Uni Gießen Hauptgebäude
Hauptgebäude der Universität Gießen Bild © Imago Images

Die Universität Gießen bezahlt einen Dienstleister, der die Studenten aufs Staatsexamen vorbereitet. Grund ist die immens hohe Durchfallquote im Fachbereich Medizin. Die Uni sagt, man setze eben andere Schwerpunkte.

Das schriftliche Physikum ist die erste richtig große Hürde im Medizinstudium - zwei Tage, acht Fächer, 320 Multiple-Choice-Fragen. Nur wer dieses erste Staatsexamen und das mündliche Pendant besteht, darf nach dem Ende des vierten Semesters weiter studieren.

Und das war in Gießen zuletzt das Problem. Mehr als 20 Prozent der Teilnehmer sind im letzten Herbst durch die schriftliche Prüfung gefallen, der höchste Wert deutschlandweit und fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Deshalb hat die Uni jetzt Hilfe von außen geholt: Die Marburger Firma Medi-Learn soll die Studenten in einem sechswöchigen Intensivkurs auf die Klausur vorbereiten. Das Besondere daran: Das Studiendekanat übernimmt die kompletten Kosten. Zuerst hatte die Frankfurter Rundschau darüber berichtet.

Geschäftsmodell Staatsexamen

Medizinstudenten durchs Staatsexamen zu bringen, ist das Geschäftsmodell von Medi-Learn. Die Firma wirbt damit, die Zahl der Durchgefallenen in etwa zu halbieren. Dafür gibt es zum Beispiel einen Intensivkurs in Marburg. Der dauert 37 Tage, kostet über 2.000 Euro, und da ist die Unterkunft noch nicht mal dabei. Zusätzlich zum Unterricht in Gruppen mit Schulklassengröße und Prüfungssimulationen lernt man dann auch unter psychologischer Anleitung, Prüfungsangst zu bekämpfen.

Aber, berichtet Geschäftsführer Bringfried Müller, seit einigen Jahren gehe man auch mit einer abgespeckten Version des Programms an die Unis. Dann sind die Gruppen bis zu 200 Teilnehmer groß, und psychologische Betreuung gibt es auch nicht. Dafür zahlen die Studenten nur 150 Euro - oder wie eben jetzt in Gießen nichts.

Der Uni geht es um Ärzte, nicht um das richtige Ankreuzen

Seit der Abschaffung der Studiengebühren sei dies das erste Mal, dass eine Universität die Kosten von immerhin mehreren zehntausend Euro übernimmt, sagt Müller. Für Dieter Körholz, Studiendekan des Fachbereichs Medizin, eine Frage der Chancengleichheit. Studenten ohne reiches Elternhaus hätten schon genügend Nachteile, da solle nicht auch noch die Kursgebühr hinzu kommen.

Ihn stört, dass die Universität in der Außenwahrnehmung an den Ergebnissen der Multiple-Choice-Tests gemessen wird. Zumal diese Zahlen deutlich schwanken, wie ein Rückblick auf die vergangenen Jahrgänge zeigt (siehe Grafik). "Im Medizinstudium werden Ärzte ausgebildet, und die ärztlichen Kompetenzen werden im abschließenden, dritten Staatsexamen getestet. Darauf stimmen wir unsere Lehre ab."

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Hinterfragen wird nicht abgefragt

So versuche er, die Studenten in den Seminaren zum aktiven Nachdenken anzuregen, statt passives Wissen abzufragen. Beispielsweise bringe die Universität den Studenten bei, wissenschaftliche Studien zu hinterfragen - "das wird in keinem Multiple-Choice-Test abgefragt." Andere Universitäten setzen Körholz zufolge dagegen voll auf die Inhalte der Multiple-Choice-Tests.

Ein Student, der gerade selbst an dem Medi-Learn-Kurs teilnimmt, bestätigt: "Die Universität bildet auf Verständnis aus. Wir lernen, Wissen zu erklären und zu vermitteln." Das finde er "sehr intelligent", nur: "Was man kreuzen muss, entspricht eben nicht exakt dem, was wir gelernt haben."

Auch Fachschaftsrätin Anne Lindemann begrüßt die Initiative: Dass die Uni die Kosten übernehme, "zeugt von Wertschätzung." Sie spricht aber von einer "Überganslösung", die Studentenvertreter seien in Gesprächen mit dem Studiendekanat, um die Lehre nachhaltig zu verbessern. Sie hofft auf eine Kettenreaktion: Durch Veränderungen steige die Motivation auf allen Seiten, und schon würden auch die Ergebnisse besser.

Viele Studenten mit Berufsausbildung

Als möglichen weiteren Grund für die vielen nicht bestandenen Prüfungen sieht Dekan Körholz die Zusammensetzung der Studenten. So vergebe die Uni Gießen bis zu 15 Prozent ihrer Plätze an Studienanwärter mit abgeschlossener Berufsausbildung - "das hilft im Arztberuf, ist fürs Physikum aber nicht unbedingt förderlich. Dort hiflt das frische Wissen aus der Oberstufe."

Auch die bundesweite Zentrale Vergabe der Studienplätze (ZVS) spielt seiner Meinung nach eine Rolle. Schließlich wollten Menschen mit herausragender Abitur-Note - also 1,0 oder besser - eher in Städte wie München, Freiburg, Berlin oder Hamburg. Und es sei nunmal nachgewiesen, dass Menschen mit besserer Abiturnote auch ein besseres Physikum schreiben.

Privatisierung soll nicht der Grund sein

Kein Grund sei dagegen die vor einigen Jahren vollzogene Privatisierung des Uni-Klinikums, sagt Körholz. Der Kostendruck sei "genauso hoch wie an vielen staatlichen Universitäten", so Körholz. Zudem seien die äußeren Rahmenbedingungen in Gießen besser als am staatlichen Universitätsklinikum in Halle, wo er zuvor gearbeitet habe.

Das Experiment mit Medi-Learn soll nun ein Jahr lang dauern, danach sehe man weiter, sagt Körholz. Der Student, der sich gerade auf die Prüfung vorbereitet, sagt: Um die "sehr hohe psychische Belastung" beim Physikum in den Griff zu bekommen, sei der zusätzliche Kurs hilfreich. Lernen müsse man aber immer noch selbst.

Sendung: hr4, 23.01.2019, 16.30 Uhr