein schwarz geschminktes Gesicht an Karneval?

Cheema: Man muss sich darüber bewusst sein, welchen Ursprung das Blackfacing hat und sich die Fragen stellen: Warum male ich mein Gesicht schwarz an? Wen möchte ich auf welche Weise darstellen? Mache ich mich lustig über Schwarze? Das Anmalen des Gesichts ist meist mit Kostümen und Verhalten verbunden, die an Theater zu Zeiten der Sklaverei erinnern.

Blackfacing-Tradition

An Karneval will man lustig sein, daher sollte man sich die Frage stellen: "Besteht mein Witz darin, schwarze Menschen als naiv und dumm darzustellen?" Wenn ich mein Gesicht schwarz anmale, muss ich mir bewusst darüber sein, dass ich eine rassistische Tradition fortsetze.

hessenschau.de: Ist ein Indianerkostüm genauso problematisch wie ein schwarz geschminktes Gesicht?

Cheema: Blackfacing und ein Indianerkostüm sind nicht vergleichbar. Hautfarbe ist keine Kleidung und kein Kostüm. Kleidungsstücke können alle an- und ausziehen, eine Hautfarbe nicht. Vielen Lehrerinnen und Lehrern raten wir, das Kind zu fragen, warum er oder sie ein bestimmtes Kostüm tragen will. Gerade bei Kindern und Jugendlichen wird oft deutlich, dass sie keine böse Absicht haben und den Hintergrund bestimmter Verkleidungen gar nicht kennen. Es wäre schön, wenn sich Kitas und Schulen vor allem an Karneval mit solchen Themen auseinandersetzen.

hessenschau.de: Warum empfinden viele bis heute ein schwarz geschminktes Gesicht als rassistisch und diskriminierend?

Cheema: Weil die Praxis einen dezidiert rassistischen Ursprung hat. Außerdem erfahren schwarze Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe auch heute noch Ungleichbehandlung, werden ausgegrenzt oder angefeindet, etwa an Schulen oder auf dem Arbeitsmarkt. Denken wir an den rassistischen Mordanschlag im hessischen Wächtersbach oder die Schüsse auf das Büro des Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby.

Auch Alltagsrassismus bleibt häufig unentdeckt oder wird nicht zur Anzeige gebracht. Dabei entstehen Vorurteile schon früh. Vor kurzem hat mir eine Pädagogin erzählt, dass eine 3-Jährige nicht die Hand eines anderen Kindes halten wollte. Die Eltern hatten ihr gesagt, schwarze Menschen stinken, sie solle sich von ihnen fernhalten.

hessenschau.de: Warum ordnen viele Blackfacing trotzdem nicht als rassistisch ein?

Cheema: Ganz einfach - niemand möchte ein Rassist sein. Oftmals steckt keine böse Absicht dahinter. Außerdem wird Rassismus meistens nur anerkannt, wenn die Motivation eindeutig ist, wie beispielsweise bei den NSU-Morden. Rassismus hat jedoch einen historischen Ursprung und existiert bis heute. Deswegen müssen wir unsere Traditionen, Kultur und Sprache in ihrer Entstehung überprüfen. Unsere Gesellschaft ist lernfähig.

Außerdem ist es wichtig, dass wir betroffenen Menschen zuhören und uns über die Entstehungsbedingungen von Rassismus informieren, anstatt über Kleidungs-und Sprechverbote zu klagen. Ein weniger emotional-aggressiver Dialog zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen ist ebenso notwendig. Gerade jetzt, wo rassistischer und antisemitischer Hass salonfähiger und tödlicher wird, ist die Auseinandersetzung mit historischen Erfahrungen und Kontinuitäten nötig. Dass diese Auseinandersetzung für alle Beteiligten schmerzhaft ist, darauf sollten wir uns alle einstellen.

Das Gespräch führte Anna Dangel.