Stühle stehen in der Bar Switchboard verkehrt herum auf Tischen.

Alle Bars, Clubs und Restaurants sind geschlossen. Darunter leiden nicht nur die Betreiber, sondern auch die Gäste. Vor allem queere Bars haben eigentlich eine enorme Bedeutung, die über Party und Geselligkeit hinaus geht.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Mehr als nur ein Ort für das Feierabendbier – Queere Bars fürchten um Existenz

mt081220
Ende des Videobeitrags

Ausgehen, was trinken gehen, die gemeinsame Weihnachtsfeier - in diesem besonderen Dezember ist das alles nicht möglich. Eine Gruppe, die enorm darunter leidet, sind Menschen aus der queeren, also LGBTIAQ-Community. Denn die queeren Bars oder Clubs sind nicht nur Orte, um sich mit Freunden zu treffen. Sie sind mehr: Es sind auch Zufluchtsorte.

Die Bars seien einerseits Schutzräume, andererseits Räume der Vernetzung und des Austausches, erklärt Christian Gaa vom Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt. "Hier entsteht das Gefühl einer zweiten Familie, die es auch tatsächlich ist. Gerade für Queers die von ihren Eltern verstoßen wurden, oder überhaupt keine Familie mehr haben."

In Frankfurt gibt es zum Beispiel das La Gata. Frankfurts einzige und weltweit älteste Bar für lesbische, bisexuelle und queere Frauen. Erika "Ricky" Wild ist seit 1971 Inhaberin und will im nächsten Jahr Jubiläum feiern - 50 Jahre La Gata. Sie hofft, dass sie die Zeit bis dahin überstehen wird. Die Situation jetzt frustriere sie sehr.

Erika "Ricky" Wild im La Gata in Frankfurt

"Ich bin traurig. Sehr traurig. Ich vermisse doch meine Leute. Ich liebe doch meine Mädels über alles. Mein La Gata ist mein Kind." Was jedoch noch schwerer wiegt: Die Bar sei ein wichtiger Ort für lesbische Emanzipation, Freiheit, Ebenbürtigkeit und Gemeinschaft.

Spenden sollen queere Bars retten

Für die Gastronomie gibt es staatliche Corona-Hilfen, doch die reichen häufig nicht aus, um die monatlichen Fixkosten zu begleichen. Um die queeren Bars zu retten, ruft das Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt zu Spenden auf. Queere Bars seien nun mal mehr als ein Spaßbetrieb, betont Mitinitiatorin Josefine Liebing.

Auch die Bar Switchboard hat mit dem Lockdown Light zu kämpfen und hofft auf Unterstützung. Es ist eine Bar, ein Café und eine Bühne - vor allem für Homosexuelle. Das Switchboard wurde 1988 von schwulen Gruppen in Frankfurt geplant und von der Aids-Hilfe ins Leben gerufen. Es war damals der erste Ort in Frankfurt, an dem sich auch HIV-Infizierte ohne Stigmatisierung treffen konnten. Heute ist es eine der bekanntesten Schwulenbars der Stadt.

Historische Aufnahme aus den Anfangszeiten der Bar Switchboard in Frankfurt

Die Bar läuft unter dem Dach der Aids-Hilfe, die ein gemeinnütziger Verein ist. Rund 50, größtenteils ehrenamtliche Mitarbeiter, arbeiten dort. Das Förderprogramm zur Unterstützung der Gastronomie greift nicht. Die einzige Möglichkeit seien Überbrückungshilfen. Dies seien aber Kredite, die zurückgezahlt werden müssten, erklärt Christian Gaa.

An Weihnachten eine Art Ersatzfamilie

Für Roland Marzinowski, Projektleiter des Switchboard, ist die Bar das "Wohnzimmer der LGBTIQ-Community." Normalerweise herrscht in der Advents- und Weihnachtszeit Hochsaison, denn es treffen sich dann auch Gruppen und Vereine. Viele Gäste kommen auch, weil sie keine Familie haben, mit der sie feiern könnten.

"Die, die keine feste Kernfamilie haben, nicht zu ihr möchten oder sogar dürfen, dass man für die jetzt keinen zweiten Rückzugsort hat, trifft sie häufig schwer", erklärt Robert Ruckdäschel, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Switchboard.

Der Community fehlt das Wohnzimmer

Auch Wirtin Ricky Wild hat normalerweise an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen ihr La Gata geöffnet. An Heiligabend sei das besonders wichtig, denn sehr viele Frauen seien alleine. Ihre Gäste verwöhnt sie mit Weihnachtstellern und Likörfläschchen.

Diese persönliche Stimmung schätzt Verena David, Vorstandsmitglied der Aids-Hilfe Frankfurt. Seit 20 Jahren besucht sie das La Gata regelmäßig. "Hier ist es nicht so wie in anderen Lokalen. Das ist wie in einer Familie. Man hat das Gefühl geborgen zu sein." Dass das jetzt nicht gehe, falle vielen schwer.

Ähnlich sieht das auch Christy Moon, die unter der Woche ein Mann ist und zum Wochenende in die Rolle einer Frau schlüpft. In queeren Lokalen ist sie fast an jedem Wochenende unterwegs, tritt dort auch als Drag Queen auf. In queeren Bars könne man so sein wie man ist, sich frei entfalten und Spaß haben.

Wichtige Orte der Freiheit

Gerade für Leute, die Probleme mit ihrem Outing hätten, ob aus kulturellen, religiösen oder familiären Gründen, seien die queeren Orte wichtig, um sich frei zu fühlen. "Für die ist es jetzt wahrscheinlich noch schwieriger, keine Orte zu haben, wo sie hingehen können."

Eine kleine Flucht hat Christy für sich und ihre Freunde auf Instagram geschaffen. Jeden Dienstag veranstaltet sie einen Livestream. Manchmal schaltet sie sich mit anderen Drag Queens zusammen und sie bereiten eine lustige Show vor. "Es ist gut, dass es Social Media gibt. Ich glaube, es wäre ziemlich hart und langweilig und auch ein bisschen trostlos, wenn es das jetzt nicht geben würde."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 8.12.2020, 18 Uhr