Eine Krankenschwester dokumentiert auf der Intensivstation neben dem Bett eines Corona-Patienten die Behandlungsschritte

Der Shutdown wirkt bisher nicht wie erhofft, die Zahl der Neuinfektionen sinkt nach den Feiertagen nur langsam. In den Krankenhäusern entspannt sich die Situation zwar, doch Mediziner und Politiker trauen dem nicht.

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zum Video Rückgang der Corona-Zahlen ist keine Trendwende

Interview mit Jan Eggers über den Verlauf der Corona-Zahlen
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Wann wirkt der Shutdown? An den Zahlen der Corona-Toten lässt sich ein Erfolg bislang nicht ablesen - im Gegenteil: In der vergangenen Woche erreichte Hessen Höchstwerte und übertraf sogar die Sterblichkeit in den USA. Auf den Intensivstationen kämpften Ärzte und Pflegepersonal auch an den Feiertagen mit Hochdruck um die Leben der Schwerkranken.

Ein wenig durchatmen dürfen die Krankenhäuser allerdings - denn die Kurve der stationären Corona-Patienten hat im Januar einen Knick nach unten genommen. Auch die Zahl der Patientinnen und Patienten, die auf einer Intensivstation liegen, nimmt seit einigen Tagen beständig ab. Ein Anlass zur Hoffnung?

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"Meldelücke" über die Feiertage

Welchen Verlauf die Pandemie in Hessen nimmt, war zuletzt schwer zu beurteilen. Die von den Gesundheitsämtern gemeldeten Neuinfektionen waren zum Jahresende wenig aussagekräftig, denn über die Feiertage wurde weniger getestet.

Fachleute wie der Virologe Christian Drosten rechneten zudem damit, dass viele Infizierte mit nur leichten Symptomen über die Feiertage eher zuhause bleiben würden statt zum Arzt zu gehen, und sprachen von einer "Meldelücke". Mediziner befürchteten zudem mehr Ansteckungen durch Familienbesuche - was man in den USA an Thanksgiving beobachtet hatte.

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Mutationen haben Hessen erreicht

Erst jetzt also sind die Zahlen wieder aussagekräftig - und auch wenn die Trendlinie nach unten zeigt, geht die Zahl der täglich gemeldeten Fälle kaum zurück. Viele Experten hatten dagegen auf einen schnellen Rückgang der Neuinfektionen gehofft - auch, weil die Krankenhäuser Reserven brauchen.

Denn die deutlich infektiöseren Mutationen des Coronavirus sind inzwischen auch in Hessen angekommen. Erst steckte sich ein Mann aus Frankfurt mit der britischen Variante an, dann wurde die südafrikanische in einem Limburger Altenheim nachgewiesen. Die Mutationen sind um die Hälfte ansteckender als die vorherrschenden Virenstämme und werden sich deshalb wohl schnell ausbreiten. Zusätzlich stecken sich immer noch wöchentlich fast 10.000 Hessinnen und Hessen mit dem nicht-mutierten Coronavirus an.

Hoher Anteil älterer Neuinfizierter

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Ein weiterer Grund zur Sorge ist das Alter der Neuinfizierten, denn unter ihnen waren zuletzt viele über 60-Jährige - mehr, als es dem Altersschnitt der hessischen Bevölkerung entsprechen würde. Es ist demnach nicht gelungen, diese Bevölkerungsgruppe ausreichend zu schützen. Da ältere Menschen besonders gefährdet sind, ging ein hoher Anteil von älteren Infizierten bisher stets mit einem Anstieg der schweren Corona-Fälle einher.

Ministerium warnt, Kliniken atmen durch

Entsprechend vorsichtig ist die Politik: "Eine abschließende Bewertung des Rückgangs ist derzeit noch nicht möglich", lässt sich Sozialminister Kai Klose (Grüne) zitieren. "Für die weitere Planung gehen wir davon aus, dass es sich noch längst nicht um eine endgültige Trendwende handelt." Auch, weil es angesichts der Mutation des Virus verfrüht sei, von einer Trendwende zu sprechen, habe man die Krankenhäuser aufgefordert, sich auf eine konstante Zahl von Patienten mit Covid-19 einzurichten.

In manchen Krankenhäusern ist der Rückgang der schweren Infektionsfälle allerdings aufgefallen. Eine vom hr kontaktierte große Klinik berichtet, man habe bereits Betten von der Covid-Station räumen können - und schließt auch aus, dass es sich bei dem gemeldeten hessenweiten Rückgang um eine Meldelücke handelt.

Sinkende Zahlen kaum zu erklären

Die Zahlen der Corona-Fälle auf den Intensivstationen würden von den Krankenhäusern täglich an die Intensivmediziner-Vereinigung DIVI gemeldet und seien entsprechend aktuell. Auch die Feiertage könnten nicht für weniger Fälle verantwortlich sein – denn wer intensivmedizinisch betreut werden müsse, bekomme diese Hilfe auch an einem Feiertag.  

Und so bleibt der Eindruck, dass weder Wissenschaftler noch Politik den Rückgang erklären können. Es sei leider möglich, dass es sich dabei nur um eine vorübergehende Schwankung handelt, heißt es aus der erwähnten Klinik. Fest steht aber auch, dass das Personal auf den Intensivstationen die Atempause gut gebrauchen kann.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.01.2021, 19.30 Uhr