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Frankfurter Schulleiter kämpft gegen ungewollten Ruhestand - und bekommt Unterstützung

Collage: Links Portrait Mathias Koepsell, rechts Eingang des Adorno-Gymnasiums

Unruhe am Adorno-Gymnasium in Frankfurt: Der Schulleiter beantragt eine Verlängerung seiner Dienstzeit, das Kultusministerium lehnt ab. Aber das nehmen Schüler und Eltern nicht hin.

Die Petition von Martina Kronenberg ist am Freitagmorgen erst zwei Tage lang online, darunter stehen aber bereits 1.300 Unterschriften und 400 Kommentare. "Wir fordern Dienstzeitverlängerung für Mathias Koepsell", lautet der Titel der Petition, die die Mutter einer Sechstklässlerin am Adorno-Gymnasium in Frankfurt gestartet hat.

Koepsell ist der Direktor des Gymnasiums - oder, wie Kronenberg sagt, "das Herz der Schule, der beste Schulleiter, den man sich wünschen konnte". Der 65-Jährige erreicht im Sommer sein Ruhestandsalter. Doch er würde gerne länger im Dienst bleiben und den ersten Abiturjahrgang der vor wenigen Jahren gegründeten Schule verabschieden.

"Dabei geht es nicht um mich", sagt Koepsell im Gespräch mit dem hr. Es gehe ihm um die Gemeinschaft an der Schule. Sein Antrag auf Dienstzeitverlängerung, den er im Sommer 2021 einreichte, sollte "ein Entgegenkommen, ein Dienst für die Schule sein", wie er sagt. Der Antrag wurde vom hessischen Kultusministerium abgelehnt. "Es bestünde keinerlei dienstliches Interesse", habe man ihm am Montag mitgeteilt.

Sein letzter Arbeitstag wäre am 31. Januar

Damit wäre für den 65-Jährigen am 31. Januar der letzte Arbeitstag. Allerdings ist die Stelle noch nicht neu ausgeschrieben. Und so kam es, dass Koepsell nun doch länger bleiben darf.

Einen Schulleiter im laufenden Schuljahr ohne Nachbesetzung zu verabschieden, daran habe man auch im Kultusministerium kein Interesse, heißt es dort auf Nachfrage. "Gemeinsam mit Herrn Koepsell haben wir einen Weg gefunden, dass er bis zum Sommer als Schulleiter tätig ist", teilt ein Sprecher des Ministeriums mit.

Weshalb aber erst die Ablehnung seines Antrags und nun die Einigung auf ein weiteres halbes Jahr?

Ministerium: Uns fehlten Informationen

Der Sprecher des Ministeriums räumt ein, dass der übergeordneten Behörde in Wiesbaden wichtige Informationen in dem Fall gefehlt hätten. Genauere Auskünfte zu einer Personalie dürfe er aber nicht machen.

Schulleiter Koepsell berichtet von einem Gespräch im Kultusministerium am Mittwoch. Dabei sei ihm bewusst geworden: "Die Entscheidung ist offenbar getroffen worden, ohne sich überhaupt die Situation an der Schule zu Gemüte zu führen."

Denn das noch junge Adorno-Gymnasium hat eine lange Vorgeschichte. Ursprünglich als Gymnasium Nied geplant, starteten die ersten Jahrgänge 2015 in einer Container-Anlage im benachbarten Stadtteil Höchst, ebenfalls tief im Frankfurter Westen.

"Sie sind sich vorgekommen wie die Ausgestoßenen"

Laut Schulelternbeirat kamen damals 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus weit entfernten Stadtteilen. Es seien die Kinder gewesen, die an beliebten Schulen, etwa im Nordend, abgelehnt worden seien, weil dort kein Platz mehr für sie gewesen sei. "Sie sind sich vorgekommen wie die Ausgestoßenen", sagt Schulleiter Koepsell. Den Schaden, den das verursacht habe, spüre man noch immer.

