Links sitzt eine Frau mit Gitarre, rechts neben ihr eine alte Frau, die mit ihr zusammen singt.

Bei Menschen mit Demenz verschlechtern sich das Gedächtnis, das Sprachzentrum und die Orientierung. Mit Musik lassen sich die Schwerkranken dennoch erreichen.

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"Tag der Musik" – Wie Musik Demenzkranken helfen kann

hessenschau vom 20.05.2022
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Wer an Demenz erkrankt, zieht sich häufig völlig zurück. Zu erreichen seien die Patienten dann am besten mit kreativ-therapeutischer Intervention, mit Musik und Kunst, sagt der Psychologe und Musikwissenschaftler Arthur Schall vom Institut für Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt.

hessenschau.de: Herr Schall, Sie forschen im Bereich der Altersmedizin. Was nutzt eine Musiktherapie bei Menschen mit Demenz?

Arthur Schall: Menschen mit Demenz leiden vor allem unter nachlassender Gedächtnisleistung und zunehmendem Verlust von Sprache und Orientierung. Was jedoch bis zuletzt bleibt, ist das Bedürfnis zu kommunizieren und sich emotional mitzuteilen. Musiktherapie kann einen emotionsbasierten und sprachfreien Zugang zu demenziell Erkrankten bieten und auf diese Weise zu mehr Wohlbefinden und Lebensqualität beitragen.

hessenschau.de: Was passiert dabei im Körper?

Schall: Dass Musik sich auch körperlich auswirkt, kennt wahrscheinlich jeder: Bei lauter, schneller Musik steigt der Puls, die Atemfrequenz erhöht sich - man ist angeregt und aktiviert. Während hingegen bei langsamer, leiser Musik genau das Gegenteil im Körper passiert. Es wirkt beruhigend und entspannend. Wenn wir die Musik besonders mögen, werden das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert und sogenannte Glückshormone wie Dopamin und Endorphine ausgeschüttet. Diese Effekte kann man auch therapeutisch nutzen.

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hessenschau.de: Wieso hat Musik so eine besondere Wirkung?

Schall: Der Einsatz von Musik zu Therapiezwecken ist so alt wie die Menschheit selbst. Zu Urzeiten waren es schamanische Gesänge und Rituale, und bereits in der Antike wurde Musik zum Lindern psychischer Erkrankungen genutzt, unter anderem bei Depressionen - auch wenn das damals nicht so genannt wurde. Bei Demenz lässt sich Musik als emotionales Kommunikationsmittel bis in die Spätphase der Krankheit nutzen. Nicht umsonst wird Musiktherapie oftmals als Königsweg zur Welt von Menschen mit Demenz bezeichnet.

hessenschau.de: Warum?

Schall: Weil wir dabei keine Sprache brauchen. Musiktherapie ist ein ressourcenorientierter Ansatz, der nicht danach schaut, was der Mensch nicht mehr kann, sondern danach, was noch geht, wo es also Potenziale gibt, an die man anknüpfen kann. Dabei darf man natürlich nicht davon ausgehen, dass Musiktherapie die Demenz heilen oder reversibel wirken könnte, das heißt den Demenzverlauf umkehren. Aber auch gängige Medikamente können lediglich den Verlauf der Erkrankung verlangsamen und die Symptome abschwächen.

Ein Mann steht vor einem gelben Gebäude, er trägt ein schwarzes Hemd und eine Halskette - und hat kurze braune Haare.

hessenschau.de: Und Medikamente haben möglicherweise noch Nebenwirkungen.

Schall: Richtig. Oft haben Menschen mit Demenz depressive Symptome oder sind apathisch. Manche neigen zu Agitationen, sind dann unruhig oder sogar aggressiv. In Pflegeeinrichtungen führt das dazu, dass häufig entsprechende Medikamente gegeben werden. Darauf könnte man aber vielleicht verzichten, wenn Musiktherapie gezielt einsetzt wird - und das ohne Nebenwirkungen. Musik wirkt emotionsregulierend und kann zum Beispiel agitierte Personen beruhigen oder bei Apathie emotional anregen und die Stimmung verbessern.

hessenschau.de: Ist die Art der Musik egal - würde also ein aktueller Hip-Hop-Track bei einem 90-jährigen Demenzkranken helfen?

Schall: Die musikalische Biographie der Menschen ist für die Wirkung ganz entscheidend. Wir sind am stärksten durch die Musik unserer Kindheit und Jugend geprägt: beispielsweise das Lied, das man beim ersten Kuss gehört oder mit Freunden am Lagerfeuer gesungen hat. Emotionale Erlebnisse sind oft mit bestimmter Musik verbunden. Wenn dieses Stück dann erklingt, ist das Erlebnis wieder da, welches ohne die Musik von Menschen mit Demenz nicht mehr abgerufen werden könnte. Denn diese Gedächtnisinhalte sind nicht weg, nur der Zugang zu ihnen ist aufgrund der Demenz nicht mehr möglich, weil das Gehirn, vereinfacht gesagt, nicht mehr weiß, wo es nach diesen Erinnerungen suchen muss.

Das Langzeitgedächtnis für Musik bleibt dagegen von demenziellen Abbauprozessen ziemlich lange verschont. Warum das so ist, wurde noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht aber, dass Musik ein Umweg sein kann, um an scheinbar verlorene Gedächtnishinhalte heranzukommen.

Foto: Hände halten eine Querflöte, geführt an den Mund. Davor ein Notenständer.

hessenschau.de: Wie hilfreich ist Musik präventiv - also vor der Diagnose Demenz?

Schall: Regelmäßiges aktives Musizieren, lange bevor es irgendwelche Anzeichen für Demenzsymptome gibt, kann helfen, um zumindest die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Erkrankung zu senken. Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen, die ein Instrument spielen oder im Chor singen, seltener eine Demenz entwickeln. Dasselbe gilt übrigens auch für Menschen, die regelmäßig tanzen oder Schach spielen.

Das Interview führte Dominik Nourney.

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