Eine kilometerlange Schlange von ausreisewilligen Wohnmobil-Urlaubern vor der spanischen Exklave Ceuta im März

Ein Kurztrip nach Marokko - das war der Plan. Neun Wochen später ist Carsten Majer wegen der Corona-Krise immer noch nicht zu Hause. Und der Usinger ist nicht der einzige Zwangsurlauber, der sich im Stich gelassen fühlt.

Immerhin gibt es eine Küchennische. "Da ich sehr gerne koche, ist das zumindest eine Sache, die mir Freude macht", sagt Carsten Majer. Doch aus seiner Stimme spricht Resignation. Denn sein Hotelzimmer wollte er vor acht Wochen schon verlassen haben.

Seitdem ist der 54-Jährige aus Usingen (Hochtaunus) wegen der Coronakrise in der marokkanischen Stadt Agadir gestrandet. Seine Frau, seine erwachsenen Kinder, die eigenen Eltern, die mit ihm in einem Haus leben: Sie alle hat er so lange nicht mehr gesehen.

Flugstornierung ohne Nachricht

Carsten Majer an der Bucht von Agadir

Eigentlich wollte Majer nur eine Woche Urlaub in Marokko machen. Den Rückflug hatte er für den 18. März gebucht. Doch wegen der Ausbreitung des Coronavirus in Europa schloss Marokko innerhalb weniger Tage seine Grenzen. Majers Flug wurde storniert, genauso wie seine Umbuchung für den 22. März. Benachrichtigt hatte ihn niemand, gemerkt hat er es erst kurz vor der Fahrt zum Flughafen. "Die Stornierung ist uns nur aufgefallen, weil meine Frau jeden Tag auf der Website der Fluggesellschaft nachgeschaut hat", erzählt er. Und weil sich Majer auf den eigenen Rückflug verlassen hatte, verpasste er den letzten Rückholflug der Bundesregierung aus Marokko um einen Tag.

Nun sitzt Kurzurlauber Majer aus Usingen allein auf seinem Hotelzimmer in Marokko fest. Erst am Montagabend, nach acht Wochen voller Ungewissheit, dann die Nachricht: Die Botschaft teilte ihm mit, dass am 15. Mai sein Rückflug gehen soll. Majer hofft, dass es dieses Mal klappen wird.

Anderen geht es nicht besser

Wie viele Reisende aus Deutschland noch in Marokko festhängen, kann das Auswärtige Amt nicht exakt beziffern. Aber es dürften einige sein. Die Deutsche Botschaft in Rabat schrieb am 20. April auf ihrer Facebookseite: Sie habe "dank der exzellenten Zusammenarbeit mit den marokkanischen Behörden über 6.000 gestrandete deutsche Touristen zurückholen (können). Damit wurden 90 Prozent der Deutschen in die Heimat ausgeflogen." Demnach dürften derzeit noch rund 600 Deutsche wie Majer in dem nordafrikanischen Land festsitzen. Reisende, die noch dort sind, gehen von mehr als 1.000 Urlaubern aus.

Auf eigene Faust auszureisen, ist nicht möglich. Marokko hat den Luft- und Schiffsverkehr gesperrt, die Grenzen sind dicht. Eine Ausreise über das Mittelmeer nach Europa ist unmöglich, der Fährverkehr ist bis auf sporadische Fähren eingestellt. Das Auswärtige Amt schreibt in seinen Reisehinweisen: Eine Einreise nach oder Ausreise aus Marokko sei derzeit "faktisch unmöglich".

Kilometerlange Schlangen

Gerade die deutschen Touristen, die im Land mit Auto oder Wohnmobil unterwegs sind, sind gefrustet. Sie waren im März hektisch aus dem Süden in Richtung der spanischen Exklave Ceuta gereist. Sie hofften, von dort per Fähre auf das europäische Festland übersetzen zu können. Doch Spanien hatte kurz zuvor auch die Grenzen seiner Exklaven dicht gemacht. Daher standen Ende März Wohnmobile in kilometerlangen Schlangen vor der spanischen Grenze.

Seit Wochen versuchen Betroffene, die raren Fährtickets zu ergattern. Viele üben Kritik an der Botschaft in Rabat: ständig besetzte Telefonleitungen, keine ausreichenden Informationen. Ein Rückflug ist für viele von ihnen keine Option, weil sie schlecht ihr Wohnmobil oder Auto zurücklassen können und wollen.

Für einige, die fliegen können, gibt es dagegen nun eine Perspektive: "Ende dieser Woche werden kommerzielle Flüge nach Deutschland stattfinden", schrieb die Deutsche Botschaft in Rabat am Montagabend auf ihrer Facebookseite. Die Betroffenen würden direkt kontaktiert.

Kritik an Informationspolitik der Botschaft

Besonders glücklich ist Carsten Majer über die Informationspolitik der Botschaft nicht. Er hat in den vergangenen Wochen täglich die Facebookseite der Botschaft besucht. Dort sollte er sich informieren. Geholfen hat ihm das lange nicht. Die Informationen waren spärlich - und teils widersprüchlich. "Erst hieß es, man solle in keinem Fall zur Küste fahren, dann wurde auf einmal über vereinzelte Fährverbindungen berichtet. Das war sehr frustrierend."

Manchmal hatte er sogar das Gefühl, als gebe die Botschaft Verbliebenen wie ihm die Schuld an ihrer Notlage. So habe Botschafter Götz Schmidt-Bremme von den Verbliebenen als denjenigen geschrieben, "die die Ausreisemöglichkeiten der letzten Wochen nicht genutzt haben" - als habe Majer nicht alles versucht.

Ausnahmezustand bis 20. Mai verlängert

Marokko hat seinen Ausnahmezustand bis zum 20. Mai verlängert. Bislang gibt es keine offizielle Ankündigung der Behörden, die strikten Corona-Maßnahmen zu lockern. Die Fluglinie Air France hat immerhin verkündet, ihre Verbindungen nach Marokko Anfang Juni wieder aufzunehmen.

Wenn für Carsten Majer alles gut geht, ist er da schon wieder zu Hause. Zehn Wochen wird er dann in Marokko gewesen sein - statt einer. Tagein, tagaus im Hotel zu leben, das ist auch finanziell belastend. Immerhin: Das Hotel, in dem er und ein weiterer Mann die beiden einzigen Gäste sind, wird ihn nicht vor die Tür setzen, egal was kommt. Das hat man ihm zugesichert.