Mittlerweile befindet sich die Schule im nördlichen Westend und damit deutlich näher am Stadtzentrum. Rund 1.100 Schülerinnen und Schüler besuchen sie. Es gibt einen eigenen Schulhund, das Gymnasium schmückt sich mit mehreren Auszeichnungen. "Das ist das Verdienst des Schulleiters und des Kollegiums, das er aufgebaut hat", sagt die Elternbeiratsvorsitzende Stefanie Horn.

Schulleiter: Starke Bindung an Kinder

Der älteste Jahrgang besucht mittlerweile die elfte Klasse. "Diese Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen", sagt Koepsell. So sei er auf die Idee gekommen, den Jahrgang noch bis zum Abitur zu begleiten und zwei Jahre über sein Ruhestandsalter hinaus im Dienst zu bleiben.

Im Juni 2021 habe er darüber mit dem Staatlichen Schulamt gesprochen. Das habe ihm gleich klar gemacht, dass eine solche Verlängerung immer nur für ein Jahr genehmigt werde.

"Verlängerung ist eine absolute Ausnahme"

Nach Aussage des Sprechers des Kultusministeriums ist aber selbst das eine "absolute Ausnahme", die es jährlich nur ein- bis zweimal in ganz Hessen gebe. Man müsse dauerhafte Nachfolgerinnen und Nachfolger finden und jüngere Menschen als Schulleiter positionieren. An Gymnasien gebe es im Übrigen anders als an Grundschulen genügend Nachwuchs an Lehrkräften.

Es gehe gar nicht darum, jüngeren Lehrkräften eine Chance zu nehmen, sagt Martina Kronenberg. "Diese Schule ist noch im Aufbau, es ist Corona - wir finden einfach, das geht nicht, dass der Schulleiter so abrupt geht", sagt die Mutter einer Adorno-Schülerin. Deshalb habe sie mit zwei weiteren Eltern die Petition gestartet. Auch der Schulelternbeirat wurde aktiv und wandte sich in einem offenen Brief an das Kultusministerium.

Tränen und schwarze Kleider im Kollegium

Im Kollegium habe er in dieser Woche schwarze Kleider und Tränen gesehen, erzählt Koepsell. Das habe ihn sehr berührt. "Nicht schön ist, dass die Bildungsverwaltung diese Schule in ihrer Besonderheit überhaupt nicht im Blick hatte", sagt der 65-Jährige.

Eine weitere Besonderheit, die offenbar nicht beachtet wurde, ist das Arbeitszeitkonto von Koepsell. Vor seiner Tätigkeit als Schulleiter hat der Lehrer einige Zeit selbst im Kultusministerium gearbeitet. Aber die Verantwortlichen dort hätten nun nicht gewusst, dass aus dieser Zeit noch ein halbes Jahr an Überstunden übrig sei, sagt Koepsell: "Sie haben nicht richtig recherchiert."

Deshalb sei das Ministerium von einem Ruhestandseintritt im kommenden Sommer statt bereits Ende Januar ausgegangen und habe noch nicht nach einer neuen Besetzung für die Stelle gesucht. "Jetzt haben sie mich gebeten, dass ich ihnen aus der Patsche helfe", so der Eindruck des Schulleiters.

Koepsell will Übergang gestalten

Die "gemeinsame Lösung", von der das Kultusministerium berichtet, habe darin bestanden, dass Koepsell in einer Mail an das Schulamt darum bitten sollte, ihn noch ein halbes Jahr arbeiten zu lassen. "Dann habe ich gesagt, es geht nicht um mich als Person - ich habe doch gar nichts dagegen, in Ruhestand zu gehen."

Für den verwaltungstechnischen Übergang habe er bereits vorgesorgt, sagt Koepsell. Es brauche jedoch eine Übergangszeit, um sich von Schülerinnen, Schülern und Eltern zu verabschieden. Die Mail mit der Bitte, bis zum Sommer weiterzuarbeiten, hat der beliebte Gymnasialleiter nun an das Schulamt geschickt.